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28. Mai 2015

„Wofür ich lebe“

 

Vor 2 Jahren veränderte sich das Leben von Hayat schlagartig, als ihr Ehemann plötzlich verschwand – verschleppt von den Behörden. Seither hat sie nichts mehr von ihm gehört. Damals lebte sie mit ihren vier Töchtern im Dorf ihres Mannes in der Nähe von Kobane in Syrien. Ursprünglich aus Damaskus, und somit weit entfernt von ihren eigenen Verwandten, waren nach dem Verschwinden ihres Mannes nur noch Hayat* und ihre Schwiegermutter übrig, um sich um die Kinder zu kümmern.

Letzten Herbst wachte sie eines Tages auf und fand ihr Dorf menschenleer vor.

„Die Nachbarn hatten darüber gesprochen, dass es nötig sein würde, schnell zu fliehen, wenn die bewaffneten Gruppen näher kommen“, sagt die 31-jährige Mutter. Was sie nicht erwartet hatte, war, dass sie ohne sie fliehen würden. „Als ich aufwachte, waren alle Leute weg. Es war so eigenartig. Niemand war mehr hier. Wir hatten furchtbare Angst und wussten nicht, was wir tun oder wohin wir gehen sollten.“

 

„Das Schrecklichste für mich war, alleine in diesem Dorf aufzuwachen, ohne meinen Mann…“

Die Erinnerung an diesen Moment und die völlige Isolation lässt sie kurz innehalten. Tränen laufen über ihre Wangen.
Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollten – dennoch machte sie sich mit ihrer Familie und den wenigen Habseligkeiten auf den Weg nach Kobane. „Wir gingen zu Fuß. Wir hatten nichts. Einige Leute, denen wir entlang des Weges begegneten, ließen uns mitfahren. Wir wollten einfach nur weg.“

Von Kobane brachte sie ihre vier Töchter, alle unter 6 Jahre alt, und ihre Schwiegermutter in die Türkei. Bevor sie die Grenze überquerten, verbrachten sie zwei Nächte in einem Feld – mit nur einer Decke, die sie sich teilten.
In der Türkei kam die Familie in einem unfertigen Einkaufszentrum unter, wo bereits andere syrische Familien in 40 unbenutzten Geschäften wohnten. Es herrschte Wassermangel, aber immerhin hatten sie ein Dach über dem Kopf.

Das tägliche Leben ist ein harter Kampf für Flüchtlinge in städtischen Gebieten, die – wenn überhaupt – nur wenig Hilfe erhalten. CARE unterstützt mithilfe der Europäischen Union und der Kanadischen Regierung in Abstimmung mit den türkischen Behörden die Flüchtlinge mit Hygieneartikeln und Gutscheinen, die in Geschäften vor Ort für Essen oder Haushaltsartikel eingelöst werden können. Zusätzlich gibt es ein Informationsprogramm, das von Freiwilligen durchgeführt wird. Hayat ist eine von 18 Freiwilligen in dieser Gemeinschaft. Ein Mal pro Woche nehmen sie und die anderen Freiwilligen an einem CARE-Training teil. Im Anschluss schwärmen sie aus, um die restliche Gemeinschaft mit Informationen zu versorgen.

„Die Worte, die wir von CARE mitnehmen, die Informationen, wir tragen sie wie einen Teil unserer Kleidung. Das Training hat mir geholfen, mich besser auszudrücken“, erklärt Hayat. „Jetzt sitzen wir abends zusammen und diskutieren über wichtige Dinge. Selbst in Kobane hatte ich das nicht.“
Hayat hebt die psychosoziale Komponente des Trainings als besonders wichtig hervor: „Das ist extrem wichtig für die Menschen hier“, betont Hayat.

 

„Wir lernen, dass es wichtig ist, anderen zu helfen, sich selbst zu helfen“

„Das psychosoziale Training hilft Ehepaaren, sich gegenseitig zu unterstützen. Die Eltern lernen dort, wie sie besser mit dem Verhalten ihrer Kinder umgehen können, insbesondere nach den Erlebnissen des Krieges. Das hilft ihnen enorm“, sagt sie. Am Beispiel ihrer eigenen Familie erklärt sie:

„Meine größte Herausforderung ist unsere Vertreibung, und dass mein Mann vermisst wird. Wir hatten solche Angst – meine Kinder, meine Schwiegermutter. Das belastet uns sehr. In manchen Nächten haben meine Töchter Albträume oder sie können nicht schlafen. Meine Töchter fragen mich immer ‚Wann kommt Papa nach Hause?‘ Ich habe keine Antwort für sie.“ Dann fügt sie hinzu, wie wichtig es ist, dass die Menschen über diese Probleme reden können.

„Wenn Menschen über ihre Probleme sprechen können, bekommen sie mehr Ruhe, weil sie sie nicht mehr tief unten begraben. Bevor ich CARE kennengelernt und begonnen habe, als Freiwillige zu arbeiten, hatte ich das Gefühl, nichts wert zu sein. Jetzt kann ich meine Meinung ausdrücken, mit denen, die versuchen, mir meine Rechte wegzunehmen, sprechen. Das habe ich gewonnen. Jetzt habe ich meine Würde, ich habe Respekt. Jetzt habe ich etwas, wofür ich lebe.“

„Diese Sitzungen helfen dabei, Vertrauen unter uns Flüchtlingen und zur Gemeinde zu schaffen, und jeder freut sich über die Informationen“, meint Hayat. „Wir haben entdeckt, dass etwas Gutes in uns ist. Die Menschen haben begonnen, einander zu helfen. Wir alle fühlen und etwas weniger isoliert und arbeiten mehr zusammen. Vorher waren wir kleine Inseln, aber jetzt sind wir wie eine Kette. Jetzt helfen wir einander. Wir sitzen alle im selben Boot.“

*Name aus Sicherheitsgründen abgeändert

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