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„Call to Action“ gegen geschlechtsspezifische Gewalt im Katastrophenfall: 4 Anregungen für die Roadmap

von Howard Mollet, CARE International UK

Am Donnerstag, 1. Oktober 2015, trafen führende Politiker der wichtigsten Geberstaaten, Entwicklungsländer und Vertreter der Vereinten Nationen sowie von NGOs in New York zusammen, um einen neuen globalen „Fahrplan“ zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt (in humanitären Krisen bis 2020 zu verabschieden. Hier werden vier Ansätze vorgestellt,, wie dieser Fahrplan wirklich einen Unterschied machen kann.

1. Den Fahrplan auf den Weg bringen

Natürlich ist es großartig, dass der „Call to Action on GBV in Emergencies“ (egen geschlechtsspezifische Gewalt im Katastrophenfall), auf den man sich im Jahr 2013 einigen konnte,, Regierungen, UN-Organisationen und NGOs an einen Tisch gebracht hat. So konnten Ideen zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt während oder nach Naturkatastrophen und Konflikten ausgetauscht werden. Doch jetzt muss der Schwerpunkt des Prozesses unbedingt von der politischen auf die praktische Ebene verlagert werden. Ansonsten besteht Gefahr, dass der Prozess nur mehr als Lippenbekenntnis wahrgenommen wird, das keine greifbaren Ergebnisse für jene Menschen, die von geschlechtsspezifischer Gewalt bedroht sind, gebracht hat.

Verstehen Sie mich nicht falsch – hochrangige politische Unterstützung wie z.B. durch die Minister, die am Treffen in New York teilgenommen haben, ist enorm wichtig. Noch vor ein paar Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass Außenminister Gewalt gegen Frauen und Mädchen solch einen Stellenwert einräumen.

Aber diese Entscheidungsträger müssen jetzt Druck auf ihre entsprechenden Fachministerien und die humanitären Programme und Partnerschaften, die sie finanzieren, ausüben. Eine Möglichkeit wäre, mindestens einmal pro Jahr sogenannte Inter-Agency Real-Time-Evaluierungen bei großen Krisen einzuberufen.

2. Einsatz von mehr Hilfsorganisationen gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Der Kreis jener humanitären Organisationen und ihrer Mitarbeiter, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einsetzen, ist sehr klein. Solange das Thema geschlechtsspezifische Gewalt nicht von einer Mehrzahl der größeren humanitären Organisationen aufgegriffen wird und in jedem Bereich der Nothilfe – Beschaffung von Unterkunft, Nahrung, Wasser und Sanitäranlagen etc. – verankert ist, werden wir es nicht schaffen, effektive Hilfsstrukturen für Betroffene zu schaffen oder das Risiko zu reduzieren, dass Menschen geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt werden (. durch schlecht geplante Flüchtlingscamps, in denen man nicht sicher ist).

Der beste Weg wäre, den kollektiven Einfluss aller Teilnehmer an diesem „Call to Action“ zu nutzen, um die Umsetzung der neu eingeführten „Inter-Agency Standing Committee GBV-Richtlinien“ voranzutreiben – in allen Bereichen und Ebenen der Krisenintervention. Jeder Einzelne – Leute, die in den UN-NGO "humanitären Länderteams" sitzen, bis hin zu einzelnen, kleineren, lokalen NGOs und deren MitarbeiterInnen – sollte in die wichtigsten Aspekte der Richtlinien eingeschult werden und sich dafür auch verantwortlich zeigen.

3. Die Roadmap lokal verankern und Frauengruppen im Globalen Süden stärken

Die Vorbereitungen zum Weltgipfel der Humanitären Hilfe (2016 machen immer mehr darauf aufmerksam, dass die ,Strukturen des internationale humanitären Hilfssystems lokal angepasst werden müssen. Dadurch werden nationale und lokale Institutionen, die im Fall von Naturkatastrophen und Krisen als erste aktiv werden, gestärkt.

Der „Call to Action“ muss dies zu einer Priorität machen.

