Diese Website verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen.
Mit der Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Alle Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

2. November 2015

Syrische Flüchtlinge in Jordanien: „Wir müssen ums Überleben kämpfen“

Drei Kinder der Familie brauchen medizinische Hilfe. Aber dafür fehlt das Geld. Foto: Sara Rashdan/CARE

Alexandra Zawadil, Communications Officer von CARE Österreich, berichtet aus Jordanien

Die kleine Wohnung in einem baufälligen Haus in Amman ist kahl. Zwei enge Zimmer, am Boden liegen nur dünne Matratzen.
Nadir und seine Frau Hamida haben sechs Kinder.

Sabri*, der Älteste, ist 9. Das Baby, ein kleines Mädchen namens Sharifa, ist erst zwei Monate alt. Die Familie hat 3 Söhne und 3 Töchter. Nur die Jüngste ist in Jordanien geboren.

„Wenn Bomben fielen, mussten wir wieder weiter“
Sie kommen aus Homs und waren schon in Syrien über Monate auf der Flucht, bevor sie in Amman Schutz gefunden haben. „Wir sind sehr oft umgezogen, aber überall fielen Bomben und wir mussten weiter “, sagt Nadir.

In ihrer Heimat hatten sie ein Haus. Davon stehen nur noch die Mauern. Das hat Nadir von seinen Geschwistern gehört, die noch in Syrien sind. Auch die Felder sind zerstört. Nadir war früher Landwirt und baute Weizen an. Er bewirtschaftete einen Olivenhain. Den gibt es nicht mehr. „Die Olivenbäume wurden gefällt für Feuerholz“, sagt er.

„Das Essen reicht kaum für die Kinder“
In Jordanien kämpft die Familie ums Überleben. „Die jordanische Bevölkerung ist sehr nett zu uns, aber alles ist so teuer“, sagt Hamida. Die karge Wohnung kostet umgerechnet an die 150 Euro – ohne Strom und Wasser. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen trägt die Kosten für die Unterbringung zum Großteil.

Aber das Welternährungsprogramm WFP hat die Essensgutscheine vor kurzem deutlich gekürzt. Pro Person bekommt die Familie jetzt nur noch die Hälfte der früheren Unterstützung: etwa 12 Euro im Monat. Mit weniger als 100 Euro müssen Nadir und Hamida und sechs Kinder seitdem einen ganzen Monat auskommen. Das Essen reicht kaum. „Ich kann nur Reis und Kartoffeln kaufen – und ein wenig Milch. Ich muss aber so kochen, dass die Kinder nicht hungrig bleiben“, sagt Hamida.
 

CARE hilft im kommenden Winter
Dabei geht es ihnen noch besser als den Flüchtlingen, die gar keine Essensgutscheine mehr bekommen. Dem WFP fehlen die Mittel. Rund 230.000 Menschen in den städtischen Gebieten wurden aus dem Hilfsprogramm ausgeschlossen.

Das Paar ist verzweifelt und fürchtet weitere Kürzungen der Unterstützung. „Wir leiden am meisten von allen, die wir kennen“, sagt Hamida leise. Von CARE bekommt die Familie weiter Hilfe – vor allem im kommenden Winter. Damit kann sie Decken kaufen und eine Heizung und Heizmaterial besorgen.

Die Fenster der kleinen Wohnung sind undicht. Der Boden ist kalt. In den Wintermonaten sinkt die Temperatur in Amman auf null Grad oder darunter.

ECHO, die Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission, unterstützt die Arbeit von CARE für syrische Flüchtlinge in Jordanien.

Wenn jemand krank wird, bedeutet das neue Schulden
Für Flüchtlinge aus Syrien hat sich die Lage in Jordanien in den letzten Monaten spürbar verschlechtert. Jordanien hat rund 6,5 Millionen EinwohnerInnen und als Gastland mehr als 630.000 Schutzsuchende aufgenommen. Das entspricht fast einem Zehntel der Bevölkerung. Es gibt auch Schätzungen, wonach insgesamt mehr als eine Million Flüchtlinge im Land sein sollen, die sich aber nicht alle registriert haben.

Jordanien kämpft damit, die Kosten zu tragen. Seit kurzem müssen syrische Flüchtlinge selbst für medizinische Leistungen aufkommen, die zuvor übernommen wurden. Zu bezahlen sind 60 Prozent der Kosten für Behandlungen. Für Nadir und Hamida bedeutet das neue Schulden. Die Geburt der jüngsten Tochter im Krankenhaus hat rund 650 Euro gekostet. Nadir musste sich das Geld von Freunden leihen. Der Betrag ist so groß, dass die Familie ihn kaum zurückzahlen kann. „Wir haben kein Geld für Medizin“, sagt Nadir.

Seit einer Nacht im Bombenhagel ist Kamal (4) verstummt
,Der Familienvater würde gerne arbeiten, hat aber keinen legalen Zugang zum Arbeitsmarkt. Mehr Einkommen wäre dringend nötig. Drei Kinder brauchen medizinische oder psychologische Hilfe.

Der älteste Sohn Sabri hat seit einem Bombenangriff auf einem Ohr das Gehör verloren. Sein Bruder Kamal st seit einer Nacht im Bombenhagel in Syrien stumm. „Er hat aufgehört zu sprechen, als so viele Bomben gefallen sind“, erklärt Hamida. Ein Arzt hat das Kind untersucht. Körperlich fehlt ihm nichts.

Der jüngste Bruder Kalil leidet an einem Leistenbruch und müsste operiert werden. Doch das Geld haben die Eltern nicht. Sie wissen oft nicht, wie es weitergehen soll. „Wir haben keine Pläne. Wenn Gott ein Wunder bewirkt, gehen wir eines Tages wieder zurück nach Syrien.“

Das Baby hat keine Windeln – dafür fehlt das Geld
Die Kinder sind lebhaft und neugierig. Sie tollen fröhlich durch die Wohnung. Spielzeug besitzen sie nicht. Auf der staubigen Straße vor dem Haus spielen dürfen sie auch nicht. „Ich lasse sie nicht hinaus, weil das zu gefährlich ist“, sagt Hamida. „Ich spiele viel mit ihnen daheim, damit sie sich nicht langweilen.“

Hamidas bodenlanges Kleid ist an zwei Stellen zerrissen. Die Kinder tragen Kleidung, die jordanische Familien in der Nachbarschaft an sie weitergegeben haben. Das Baby hat keine Windeln, weil dafür kein Geld da ist. Manchmal bekommen sie Windeln geschenkt. „Wir müssen ums Überleben kämpfen“, sagt Nadir. „Ohne Spenden können wir nicht auskommen.“ Er sieht deutlich älter aus als 35. Sein Gesicht ist von Sorgen gezeichnet.

„Ich würde ihnen so gerne Spielsachen kaufen“
Zwei Kinder haben in den überfüllten jordanischen Schulen einen Platz bekommen und erhalten Unterricht. Die älteste Tochter Hayet sagt, ihr gefalle Arabisch am besten. Der älteste Sohn Sabri sagt:, „Ich mag alles in der Schule.“

Hamida lächelt beim Anblick ihrer Kinder . „Ich würde ihnen so gerne etwas kaufen – Spielsachen vielleicht – damit sie glücklich sind“, sagt sie traurig. Im Moment ist das unerreichbar.

*Alle Namen zum Schutz der Familie geändert

zurück zur Übersicht