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22. Mai 2018

Wie Ägyptens Frauen um ihr Erbe kämpfen

Iman (35) vor ihrem kleinen Laden. Foto: Katharina Katzer/CARE

Von Pressereferentin Katharina Katzer aus Ägypten

Als wir das Zuhause von Iman (35) in einem Dorf im südlichen Ägypten betreten, ist mir im ersten Moment nicht so recht klar, dass es sich hier tatsächlich um ihr Zuhause handelt. Sehr dunkel ist es, wir stehen direkt auf dem nackten Erdboden. Es ist stickig. Die karge Behausung ist etwa zwei Meter breit und zehn Meter lang. Am Wellblechdach, das ein wenig vor der Hitze schützt, gurren ein paar Tauben. Das Mobiliar besteht aus zwei Pritschen: Sie sind Bett und Sofa zugleich für Iman und ihre vier Kinder im Alter zwischen fünf und 13.

Ägypten: Die Landbevölkerung lebt in großem Elend

Iman führt uns in den Hinterhof und zeigt uns stolz ihre Milchkuh. Aus der Milch produziert sie Käse, den sie weiterverkauft. Das Landstück, dessen Besitzerin sie ist, bearbeitet sie selbst. Ungewöhnlich in Ägypten, wird mir bestätigt. Neben einem Stück Land, einem Kühlschrank und einem kleinen Geschäft, gehört auch die Kuh zu ihrem höchstpersönlichen Besitz. Besitz, der nicht selbstverständlich ist. Besonders für eine Frau, eine Frau in Ägypten. Sie hat ihn sich hart und gegen den Widerstand ihrer Familie erkämpft – es ist ihr Anteil am Erbe des Vaters.

Für ihr Recht an diesem Stück Land hat Iman hart gekämpft. Foto: Katharina Katzer/CARE

In Ägypten sind nur rund vier Prozent der Landtitel auf Frauen ausgestellt, Eigentum ist überwiegend im Besitz der Männer. Dass die Erbfolge Frauen berücksichtig, war in der ägyptischen Tradition nicht vorgesehen. Seit 1943 ist es jedoch gesetzlich festgeschrieben. Allerdings waren im Gesetz keine Strafen vorgesehen, wenn die männlichen Verwandten sich weigerten, das Erbe zu teilen. Frauen kamen nicht zuletzt aufgrund mangelnden Wissens und starker Traditionen gar nicht auf die Idee, nach einem Anteil an ihrem Erbe – etwa beim Tod des Vaters oder Ehemanns – zu fragen. Und wenn doch, dann standen sie damit mutterseelenallein da. Mit dem Argument, den Familienbesitz nicht aufzuteilen, wurde Frauen ihr rechtmäßiger Anteil stets vorenthalten.

„Wie kannst du es wagen?“

Ein Projekt von CARE hat sich genau dieses Themas angenommen. Seitdem ist viel passiert: Sowohl auf nationaler, gesetzgebender Ebene, als auch in den Dörfern, bei den betroffenen Frauen selbst. Das Thema wird in den ägyptischen Medien und Talkshows diskutiert. Im Jahr 2017 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, wonach bei der Weigerung, das Erbe zu teilen, künftig Gefängnisstrafen stehen. Ein weiterer Erfolg ist die „Fatwa“ (Rechtsauskunft) der Al Asram Universität in Kairo: Diese sagt ebenfalls aus, dass es verboten ist, den Frauen ihren Anteil am Erbe zu verweigern. Beides ist der anwaltschaftlichen Arbeit des CARE-Projekts zu verdanken.

Nayema forderte erfolgreich ihren Anteil am Erbe ein. Foto: Ute von Maurnböck-Mosser

Meine Familie war zuerst sehr aufgebracht“, erinnert sich Nayema (32), als sie es wagte, ihren Anteil am Erbe einzufordern. „Ich war sehr schüchtern und bin deshalb zum Komitee* gegangen, das für mich vermittelt hat. Immerhin hat auch meine Mutter zu mir gehalten und sich bei meinem Bruder für mich eingesetzt. Das hat mir sehr geholfen.“ Ihr Bruder gab schließlich nach, als er über die Konsequenzen seiner Weigerung informiert wurde. Nayema erhielt den ihr zustehenden Anteil am Erbe: Davon konnte sie sich eine Kuh und ein Haus kaufen. Mit der Hilfe von CARE konnte sie auch Lesen und Schreiben lernen, worauf sie besonders stolz ist: „Seitdem kann ich meinen Kindern beim Lernen helfen und sie sind tatsächlich besser in der Schule geworden!“

Das alles sind Meilensteine für die Frauen in Ägypten und sie werden wesentlich dazu beitragen, dass immer weniger Frauen – so wie Nayema und Iman einst – von ihren Verwandten zu hören bekommen: „Wie kannst du es wagen, nach einem Anteil zu fragen?

Link zum Projekt

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