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Äthiopien: „El Niño trickst uns immer wieder aus“

Von Wolfgang Jamann, Generalsekretär von CARE International

Twitter: @wjamann

Es ist einfach, in Genf zu sitzen und über Finanzierungslücken zu diskutieren. Für die Menschen, die ich kürzlich in Äthiopien getroffen habe, bedeutet das: Zeit, während der sie hungern.

Stellen Sie sich Ihre Hilfslosigkeit und Verzweiflung vor, wenn Sie mit dem letzten Getreide, das Sie noch haben, eine Mahlzeit für Ihre Kinder vorbereiten müssen. Sie wissen nicht, wann und wie Sie zur nächsten kommen. Tuba Alyi, eine 32jährige Mutter von vier Kindern, lebt im Osten Äthiopiens und erlebte genau diese Situation. Sie und ihre Familie erhalten jetzt – so wie weitere zehn Millionen Menschen in Äthiopien – Nahrungsmittelhilfe von der Regierung und Hilfsorganisationen wie CARE.

Die Finanzierung und Lieferung der Nahrungsmittelverteilungen wird in wenigen Wochen auslaufen. Vom Tag des Einkaufs braucht es 120 Tage, bis die Nahrungsmittel bei den Menschen ankommen. Das bedeutet: In wenigen Wochen wird die aktuelle Finanzierungslücke eine Nahrungslücke sein. Die Situation betrifft nicht nur Äthiopien, auch Somalia, Mosambik, Malawi, Madagaskar und Simbabwe.

„El Niño trickst uns immer und immer wieder aus“
Ich habe in Ostäthiopien die Auswirkungen von „El Niño“ und der extremen Dürre gesehen, die das globale Wetterphänomen mit sich bringt. Dort unterwegs, sieht man die Dürre überraschenderweise kaum: Man erwartet trockenen, aufgesprungenen Wüstenboden – nein, es scheint so, als ob alles wachsen würde. Wenn man aber genauer hinsieht, bemerkt man, dass das, was hier sprießt, kaum brauchbar ist. Das ist das Gemeingefährliche an El Niño: Er bringt kurzen Regen, der das Pflanzenwachstum auslöst – aber zu wenig, um Wurzeln zu bilden. „El Niño trickst uns immer und immer wieder aus“, beschrieb es ein Bauer vor Ort.

Am Tag, bevor wir uns trafen, hat Tuba die letzte eigene Mahlzeit für ihre Familie zuzubereitet. Jetzt erhält sie durch die Nahrungsmittelverteilung von CARE eine monatliche Ration. Wie so viele aus ihrer Gemeinde musste auch sie und ihre Familie die Anzahl der täglichen Mahlzeiten von drei auf zwei – oder sogar nur eine – reduzieren.

Zu wenige Mahlzeiten und eine geringe Kalorienzufuhr können zu gesundheitlichen Problemen und Entwicklungsverzögerungen bei Kindern führen. In einem von CARE unterstützten Nahrungstherapie-Zentrum traf ich Ginia, die mit ihrer vier Jahre alten Tochter Kumi gekommen ist. Kumi leidet unter Mangelernährung. Bei 28.000 Kindern, so die Schätzung, machen sich nun Anzeichen von Mangelernährung bemerkbar – alleine in dieser Region. Kumi erhält nun therapeutische Aufbau-Nahrung. Es wäre besser gewesen, sie wäre überhaupt nie in dieses Stadium von Mangelernährung gekommen.

Letzteres wäre sicherer für sie gewesen und billiger für die Geber – das mag zynisch klingen, ist aber sehr bedeutend angesichts der Tatsache, dass so viele Menschen Hilfe benötigen und die Ressourcen knapp sind.

Vom Glück, die Kindheit zu überleben
Wir wussten schon Anfang 2015, dass El Niño diesmal sehr stark ausfallen wird. Aber die Warnungen gingen im Lärm der unzähligen humanitären Krisen unter.

Tuba Alyi wurde im Jahr der größten äthiopischen Hungersnot, 1984, geboren. Sie hatte Glück, ihre Kindheit zu überleben – und viele Dürren seither ebenso. Die jetzige ist allerdings die schlimmste seit 30 Jahren. Trotz aller Herausforderungen ist Tuba optimistisch, was ihre Zukunft betrifft. Sie ist eine von tausenden Mitgliedern von Kleinspargruppen, die von CARE gegründet wurden. Das gesparte Geld hilft ihr, diese Dürre zu überstehen, ohne all ihr Hab und Gut zu verlieren. Tuba Alyi ist davon überzeugt, dass das weitere Ansparen ihr und den anderen Spargruppen-Mitgliedern langfristig helfen wird.

Äthiopien ist ein Land, das lange und hart dafür gekämpft hat, um sich gegen Dürren und Leid zu rüsten. Nahrungsmittel bereit zu stellen, um die nächsten Monate zu überbrücken, sollte nicht als Spende, sondern als Investition in die Zukunft gesehen werden.