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Südsudan: CARE impft Kinder gegen Masern und Polio

Der lange Weg durch Guit

Von James Terjanian

Die Frage, ob man Kinder impfen sollte oder nicht, ist in einigen Teilen der Welt umstritten. Das trifft vor allem auf die Orte zu, in denen Impfungen leicht erhältlich sind wie etwa in Kanada, den USA oder auch in Deutschland oder Österreich.

Tausende Kilometer entfernt, im Südsudan, ist die Gesundheitsvorsorge hingegen kaum vorhanden. Etwa 7.000 Menschen müssen von einer einzigen, kleinen Gesundheitseinrichtung versorgt werden.

Viele Eltern haben keine Wahl ob sie ihre Kinder impfen wollen oder nicht: oftmals gibt es schlichtweg keine Impfungen. Unter diesen Bedingungen können Krankheiten mit verheerenden Konsequenzen ausbrechen, insbesondere inmitten eines Konflikts, der bereits mehr als 2,2 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen hat.

Als Teil des CARE-Teams im Südsudan bin ich Anfang dieses Jahres in die abgelegene Region Guit in Unity State gereist, einem Gebiet, das seit Ausbruch der Kämpfe im Dezember 2013 von der Außenwelt nahezu abgeschnitten ist. In Zusammenarbeit mit dem International Rescue Committee hatten wir die Aufgabe, die Kinder der Region gegen Masern und Kinderlähmung zu impfen und dringend benötigte medizinische Versorgung und Ernährung zu gewährleisten.

 

Erster Tag – Die Reise beginnt
Während unseres Helikopterfluges nach Guit konnte ich eine Elefantenherde aus der Luft beobachten. Auch wenn ich schon seit über einem Jahr für CARE im Südsudan arbeite, habe ich noch nie zuvor so viel von der atemberaubenden Natur dieses Landes gesehen. Blaugrüne Sümpfe mit Seerosen, durchkreuzt von Flüssen, die wie Adern aussehen, bestimmen das Landschaftsbild.

Wieder auf festem Boden angelangt, begrüßt uns der regionale Verwalter in seinem neuen Büro unter einem kleinen Baum. Die alten Büroräume wurden zerstört, mit viel Mühe wurde jede einzelne Boden- und Wandfliese zerbrochen und die Wände zieren mittlerweile Graffitis von Soldaten und Kühen. Trotz diverser Plünderungen und einem Feuer, das die Labore und Lagerräume zerstörte, ist die örtliche Klinik in erstaunlich guter Verfassung.

Die Stadt selbst hingegen wirkt wie ein Skelett. Kein einziges Tukul - das sind die traditionellen runden Hütten des Südsudan - steht noch. Auf dem kleinen Markt werden überwiegend Salz, Zucker und ein paar spärliche Haushaltsutensilien angeboten. Die ehemalige Schule wurde zu einem Stall umfunktioniert: statt lachender Kinder, Tafeln und Schreibtischen findet man dort nun Kuh- und Ziegendung. Später erfahre ich, dass in den meisten noch stehenden Gebäuden der Stadt mittlerweile Tiere untergebracht sind.

Die ehemaligen BewohnerInnen schlafen nur von Moskitonetzen geschützt unter freiem Himmel. Die teils unversehrten Stromleitungen führen zu einem großen Generator, der sogar noch funktionstüchtig wäre – gäbe es nur den nötigen Brennstoff. Fahrräder oder gar Autos sucht man hier vergeblich, ab hier geht es nur noch zu Fuß oder mit einem Kanu weiter.

Zweiter und Dritter Tag – Vom Irrsinn unserer Mission
Die Logistik für unsere Reise ist mit riesigem Aufwand verbunden - wie so oft in diesem Land. Da wir auch in entlegenen Gemeinden außerhalb Guits arbeiten werden, benötigen wir Helikopter, die unsere Materialien wie Kühlboxen mit den Impfstoffen auf dem Weg abwerfen. Von dort unterstützen uns Träger, die unsere Ausrüstung landestypisch auf ihren Köpfen transportieren – zurzeit so ziemlich die einzige Möglichkeit, überhaupt irgendetwas in Unity State zu bewegen. Zur Unterstützung hat uns das Gesundheitsministerium zudem 90 lokale Mitarbeiter zur Verfügung gestellt.