 

Lokale, von Frauen geleitete Organisationen und Frauenrechtsorganisationen gehören in Fällen von geschlechtsbasierter Gewalt oft zu den ersten HelferInnen. Auch was die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen in Krisenzeiten betrifft, zählen sie zu den ersten AnsprechpartnerInnen – aber allzu oft werden sie im Zuge der Kriseninterventionen vergessen. Die Umsetzung der Roadmap muss das Handeln von Frauen, ihre Führungsstärke und Teilhabe ins Zentrum der Anstrengungen stellen.

Wie? Nun, im letzen Jahr verabschiedeten die Regierungen die neuen, globalen Rahmenbedingungen zur Katastrophenvorsorge in Sendai. Im nächsten Jahr werden sie weitere Zusagen zur „Lokalisierung“ der Hilfe beim Weltgipfel der Humanitären Hilfe machen. All diese neuen Zusagen werden die nächste Generation von Strategien zur nationalen Katastrophenvorsorge und -bewältigung der Regierungen des Globalen Südens beeinflussen – ebenso wie die Unterstützung durch Geldgeber und internationale NGOs. Jede Regierung des Globalen Südens, die das Call-to-Action-Kommuniqué oder die Roadmap unterstützt, sollte dafür, dass sie geschlechtsspezifischer Gewalt und Geschlechtergleichstellung in die Katastrophenhilfe mit einbezieht, bevorzugt werden.

NGOs wie CARE kooperieren bereits jetzt im Rahmen von Programmen zu geschlechtsbasierter Gewalt und Gleichstellung der Geschlechter mit nationalen und lokalen Institutionen, u.a. Regierungen und lokalen Frauengruppen. Wir müssen das Beste aus diesen Erfahrungen in die Roadmap übertragen und sie in größerem Maßstab umsetzen.

4. Die Roadmap nützen, um beim Weltgipfel für Humanitäre Hilfe für die Gleichstellung der Geschlechter und den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt mobil zu machen

Die Roadmap wird zu einem wichtigen Verhandlungszeitpunkt für den Weltgipfel für Humanitäre Hilfe, der als bisher bester Moment für eine Reform des globalen humanitären Systems betrachtet wird, verabschiedet. Die Laufzeit der Roadmap bis 2020 deckt sich auch mit dem Zeitraum, in dem das am WHS Vereinbarte implementiert sein sollte. Wenn also die Regierungen und andere Akteure, die in den „Call to Action“ involviert sind, es wirklich ernst meinen, dann sollten sie als „Champions“ für Gender und GBV bis zum Gipfel agieren.

Die wahrscheinlich heißesten Themen rund um den Weltgipfel sind die Debatten über die "Lokalisierung" des humanitären Systems und die mangelnde Achtung des humanitären Völkerrechts. Letzteres mündet darin, dass die Zivilbevölkerung zunehmend unter schrecklicher und gezielter Gewalt in Konflikten wie jenen in Syrien und Afghanistan leidet.

Der „Call to Action“ sollte die Unterstützer soweit formieren, dass gewichtige Ergebnisse im Hinblick auf die „Lokalisierung“ beim WHS zu erwarten sind – inklusive konkreter Schritte, wie lokale Frauen und Mädchen gestärkt werden, damit sie mit Krisen umgehen und sich von ihnen erholen können – und zwar mit Würde.

Um tatsächlich eine Wende einzuleiten, sollte der Weltgipfel wenigstens das Bewusstsein für die Bedeutung der lokalen Frauenorganisationen heben und ihnen mehr Anerkennung und Unterstützung zukommen lassen. Mehr als 20 Partner aus der Zivilgesellschaft des Globalen Südens haben mit CARE Empfehlungen erarbeitet, wie der Weltgipfel der Humanitären Hilfe lokale Frauengruppen stärken kann. Die Unterstützer des „Call to Action“ sollten auch sämtliche Stakeholder des Weltgipfels dazu bringen, die Initiative zu ergreifen und sich für einen verstärkten Schutz der Zivilbevölkerung in den Kriegsgebieten einzusetzen.

Howard Mollett ist Senior Policy Advisor bei CARE International UK. Er war für CARE-Länderbüros in Afghanistan, Pakistan, Nepal, Sudan und in der Great Lakes Region tätig. Er ist Experte in den Bereichen Effektivität von Hilfeleistungen in Konfliktgebieten, insbesondere in Bezug auf Geschlechterthemen, Zugang zu humanitärer Hilfe, Konfliktsensibilität und Friedensförderung.