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26. September 2016

Wer in Syrien hilft, setzt sein Leben aufs Spiel

Von CARE-Helferin Sonja Meyer

Der abscheuliche Angriff auf einen UN-Hilfskonvoi für Aleppo schockiert die ganze Welt. Er ist der traurige Beweis dafür, in welche Gefahr sich HelferInnen in Syrien begeben: gefangen zwischen den Fronten, immer auf der Flucht vor Bombardements, Entführungen und Verhaftungen.

Unsere Teams verteilen Hilfsgüter in der Nacht und können immer nur kleine Essensrationen ausgeben, weil Benzin fehlt und ständiger Beschuss eine zentrale Verteilung zu gefährlich macht. Für unsere lokalen Partnerorganisationen sind diese logistischen Albträume inzwischen zur Routine geworden.

Humanitäre Hilfe zu leisten sei in Syrien heute gefährlicher als eine Waffe zu tragen, berichten mir syrische Kollegen. Seit 2012 ist Hilfeleistung in Gegenden, die nicht von der Regierung kontrolliert werden, verboten. Sie darf nur von Organisationen, die bei der syrischen Regierung registriert sind, durchgeführt werden. Die Arbeit von kleinen Hilfsorganisationen wie jenen, mit denen CARE in den von der Opposition kontrollierten Gegenden zusammenarbeitet, wird daher kriminalisiert.

Ich arbeite seit Beginn der Syrien-Krise für humanitäre Organisationen. Seither wurden acht Kollegen in Syrien inhaftiert, weil sie beispielsweise Informationen über Projekte, Dokumente oder Bargeld bei sich hatten. HelferInnen in Syrien genießen keinen internationalen Schutz und sie riskieren, sich vor einem Militärtribunal für die Finanzierung „terroristischer Aktivitäten“ verantworten zu müssen.

Hilfe unter Geheimhaltung
Internationales Recht ist zu einer Utopie geworden. Hilfe für die Zivilbevölkerung in von der Opposition kontrollierten Gebieten oder für Menschen in Städten, die nicht von der Regierung kontrolliert werden, wird als Akt des Widerstands verstanden. Humanitäre Hilfe folgt jedoch den Prinzipien der Neutralität und Unparteilichkeit. In Syrien muss die Hilfe für Menschen in Not daher unter größter Geheimhaltung erfolgen.

Zugleich verschärft sich der Krieg in Syrien. Neue bewaffnete Gruppen bilden sich, die die Zivilgesellschaft in den Gebieten der Opposition marginalisieren und den Raum für soziale und humanitäre Aktivitäten weiter schrumpfen lassen. Manche Gruppen versuchen, Hilfe auch für ihre politische Agenda zu nutzen, indem sie nur bestimmten Personen Zugang zu Gesundheitskliniken und Verteilungen ermöglichen. Wenn Zugang zu humanitärer Hilfe als Kriegswaffe benutzt wird, werden allerdings nicht nur die Leben der Menschen in Not aufs Spiel gesetzt, sondern auch die der HelferInnen.

Der Angriff in Aleppo war zwar der erste auf einen offiziellen UNO-Hilfskonvoi. Aber es war leider nicht das erste Mal, dass humanitäre Hilfe unter Beschuss kam. Krankenhäuser, Schulen und Lagerhäuser sind regelmäßig Ziele.

Es ist das Mandat von CARE und unseren Partnern, weiterhin in Syrien zu helfen. Es ist inakzeptabel, dass HelferInnen dabei rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt sind, die nicht zwischen Kriegsparteien und Zivilisten unterscheiden. Stephen O’Brien, Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, hat klar ausgesprochen, dass geplante Angriffe auf humanitäre Helfer ein Kriegsverbrechen sind.

Die Menschen in Syrien sind ausgelaugt von den Jahren der Gewalt, des Leids und des Hungers. Das Mindeste, was die internationale Gemeinschaft ihnen schuldet, ist ein sofortiger, uneingeschränkter Zugang zu humanitärer Hilfe, ein Ende der Belagerung und eine Feuerpause. Dies kann den Weg bereiten für ein Ende der Kämpfe hin zu einer politischen Lösung für diesen abscheulichen Krieg.

Dieser Beitrag von CARE-Helferin Sonja Meyer wurde auch in der Zeitung „Die Presse“ veröffentlicht.

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