Vierter Tag – Mir steht das Wasser bis zur Brust
Wir sind zu Fuß nach Nimne aufgebrochen, einem kleinen Dorf, das als Ausgangspunkt für unsere weiteren Einsätze dienen sollte. Der Marsch dauerte einen ganzen Tag und wir mussten fünf Flüsse überqueren, in denen mir das Wasser teilweise bis zur Brust reichte. Unsere Verpflegung bestand aus dem lokalen Maisgericht Walwal, das mit saurer Milch zubereitet wird – so lecker! Einer meiner südsudanesischen Kollegen brachte mir auf dem Weg auch ein paar Worte der Landessprache bei, so dass ich die Menschen zumindest in ihrer Sprache begrüßen konnte.

Am fünften Tag fanden wir das Paradies
Zum Frühstück gab es heute Morgen Kof, einen Hirsebrei und frische Milch. Dem heutigen Abschnitt unserer Reise haben meine einheimischen Kollegen lange entgegengefiebert: wir müssen den großen Sumpf überqueren. Eine Aufgabe, die sie mir offensichtlich nicht zutrauen – doch sie wissen nicht, dass ich im Norden Kanadas nahe der großen Seen aufgewachsen bin! So schaffte ich es glücklicherweise ohne mich zu blamieren, die Flüsse und Sümpfe zu überqueren und unsere Kanus über die schmalen Landstreifen zu tragen.

Unser Ziel Watyotne wirkt wie das Paradies: Ein wunderschönes Inseldorf mit eng beieinander stehenden kleinen Hütten. Ich wurde wie ein Held von den rufenden und klatschenden Bewohnern begrüßt, die offensichtlich ebenfalls überrascht waren, dass ich als Fremder den beschwerlichen Weg hierher gemeistert hatte. Meine langersehnte Dusche konnte ich schließlich mit Blick auf den Fluss und Papyrushalme genießen und den Abend ließen wir mit der Schlachtung einer fetten Ziege des örtlichen Anführers ausklingen. Watyotne sollte am nächsten Tag als entscheidender Ausgangspunkt unserer Impfkampagne dienen.

Sechster Tag – Die Masernimpfung als Schreckgespenst
Unsere Impfärzte haben sich heute unter einem Baum versammelt, umgeben von dutzenden Menschen – Kindern, Müttern und Passanten – die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Zusätzlich zu den Masern- und Polio-Impfungen überprüften wir den Ernährungszustand der Kinder mit dem sogenannten MUAC-Test. Hierbei wird der Umfang des Oberarms gemessen um festzustellen, ob ein Kind unterernährt ist. Dieser Test ist einfach, schmerzlos und ruhig – ganz im Gegensatz zu den Impfungen.

Die Impfroutine beginnt immer gleich: die Kinder erhalten eine Vitamin-A-Lutschtablette auf die Zunge, gefolgt von der Impfung gegen Kinderlähmung. Dann folgt das große, schmerzhafte Schreckgespenst: die Masernimpfung. In die Schreie des geimpften Kindes stimmen oftmals alle anderen Kinder ein, was die Impfungen in jedem Dorf zu einer sehr lauten Angelegenheit macht.

Auf unserem Weg war es erschreckend zu sehen, wie viele Kinder das tiefe Wasser der Flüsse durchqueren um nach Bentiu und der nächstgelegenen Schutzzone der Vereinten Nationen zu gelangen. Mehr als 43.000 Menschen fanden dort bereits Zuflucht vor der anhaltenden Gewalt. Es gibt jedoch keine Boote, die eine sichere Überfahrt ermöglichen würden: junge Frauen versuchen in Waschschüsseln und improvisierten Schlauchbooten aus Planen die zahlreichen Kinder auf die rettende Flussseite zu bringen und dort die biometrische Registrierung der Vereinten Nationen zu durchlaufen.

