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„Hungersnöte biblischen Ausmaßes“: Über 200 Hilfsorganisationen schlagen Alarm und fordern mehr Geld im Kampf gegen den Hunger

Foto: CARE

Derzeit sind nur fünf Prozent der benötigten Hilfsgelder finanziert / Zusätzliche Mittel würden nicht mehr ausmachen als Militärausgaben eines einzelnen Tages

(Wien, 20. April 2021) Bereits vor einem Jahr warnten die Vereinten Nationen vor Hungersnöten biblischen Ausmaßes. Die Warnung verhallte: Gerade einmal fünf Prozent der für 2021 benötigten Hilfsgelder in Höhe von 7,8 Milliarden Dollar, die im Kampf gegen den Hunger benötigt werden, wurden von der internationalen Gebergemeinschaft bislang finanziert. Mehr als 200 Organisationen fordern deshalb in einem offenen Brief alle Regierungen auf, die Hilfe dringend zu erhöhen – und damit zu verhindern, dass in diesem Jahr das Überleben von mehr als 34 Millionen Menschen wegen Hunger und Ernährungsunsicherheit bedroht ist.
 
Zusätzliche Mittel entsprechen weltweiten Militärausgaben eines einzelnen Tages
Erst im Februar riefen das Welternährungsprogramm (WFP) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) dazu auf, zusätzliche Mittel in Höhe von 5,5 Milliarden Dollar für die bedürftigsten Menschen weltweit bereitzustellen. Diese Summe entspricht in etwa den weltweiten Militärausgaben eines einzelnen Tages: Im gesamten Jahr 2019 gaben die Staaten 1,9 Billionen Dollar für Militärausgaben aus. Doch während immer mehr Menschen hungrig zu Bett gehen, nehmen die Konflikte zu.
 
Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin CARE Österreich: „Es ist keineswegs zeitgemäß, dass weltweit täglich Milliarden für Waffen und die Rüstungsindustrie ausgegeben werden und gleichzeitig Hilfsorganisationen im Jemen, Syrien oder der Demokratischen Republik Kongo um jeden Cent bitten müssen. Und am härtesten trifft es wie immer Frauen und Mädchen. Dabei zeigt unsere Erfahrung, dass sie der wichtigste Schlüssel im Kampf gegen den Hunger sind. Wenn wir das nicht endlich begreifen, werden wir es auch in Zukunft nicht schaffen, Hungersnöte zu verhindern oder effektiv zu bekämpfen.“
 
Lebensmittelpreise und Anzahl Hungernder auf Höchststand
Ende 2020 schätzten die Vereinten Nationen, dass 270 Millionen Menschen entweder stark von Hunger bedroht sind oder bereits von akutem Hunger betroffen. Schon jetzt trifft dies für 174 Millionen Menschen in 58 Ländern zu. Viele von ihnen sind in Gefahr, an Nahrungsmangel oder der Schwächung ihres Immunsystems zu sterben. Die Zahl der Notleidenden wird in den kommenden Monaten noch steigen, wenn nicht sofort etwas unternommen wird. Weltweit sind die durchschnittlichen Lebensmittelpreise jetzt auf dem höchsten Stand seit sieben Jahren. Bewaffnete Konflikte sind die Hauptursache für den weltweiten Hunger, der auch durch den Klimawandel und die Covid-19-Pandemie verschärft wird. Vom Jemen über Syrien, Afghanistan und den Südsudan bis hin zum Norden Nigerias treibt Gewalt Menschen in existenzielle Not.
 
