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25. September 2017

Syrische Flüchtlinge: „Unser Hauptfeind ist das Nichtstun“

CARE-Helfer Jameel Dababneh im Flüchtlingslager Azraq. Foto: CARE

Jameel Dababneh leitet den Einsatz von CARE im Flüchtlingslager Azraq in Jordanien. Das Camp liegt mitten in der Wüste, unweit der Grenze zu Syrien und beherbergt rund 36.000 Menschen. Insgesamt leben in Jordanien über 1,4 Millionen Geflüchtete aus Syrien. Von den knapp 9 Millionen Einwohnern des Landes sind damit rund 14 Prozent Flüchtlinge. Wir haben mit Jameel über seine Arbeit gesprochen.

Das Zusammenleben von Flüchtlingen und Einheimischen ist nicht immer einfach. Gibt es in Jordanien Spannungen?

Momentan gibt es kaum Konflikte zwischen den beiden Gruppen, denn solange alle Bedürfnisse befriedigt werden können, ist alles okay. Aber auch für JordanierInnen wird es immer schwieriger, mit ihrem Einkommen über die Runden zu kommen. Fehlende Perspektiven könnten bei den Einheimischen stärkere Ablehnung und Hass gegenüber den Flüchtlingen auslösen. Das sehe ich definitiv als große Gefahr für die mittelfristige Zukunft.

Was kann CARE dagegen tun?

Die Arbeit von uns Hilfsorganisationen besteht natürlich nicht nur darin, Zelte aufzustellen und Decken zu verteilen. Genau so wichtig ist psychosoziale Unterstützung und das Schaffen einer guten, funktionierenden Gemeinschaft. Wir sehen Geflüchtete nicht als passive LeistungsempfängerInnen, sondern als Menschen, die aktiv ihr Leben gestalten möchten.

Syrische Flüchtlinge sind Teil unseres Alltags in Jordanien geworden, sie sind überall. Deshalb muss man sie dazu motivieren, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und gleichzeitig muss man die lokalen Gemeinschaften stärken.

Dafür ist auch Geld nötig – oder?

Ja das stimmt natürlich. Ein Journalist hat mich gefragt, was ich machen würde, wenn mir sehr viel Geld zur Verfügung stehen würde. Ich finde, man kann die Situation mit einem Menschen vergleichen, der reglos am Boden liegt. Zuerst muss man erste Hilfe leisten oder gar eine Herzdruckmassage machen, also Geld in die Nothilfe pumpen.

Danach muss man sich ansehen, wie man weitermacht und wie man den Patienten wieder gesundpflegt. Dabei muss man die Brücke zwischen Nothilfe und Entwicklungsarbeit bauen.  Und das ist die Herausforderung. Seit sieben Jahren tobt der Krieg in Syrien und ein Ende ist nicht in Sicht. Man muss sich überlegen, wie es mit den Geflüchteten weitergeht, denn an eine Rückkehr ist momentan kaum zu denken.

Wenn man die Menschen vor einigen Jahren nach ihren Plänen gefragt hat, sagten sie: „Wir werden zurück nach Syrien gehen“. Heute sagen sie, sie hoffen irgendwann zurückkehren zu können, aber die Hoffnung wird schwächer. Jetzt ist der jordanische Staat gefordert, Strukturen zu schaffen, um die neuen BewohnerInnen des Landes in die Gesellschaft zu integrieren.

Wie könnte das aussehen?

Den freien Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen, wäre ein guter Schritt. Die Menschen in Azraq produzieren die vielfältigsten Güter, aber es gibt keine Absatzmärkte. Viele Menschen nähen oder stricken, andere malen.

Auch die Schuluniformen für das Camp werden von Flüchtlingen produziert. Diese Aktivitäten könnte man ausweiten und ganz Jordanien mit Schuluniformen versorgen. Außerdem könnte man den europäischen Markt für jordanische Produkte öffnen, davon würden auch die einheimischen JordanierInnen profitieren.

Gibt es etwas, das HelferInnen nachts den Schlaf raubt?

Das Schicksal der Kinder beschäftigt mich sehr. Über die Hälfte der CampbewohnerInnen sind Kinder. Viele wurden außerhalb Syriens geboren, sind in Zelten aufgewachsen und müssen täglich Wasser vom Brunnen holen. Sie kennen kein anderes Leben. Das Schlimmste ist aber die fehlende Bildung. Das führt oft zu Hoffnungs- und Perspektivenlosigkeit und dann manchmal zu Gewalt, Kriminalität und Extremismus. Ich denke, wir sehen hier gerade eine verlorene Generation aufwachsen und das ist sehr traurig.

Was kann getan werden, um solchen Entwicklungen, insbesondere der Radikalisierung junger Menschen, entgegenzuwirken?

Unser Hauptfeind ist das Nichtstun. Das ist ein Problem in jeder Flüchtlingsgemeinschaft. Viele Menschen haben nichts zu tun und sind wütend. Manche entwickeln dann radikale Ansichten, werden gewalttätig oder kriminell. Deshalb sind psychosoziale und integrative Maßnahmen ganz wichtig.

Als FlüchtlingshelferInnen müssen wir mit den Menschen sprechen und ihnen unsere Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Ich gehe oft durch das Lager und rede mit den Leuten. Sie erzählen mir von ihren Problemen und ich höre ihnen zu. Aber die Hilfsorganisationen sind nicht 24 Stunden am Tag da und deshalb muss ein verlässlicher Partner geschaffen werden und das ist die Gemeinschaft selbst. Dafür braucht es offene Kommunikationswege zwischen den BewohnerInnen und der Campleitung.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind extrem wichtig. Und wir müssen die Hoffnung der Menschen aufrechterhalten, denn wenn diese schwindet, haben wir ein echtes Problem. Wenn wir merken, dass etwas außer Kontrolle läuft, müssen wir reagieren.

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Seit 2014 betreibt CARE das Azraq Flüchtlingslager im Norden Jordaniens. Es besteht aus vier Dörfer, die je rund zehntausend Menschen beherbergen können. Jedes davon verfügt über ein Gemeinschaftszentrum, eine medizinische Einrichtung, einen Gemeinschaftspolizeiposten, frauen- und kinderfreundliche Räumlichkeiten sowie Sportplätze. Im Mittelpunkt von CAREs Arbeit stehen psychosoziale Betreuung und die Weitergabe von Bewältigungsstrategien und Widerstandsfähigkeit, damit die Menschen besser mit ihrem Leben im Lager umgehen können.

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