Von jedem ankommenden Flüchtling werden hier, ähnlich der Kontrollen an Flughäfen, die Fingerabdrücke genommen. Nur wer registriert ist, erhält Nahrungsmittel und eine humanitäre Versorgung. So können die Hilfsorganisationen die dringend benötigte Hilfe bedarfsgerecht zuordnen. Ich muss wieder an die Kinder im Fluss denken und was für eine Gefahr sie auf sich nehmen, um in diesen sicheren Hafen zu gelangen.

Blasen von Schlamm und Dreck an Tag sieben und acht
Auf unserem Rückweg nach Guit sehe ich immer mehr Kinder in Richtung Bentiu strömen, mittlerweile müssen es Hunderte sein. Als wir endlich in unserem Camp ankommen, bin ich erschöpft. Meine Füße sind durch den ständigen Schlamm zwischen meinen Zehen mit Blasen übersät. Zum Abschluss des Tages zaubert unser Logistiker noch ein warmes Abendessen.

Am nächsten Morgen geht der Fußmarsch weiter: nach fünf Stunden erreichen wir ein Dorf namens Kadet. Dort angekommen erfuhren wir, dass es noch einmal vier Stunden entfernt eine Landebahn geben soll. Hier könnte der Helikopter unsere Ausrüstung und Materialien abwerfen, also entschlossen wir uns, den Marsch dorthin am nächsten Tag fortzusetzen.

Neunter Tag – Wundersame Begegnungen irgendwo im Nirgendwo
Um zur Landebahn zu kommen, mussten wir wieder einige der Flüsse durchqueren, die ich aus der Luft noch bewundert hatte. Unsere einzige Verbindung zu unserem Team in diesen Tagen war ein Satellitentelefon – dessen Batterien so langsam leer gingen. Als unsere Basis in Bentiu anrief, um die Lieferung medizinischer Ausrüstung via Helikopter anzukündigen, brach die Verbindung ab, bevor ich den genauen Abwurfort verstehen konnte.

So erstaunlich es auch klingen mag, dort, irgendwo im Nirgendwo im Südsudan, trafen wir auf ein Team des Welternährungsprogramms, das eine Nahrungsmittelverteilung in einer benachbarten Gemeinde vorbereitete. Unsere Rettung, denn das Team hatte ein solarbetriebenes Ladegerät für Satellitentelefone im Gepäck! So konnten wir schließlich doch noch einmal unsere Kollegen in Bentiu kontaktieren und die Lieferung der medizinischen Hilfsgüter für den nächsten Tag klären, die die erste in über einem Jahr sein sollte!

Tag zehn – Der schwerste Weg
Der Rückweg nach Guit schien endlos zu sein. Das letzte Stück sollte zugleich das Härteste werden: in der prallen Mittagshitze ging uns das Trinkwasser aus. Dennoch mussten wir weiter, um pünktlich die Lieferung entgegenzunehmen. Ich suchte den Himmel nach unserem Helikopter ab und scherzte, wir würden womöglich gleichzeitig in Guit ankommen – und ich sollte Recht behalten.

Mission accomplished am elften Tag
Unsere Mission ist beendet. Wir konnten insgesamt mehr als 20.000 Kinder impfen und ihnen die dringend benötigten Nahrungsmittel und Medikamente bereitstellen. Ich habe große Ehrfurcht vor den Frauen und Männern, die wir auf unserer Reise getroffen haben und die mit so wenigen Mitteln die Gesundheitsversorgung in den entlegenen Gegenden Guits aufrechterhalten. Wir packen jetzt nur noch unser Camp zusammen und warten auf den Helikopter – und ich freue mich schon auf ein kaltes Bier.