Andrew Morley, Präsident und CEO von World Vision International:
„Lassen Sie mich direkt sein: Es gibt keinen Platz und keine Entschuldigung für so große Hungersnöte im 21. Jahrhundert. Die Tatsache, dass wir diesen Punkt erreicht haben, zeigt ein klares und katastrophales moralisches Versagen der internationalen Gemeinschaft. Wir schulden den Kindern dieser Welt größere Anstrengungen, um ihr Leben zu schützen, ihre Potentiale zu fördern und Grundlagen für eine hoffnungsvolle Zukunft zu schaffen.“
 
Die über 200 Organisationen fordern, dass der zu Beginn der Pandemie erfolgte Aufruf des UN-Generalsekretärs zu einem globalen Waffenstillstand erhört und umgesetzt wird. Um Leben zu retten, müssen die Entscheidungs- und Verantwortungsträger*innen in aller Welt dauerhafte und nachhaltige Konfliktlösungen unterstützen und humanitären Helfer*innen Zugang zu Menschen in Krisengebieten ermöglichen.  
 
Hinweise für die Redaktionen: 

  • Im ersten Quartal 2021 haben die Geber nur 6,1 % der insgesamt 36 Milliarden US-Dollar bereitgestellt, die die UNO für dieses Jahr fordert. Im Bereich der Ernährungssicherheit haben die Geber nur 5,3 % (415 Millionen US-Dollar) der insgesamt angeforderten 7,8 Milliarden Dollar bereitgestellt (Stand: 7. April 2021).
  • Die Zahlen zu den Militärausgaben basieren auf einem Bericht des Stockholm International Peace Research Institute aus dem Jahr 2019, der die globalen Militärausgaben auf 1,9 Billionen Dollar schätzt. 
  • Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) waren die weltweiten Lebensmittelpreise im Februar 2021 auf dem höchsten Stand seit sieben Jahren.  
  • Im Global Humanitarian Overview 2021 warnte die UNO im Vorjahr, dass die Zahl der akut von Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen bis Ende 2020 auf 270 Millionen ansteigen könnte. FAO und WFP griffen diese Schätzung im Februar in ihrem Aufruf zum Handeln auf, um eine Hungersnot im Jahr 2021 abzuwenden. Die neuesten Zahlen der FAO und des WFP stammen vom März 2021.

Der Offene Brief ist hier zu finden

Weitere Zitate:

David Miliband, CEO und Präsident des International Rescue Committee: „Es ist erschreckend zu beobachten, wie sich der weltweite Hunger verschlimmert. In den Ländern, in denen wir arbeiten, sehen wir jeden Tag wie Hunger Menschenleben kostet. Die Staats- und Regierungschefs der Welt müssen jetzt handeln, um ein noch nie dagewesenes Ausmaß an Leid zu verhindern – durch mehr finanzielle Mittel und diplomatische Bemühungen, um Konflikte zu beenden und den Zugang für humanitäre Hilfe zu verbessern.“

Tarek Abdelalem, Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland: „Wir sehen es als unsere Pflicht, an der Seite der Menschen, die Hunger erleiden, zu stehen, und sie sind mehr denn je auf unsere Unterstützung angewiesen. Wir von Islamic Relief appellieren an die internationale Gemeinschaft: Ignoriert den Hunger nicht und gewährleistet sichere humanitäre Hilfe, durch politische Lösungen und finanzielle Hilfsmittel. Wenn die finanziellen Mittel bereitgestellt werden, können wir beispielsweise im Jemen Millionen von Menschenleben retten. Wir erkennen die wirtschaftlichen Herausforderungen des gegenwärtigen globalen Kontextes an, aber wir können nicht akzeptieren, dass Massen an Menschen wegen mangelnder Nahrung sterben werden. Und das lassen wir, sofern es in unserer Macht steht, nicht zu. Noch können wir der Hungersnot entgegensteuern.“

Gabriela Bucher, Geschäftsführerin von Oxfam International: „Die reichsten Länder kürzen ihre Nahrungsmittelhilfe, während Millionen von Menschen weltweit hungern: Das ist ein außergewöhnliches politisches Versagen. Diese Entscheidung muss dringend rückgängig gemacht werden. Und wir müssen uns mit den grundlegenden Ursachen des Hungers auseinandersetzen – der weltweite Hunger hat nichts mit der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln zu tun, sondern mit einem Mangel an gleichberechtigtem Zugang.“