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20. Februar 2015

Winter in Jordanien: Mit Plastikschlapfen gegen die Kälte

Der Winter ist in Jordanien eine ganz spezielle Sache. Wegen der fehlenden Winterausrüstung ist er ein Ereignis, das Land und Leute praktisch zum Erliegen bringt: Der Verkehr steht still und die JordanierInnen verlassen ihre Häuser nicht mehr. Der Winter ist hier ein Großereignis, obwohl man aufgrund des hohen Wüstenanteils sowohl an tiefe Nachttemperaturen als auch extrem hohe Hitze gewöhnt ist.

Geflohen wird mit wenig Ballast

Die rund 620.000 offiziell registrierten Flüchtlinge sind von den Minusgraden noch stärker betroffen als alle anderen. Im Winter bewegen sich die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt und werden von einem schneidenden Wind begleitet. Menschen, die aus ihrer Heimat Syrien fliehen müssen, nehmen in der Regel kein schweres Wintergewand und keine voluminösen warmen Decken mit, sondern gerade mal die Kleidung, die sie gerade anhaben – im günstigsten Fall noch ein zweites Kleidungsstück zum Wechseln. Geflohen wird mit wenig Ballast.

Es ist unfassbar und in meinen Augen eine Schande, dass sich im März bereits der vierte Jahrestag des Syrienkrieges nähert. Allein in Jordanien spricht die Regierung von 1,4 Millionen syrischen Flüchtlingen: Rund die Hälfte von ihnen ist nicht registriert und muss sich irgendwie durchschlagen.

Für viele JordanierInnen bedeuten die hohen Flüchtlingszahlen, dass sich Kinder in überfüllten Schulklassen wiederfinden, dass Jobs knapp werden (lüchtlinge sind zwar vom offiziellen Arbeitsmarkt ausgeschlossen, verrichten aber für ein paar jordanische Dinar, so gut wie jede Arbeit), und dass öffentliche Gesundheitseinrichtungen völlig überfüllt sind. Die Preise für das Alltagsleben sind generell hoch und steigen nach wie vor weiter. All dies birgt ein hohes Konfliktpotenzial in einer Bevölkerung, die zur Hälfte selbst aus palästinensischen und irakischen Flüchtlingen besteht und mit enormer Arbeitslosigkeit und Wasserknappheit zu kämpfen hat.

Derzeit leben hier nur rund 15% der syrischen Flüchtlinge in einem Flüchtlingscamp. Die große Mehrheit lebt in Ost-Amman und in anderen Städten Jordaniens. Doch in den letzten Tagen registriert das Flüchtlingslager in Azraq wieder mehr Zulauf, da es viele Flüchtlinge nicht mehr schaffen, ihr tägliches Leben selbst zu organisieren. Hinzu kommt, dass Jordanien – wohl um die eigene Bevölkerung zu schützen – sich freie medizinische Versorgung für Flüchtlinge nicht mehr leisten kann und offiziell die Grenze zu Syrien so gut wie geschlossen ist. Den großen internationalen Institutionen werden die finanziellen Mittel knapp. So haben im Herbst des vergangenen Jahres die Ankündigungen des World Food Programs, Nahrungsmittelgutscheine wegen Geldmangels reduzieren zu müssen, für enorme existentielle Ängste gesorgt.

Flüchtlingslager bieten Grundversorgung und Sicherheit

Um die Kosten für die oft überhöhten Mieten zu sparen und eine Grundversorgung für sich und die Familie zu gewährleisten, kommen jetzt wieder mehr Flüchtlinge nach Azraq. Denn so bedrückend ein Flüchtlingslager auch wirken mag, es bietet dennoch eine Grundversorgung: Man muss keine Miete zahlen, hat Zugang zu Nahrung, Schule und medizinischer Grundversorgung und ein gewisses Maß an Sicherheit. All dies bedeutet in der Situation eines Flüchtlings gewaltig viel.
Man sollte sich jedoch stets vor Augen halten, dass ein solches Schicksal eine extreme Ausnahmesituation und unglaublich viel menschliches Leiden und Stress bedeutet. Ich wünschte, dass es allen Beteiligten bewusst wäre, dass Kriege, die jahrelang auf dem Rücken der Schwächsten und Ärmsten ausgetragen werden, so viel Leid produzieren, das mit nichts wieder gut zu machen ist.

In Azraq leben derzeit ca. 14.000 Menschen. Es ist beeindruckend, wie viel sich dort in den vergangenen fünf Monaten zum Positiven verändert hat.

Da Azraq mitten in der Wüste liegt, ist die Witterung eine extreme Herausforderung. Im August war es hier glühend heiß. Jetzt ist es eiskalt. Die Überwinterung der Flüchtlinge ist eine enorme Aufgabe, denn es wurde und wird alles gebraucht – warme Kleidung und Schuhe, Schaumgummi-Matratzen und Decken, auch um die Containerhäuser etwas abzudichten. Die Miniöfen funktionieren mit Gaskartuschen, mit denen eine Familie 20 lange Tage haushalten muss. Es ist also meistens kalt in den Häusern.

In Plastikschlapfen ohne Socken

Diesmal habe ich zwar keine barfüßigen Kinder gesehen, aber immer noch erschreckend viele, die bei dieser Kälte nur in Plastikschlapfen (ocken!) herumlaufen. Manche von ihnen haben sogar zwei Paar Plastikschlapfen übereinander, an – ich bezweifle, dass das gegen kalte Füße hilft. Generell ist Kleidung für viele knapp und bei diesen Temperaturen ziehen die Menschen alles, was sie haben, übereinander an.

