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Haiti: Als die Erde vor fünf Jahren schrie

Von Stefan Ewers, Vorstand von CARE Deutschland-Luxemburg

Die Zahlen erzeugen bis heute eine Gänsehaut: Über 200.000 Tote. 300.000 Verletzte. 1,5 Millionen Menschen obdachlos. Innerhalb von wenigen Sekunden wurden am 12. Januar 2010, am Montag vor genau fünf Jahren, in Haiti ganze Familien ausgelöscht. Auseinandergerissen. Unter Trümmern begraben. Goudou Goudou: So nennen die Menschen in dem Karibikstaat das ohrenbetäubende Geräusch, von dem das Erdbeben angekündigt wurde. „Es war, als ob die Erde schreit. Dann für einen Moment Totenstille. Und dann schrien die Menschen.“ Das berichtete eine Haitianerin Jahre später, als ob es gestern gewesen wäre.

Dem Beginn eines neuen Jahres wohnt immer eine Aufbruchsstimmung inne. Auch in Haiti wurden zum Jahreswechsel 2009/2010 Feuerwerke gezündet, es wurde gelacht, auf den Straßen getanzt und auf das neue Jahr angestoßen. Zwölf Tage später riss das Erdbeben dann das ärmste Land der westlichen Hemisphäre in den Abgrund. Die Bilder gingen damals um die ganze Welt, das Mitgefühl und die Spendenbereitschaft waren enorm.

Man muss das Ausmaß dieser Katastrophe in Erinnerung rufen, wenn man heute die letzten fünf Jahre Revue passieren lässt. Es wird dieser Tage viel über Haiti geschrieben und kritisiert: Der Wiederaufbau dauert länger als geplant. Nicht alle zugesagten Gelder wurden überwiesen.

Es gab unzählige Hilfsorganisationen, die ins Land kamen und nicht alle konnten sich sinnvoll miteinander koordinieren. Haitis politisches System bleibt fragil, die sozialen Ungleichheiten enorm. Die Kritiken sind berechtigt und helfen im besten Fall allen Akteuren, ihre Arbeit zu verbessern. Aber Kritik ist nur solange berechtigt, wie sie nicht in Resignation umschlägt. Denn niemand darf sich erlauben, dieses an Traditionen, Natur und Kultur so reiche Land aufzugeben.

Es ist richtig: Haiti war schon vor dem Erdbeben chronisch arm und unterentwickelt. Das Erdbeben traf die Hauptstadt und damit das wirtschaftliche und politische Zentrum des Landes. Zudem kommen immer wieder andere Naturkatastrophen: Allein seit 2010 hat es fünf tropische Wirbelstürme, dazu Dürren und Überschwemmungen in Haiti gegeben. Mit den klimatischen Veränderungen der nächsten Jahrzehnte, stärkeren Wirbelstürmen, Erosion und Dürren kommt einiges auf das Land zu. Auch ein erneutes Erdbeben ist möglich.

Wie können wir also sinnvoll helfen, das Land zu entwickeln? Indem wir die Haitianer dabei bestärken, sich selbst zu versorgen, ein eigenes Einkommen zu generieren und in die Zukunft zu investieren. Bei meiner letzten Reise nach Haiti besuchte ich Frauen, die sich in Kleinspargruppen zusammengetan haben. Sie sparen gemeinsam kleine Summen und geben sich gegenseitig Darlehen, die sie von einer Bank nicht erhalten würden: für einen Gemüsestand über den Friseursalon bis zum Schulgeld für die Kinder wissen die haitianischen Frauen selbst am besten, wo sie ihr Erspartes investieren. 1.200 solcher Gruppen sind seit dem Erdbeben mit Unterstützung von CARE gegründet worden und haben bereits über eine Million Euro gespart.

Bei jeder Frau, die mir von ihren Investitionen erzählte, schien es mir, als würde das furchtbare Tönen von Goudou Goudou ein wenig leiser werden. Und deshalb dürfen wir zum fünften Jahrestag des Erdbebens nicht resignieren. Sondern weiter in die willensstarken, lebenstüchtigen und großherzigen Menschen Haitis investieren.

Was konnte CARE in den letzten fünf Jahren erreichen?