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Gefangen von Boko Haram: „Wir wurden wie Vieh behandelt“

CARE-Nothelferin Jennifer Bose traf Salma in Nigeria und hat ihre Geschichte aufgezeichnet.

Ich rannte. Ich rannte, so schnell ich konnte durch den Schlamm, barfuß. Ich wusste, dass das meine einzige Chance ist. Ich wusste, dass mein Mann mich töten würde, wenn ich stehenblieb.

Als Boko Haram mein Dorf angriff, war ich zwölf. Männer kamen auf Motorrädern und brannten unser Dorf nieder. Sie kamen in unser Haus und schrien uns an, bevor sie meinen Cousin und einen Nachbarn töteten, der nur kurz bei uns vorbeigekommen war. Dann nahmen sie mich und meine zwei jüngeren Brüder mit.

Zwei Tage lang fuhren wir auf Motorrädern, ohne zu wissen, wohin. Abends, als wir Halt machten, um zu schlafen, wollte ich fliehen. Doch die Männer bewachten uns scharf. Ich wagte nicht, mich zu bewegen oder zu sprechen, weil ich annahm, sie würden mich sofort töten. So wie sie meine Brüder auf dem Weg hierher getötet hatten. Schließlich erreichten wir ein Lager mitten im Sambisa-Wald. In den nächsten fünf Jahren würde dies hier mein Zuhause sein.

21 Mädchen in einem Käfig – Ausgang nur für zwei pro Tag

Die Männer sperrten mich in einen Käfig mit 20 anderen Mädchen. Die meisten von ihnen waren in meinem Alter. Wir hatten nichts zu essen und durften den Käfig nicht verlassen. Nur zwei von uns durften einmal täglich hinaus, um Essen zu suchen. Meistens sammelten wir Feuerholz und Blätter, aus denen wir Suppe kochten. Wir hatten keine Seife, daher verwendeten wir Asche vom Feuerholz, um uns zu reinigen. Im Käfig gab es nichts zu tun, also haben wir uns unterhalten, gebetet und geschlafen. Das Schlimmste war, wenn die Männer von Boko Haram uns als Zuschauer für öffentliche Hinrichtungen benutzten. Wir mussten brutale Steinigungen und Exekutionen mitansehen. Ich bekomme diese Bilder nicht mehr aus meinem Kopf. Wenn wir auch nur einen Mucks machten, wurden wir mit 80 Schlägen auf den Rücken bestraft. Ab und zu kamen einige der Kämpfer in den Käfig, um sich Mädchen auszusuchen, die sie heiraten wollten. Wir wurden wie Vieh behandelt.

Ich wurde dreimal ausgewählt. Jedes Mal musste ich zu dem Mann in seine Hütte umziehen. Zu Gesicht bekommen habe ich ihn nur, wenn er mich vergewaltigte. Er zwang mich, meine Kleider auszuziehen. Wenn ich mich widersetzte, schlug er mich, drohte, mich zu töten, oder band meine Hände und Füße an die Holzpfosten der Hütte. Eigentlich war mir der Käfig lieber. Ich war nicht alleine, und niemand belästigte mich. Zweimal kam ich zurück in den Käfig, wahrscheinlich, weil meine Ehemänner getötet worden waren.

Im achten Monat schwanger nur knapp dem Tod entronnen

Mein dritter Mann war der schlimmste, mit ihm war ich am längsten zusammen, ungefähr ein Jahr lang. Er hasste mich am meisten von seinen drei Ehefrauen. Ich durfte nicht mit den anderen Frauen sprechen, weil er der Ansicht war, ich hätte einen schlechten Einfluss auf sie. Sogar als ich schwanger wurde, drohte er mich zu töten. Von meinem ersten Ehemann war ich einmal schwanger, aber mein Kind starb. Ich konnte es nicht stillen, weil ich selbst nichts zu essen hatte.

Eines Tages beschloss mein dritter Mann, seine Drohung Wirklichkeit werden zu lassen und mich zu töten. Ein paar der Kämpfer brachten mich zum öffentlichen Hinrichtungsort, wo ich festgebunden wurde. Ich sollte nach dem Morgengebet getötet werden. Eine der anderen Frauen kam zu mir, als sie weg waren, und sagte, sie würde mich losbinden – unter der Bedingung, sie nicht zu verraten, falls ich gefasst würde.

Ich hinke, weil mein rechter Fuß von all den Schlägen mit Stöcken und Seilen kaputt ist. Die Flucht war schwierig, denn ich war im achten Monat schwanger. Mein Herz raste vor Panik, dass die Männer mich einholen würden. Als es dunkel wurde, dachte ich, ich hätte mich verirrt, aber dann fand ich eine Straße. Ein paar Meter weiter war eine Straßensperre mit Soldaten. Voller Hoffnung ging ich auf sie zu, aber als sie mich erblickten, schrien sie, ich sollte stehen bleiben. Sie zwangen mich, mich auszuziehen. Ich verstand es nicht. Waren sie auch Boko-Haram-Kämpfer? Später erklärten sie mir, dass sie mich auf Bomben untersuchen mussten. Mädchen werden oft als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt.

MeineTochter bedeutet alles für mich

Nach drei Tagen hat mich das Militär in ein Lager überstellt. Hier ist jetzt mein Zuhause. Hier habe ich meine Tochter geboren. Sie bedeutet alles für mich. Ich bin seit sechs Monaten in diesem Camp, und zum ersten Mal fühle ich mich wieder sicher. Ich besuche hier oft das Frauenzentrum und spreche mit meiner Betreuerin von CARE. Sie ist wie eine Schwester für mich geworden und die Einzige, der ich wirklich vertraue. Sie hilft mir, mit den Erinnerungen, die ich am liebsten auslöschen würde, klarzukommen. Sie verfolgen mich nach wie vor.

Mein Vater war Priester. Meine Mutter hat sich um mich und meine sieben Brüder und Schwestern gekümmert. Früher habe ich in einem Chor gesungen. Ich war glücklich. Mein größter Wunsch ist, meine Familie wiederzusehen. Allerdings weiß ich nicht, wo sie ist – und ob noch jemand lebt. (Ende)

Nigeria und die Tschadsee-Krise

Der zehnjährige Konflikt in der Tschadsee-Region (Tschad, Niger, Nigeria, Kamerun) hat das Leben von mehr als zehn Millionen Menschen dramatisch beeinträchtigt. Allein im Nordosten Nigerias sind rund sieben Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Krise wurde größtenteils durch einen bewaffneten Konflikt ausgelöst, der die Zivilbevölkerung durch Morde, Vergewaltigungen, Entführungen, Anwerbung von Kindern als Soldaten, Verbrennung von Häusern, Plünderungen, Zwangsumsiedlungen und willkürliche Inhaftierungen schwerstens in Mitleidenschaft zieht. Häuser und Äcker sind verlassen, Existenzgrundlagen zerstört.

CARE hat bisher mehr als 700.000 Menschen mit Nahrungsmittelhilfe erreicht und bietet Frauen Hilfe in Form von Familienplanung, sexueller und reproduktiver Gesundheit sowie Unterstützung für Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt. Nigeria und die gesamte Tschadsee-Krise gehören zu den vergessenen und unterfinanzierten humanitären Krisen der Welt.

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CARE-Report „Suffering in Silence über Krisen, die keine Schlagzeilen machen

Foto: Jennifer Bose/CARE