In der Zwischenzeit und Dank vieler Spenden konnte CARE in Azraq viele Maßnahmen umsetzen, die ein kleines Stück Normalität in den Alltag der Flüchtlinge bringen. In den beiden großen Gemeinschaftszentren von CARE finden alle BewohnerInnen des Lagers nicht nur ein offenes Ohr für ihre Anliegen, sondern es wird ihnen konkret geholfen. Das erklärt, warum in diesen „community centers“ immer so ein Andrang herrscht.

Gleich am Eingang treffe ich Abdul aus Damaskus, der in seiner Heimat Schildermaler war. Abdul ist etwa 50 Jahre alt und zeigt stolz auf die „Verschönerungsmaßnahmen“, um die er sich im Gemeindezentrum gekümmert hat.

Er hat die Wände der Container bemalt, er hat Gemüsebeete angelegt und sich gemeinsam mit anderen darum gekümmert, dass die endlosen Reihen der Containerhäuser mit bunten Bildern bemalt wurden, damit die Menschen besser nach Hause finden, was wirklich total schwierig ist, wenn alles gleich aussieht. Er organisiert außerdem Männergruppen, die sich mit der Verschönerung des Camps befassen. Er sagt mir, dass er vieles aushalten könne; den ganzen Tag tatenlos herum zu sitzen und nichts zu tun, jedoch nicht. Mit seinem Tatendrang steckt er die anderen an und trägt dazu bei, dass man sich in den Einrichtungen des Flüchtlingslagers wohler fühlt.

Das gleiche gilt für Achmed, der sich um die Spiel- und Freizeitgruppen für Kinder und Jugendliche kümmert, die zusätzlich zur Schule angeboten werden. Ich besuche eine Gruppe von Buben im Alter von 10 Jahren aufwärts, die sich einige Male pro Woche zum Schachspielen treffen. Im Nebenraum treffen sich junge Mädchen, die – angeregt durch die Trost-Teddys der Wiener Pensionistenclubs – einen Strickkreis gegründet haben, wo sie Babykleidung und kleine Stofftiere, die ein begehrtes Spielzeug bei den Kleinen sind, stricken.

Einen Container weiter treffe ich eine Gruppe von älteren Männern, die sich mit der Konfliktbewältigung innerhalb der Familie auseinandersetzen. Sie werden dabei von SozialarbeiterInnen betreut. Dies ist eine der vielen psychosozialen Maßnahmen, die entscheidend dazu beitragen, dass der Umgang mit den eigenen vier Wänden weniger konfliktreich wird. Das ist unerlässlich, wenn so viele Menschen über lange Zeit in einer Ausnahmesituation auf engstem Raum und unter härtesten Bedingungen zusammenleben müssen.

Neben dem bloßen Überleben ist es meiner Einschätzung nach sehr wichtig, dass die Flüchtlinge mit ihrer Ausnahmesituation möglichst gut umgehen lernen. Das soll vermeiden helfen, dass die oft depressiven Eltern ihre Frustration an den Kindern auslassen, die ihrerseits oft traumatisierende Ereignisse verarbeiten müssen und die Situation noch viel schlechter verstehen und beeinflussen können als Erwachsene. Dafür sind diese psychosozialen Betreuungen sehr wichtig, die nicht nur in Azraq, sondern auch für die Flüchtlinge im städtischen Bereich von CARE angeboten werden.

Nichts mehr zu verlieren

Ich treffe Fatima, eine sechzigjährige Apothekerin aus Damaskus. Sie ist alleine hier in Azraq und wirkt verloren und traurig. Sie vermisst ihre Familie und ihre Arbeit, erzählt sie. Sie sieht keine Zukunft für sich und möchte deshalb nach Europa. Sie erzählt mir, dass sie in Schweden um Asyl ansuchen will und dort ein neues Leben starten möchte. Sie sagt mir, dass sie Angst vor der fremden Welt in Europa hat, aber sie habe nichts mehr zu verlieren und deshalb wird sie in den nächsten Wochen das Flüchtlingslager Azraq verlassen, um sich in der Hauptstadt Amman um die Formalitäten zu kümmern. Ich hoffe, dass es ihr gelingt und ich bewundere ihre Kraft und ihren Mut.

Speziell in so lang anhaltenden Kriegen muss man sich vor Augen halten, dass es nicht ausreicht, Millionen von Menschen „nur“ am Überleben zu halten. Es muss auch gelingen, ein Stück Normalität und sinnhafte Beschäftigung in den Alltag der Flüchtlinge zu bringen. Denn niemand von uns würde es aushalten, jahrelang nur dahin zu vegetieren. Gerade für Kinder ist es wirklich verheerend, wenn sie alles verlieren und keinen sicheren Platz mehr haben, an dem sie lernen und spielen können. Ich persönlich weigere mich von der „verlorenen Generation“ zu sprechen, denn wie viele dieser „verlorenen Generationen“ wollen wir noch hinnehmen und mit diesen Worten kommentieren? Ich finde, dass dies eine Perspektivenlosigkeit vermittelt, gegen die man ankämpfen muss – nicht nur hier in dieser Region, sondern weltweit. Das ist eines der Hauptanliegen von CARE.

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