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Jemen: Flüchtlingshelferin auf der Flucht

Bushra Aldukhainah ist humanitäre Koordinatorin im CARE-Länderbüro Jemen. Sie leitet die Nothilfe für intern Vertriebene im nördlichen Teil der Hajjah Provinz.

Ich hätte nie gedacht, dass auch ich einmal erfahren werde, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Jetzt weiß ich es. Normalerweise bin ich es, die geflüchtete Menschen als Teil meiner Arbeit für CARE im Jemen unterstützt.

Als die Luftangriffe im Jemen begannen, mussten meine Familie und ich innerhalb von Minuten unser Hab und Gut zusammensuchen und unser Haus verlassen.

Es war 5 Uhr morgens, als das Telefon klingelte. In der Nähe von Haradth, wo wir lebten,  würde es zu Luftangriffen kommen. Wir mussten sofort aufbrechen. Ich weckte meinen 9-jährigen Sohn und versuchte mir meine Angst nicht anmerken zu lassen. 

In der Ferne konnten wir bereits die Flugzeuge hören. Wir packten hastig das Nötigste in unser Auto. Meine Gedanken rasten. Wie ergeht es anderen Menschen, die kein Auto besitzen?  Wie und wohin können sie überhaupt fliehen?

Mein Mann und ich versuchten während der Fahrt Ruhe zu bewahren. Auch und vor allem unserem Sohn zu Liebe. Innerlich allerdings beteten wir, dass wir heil an unserem Ziel ankommen würden. Auch wenn ich flüchten musste, geht es mir um einiges besser, als vielen anderen Vertriebenen im Jemen. Wir haben  ein Auto, das uns zumindest ein wenig Schutz geboten hat, wir haben zu essen und zu trinken. Und ich habe meine Familie bei mir – worüber ich sehr dankbar bin.

Viele haben nicht so viel Glück. An dem Tag, an dem wir flohen, wurden 40 Menschen bei einem Luftangriff auf ein Camp für vertriebene Menschen getötet.  Ich hatte in diesem Camp nie gearbeitet, kannte es jedoch von einigen Besuchen. Als ich von dem Angriff auf das Camp hörte und Bilder von toten Kindern sah, weinte ich und war fassungslos und schockiert, dass so viele unschuldige Menschen ohne Grund getötet wurden.

Diese schrecklichen Bilder verfolgen mich tagtäglich und ich kann mir schwer vorstellen, was meinem Land noch bevorsteht. Jemen ist bereits eines der ärmsten Länder im Nahen Osten. Durch den Konflikt  müssen die Menschen oft lange Zeit ohne Strom auskommen. Außerdem gibt es nicht genug Treibstoff und die Preise für Lebensmittel schnellen in die Höhe. Nahrung ist kaum bezahlbar.

Unzählige Menschen benötigen dringend Zugang zu Wasser, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung. Doch wir können diese Menschen mit unserer Hilfe nicht erreichen, weil der Zugang  blockiert wird. Vor allem im Süden um die Stadt Aden gestaltet es sich als besonders schwierig.

Wir sind sehr dankbar, dass wir im Moment in Hajjah in Sicherheit sind. Doch jeden Tag fragen wir uns, wie lange wir hier noch sicher sind. Wenn das Geräusch von Drohnen ertönt, versteckt sich mein Sohn sofort und versucht doch im selben Moment einen Blick auf das Flugzeug zu erhaschen. Wir leben permanent in der Angst, dass eine Bombe abgeworfen werden könnte

Ich versuche, etwas Normalität in den Alltag meines Sohnes zu bringen. In Hajjah ist das glücklicherweise möglich. Wir haben Zugang zu Lebensmitteln – wenn auch nur begrenzt. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Wir legen bereits Essenvorräte an, da wir nicht wissen, was die Zukunft bringen wird. Ich kann weiterhin für CARE arbeiten, da Teile im Norden des Landes nicht von dem Konflikt betroffen sind. Außerdem geht mein Sohn hier wieder zur Schule und hat so auch Kontakt zu anderen Kindern.

Während ich hier in Hajjah gemeinsam mit meiner Familie in Sicherheit bin, mache ich mir große Sorgen um die Menschen, die ich in Haradh und in Aden zurückgelassen habe. Täglich verfolge ich die Nachrichten und die stetig steigende Zahl von Toten. Es sind bereits  über 650. Und ich frage mich, wann wird das alles aufhören? Niemand weiß, was als Nächstes passiert. Ungewissheit prägt unseren Alltag. Das alles kommt mir vor wie ein furchtbarer Alptraum, und wir warten unablässig und hoffen darauf, dass er endlich ein Ende nimmt.