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News

7. November 2005

Kinderrechte sind virtuell

Sie hat sich selbst einmal als „sanfte Revoluzzerin“ bezeichnet. Weil sie im Bürokratie-Dschungel mitunter auch unausgetretene Wege einschlägt. Dabei hat Monika Pinterits immer nur eines im Sinn: Als Leiterin der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft kämpft die 52-Jährige seit 1999 für die Rechte von Minderjährigen, hilft und vermittelt bei Gewalt in der Familie, sexuellem Missbrauch, Pflegschaftsstreitigkeiten oder sonstigen Problemen mit den Eltern.

CARE: Was bedeutet der Begriff Kinderrechte?
Pinterits: Kinderrechte sind die Grundlage für eine kindergerechte Gesellschaft. Kinder und Jugendliche haben natürlich Menschenrechte, so wie alle, aber bestimmte Rechte, die uns Erwachsenen selbstverständlich sind, werden ihnen vorenthalten, zum Beispiel das Wahlrecht. Kinder haben oft Recht, aber sie haben viel zu wenig Rechte.

CARE: Im Österreich-Konvent wurde auch über Kinderrechte diskutiert und darüber, diese einklagbar zu machen. Werden Kinder in Zukunft zu Gericht ziehen?
Pinterits: Nein. Aber einklagbare Verfassungsgesetze sind ein verpflichtender Mindeststandard. Der Gesetzgeber könnte dann keine Gesetze mehr erlassen, die gegen diesen Mindeststandard verstoßen. Oder muss bestehende Gesetze entsprechend anpassen. Derzeit haben Kinderrechte ja so etwas wie eine virtuelle Realität. Sie sind zwar da, aber sie haben keine Auswirkungen. Dass Kinder ein Recht darauf haben, ihre Umwelt mitzugestalten, sickert nur sehr langsam in die Köpfe der Erwachsenen.

CARE: Womit sind Sie hier in der Kinder- und Jugendanwaltschaft am häufigsten konfrontiert?
Pinterits: Zum einen mit Gewalt und sexuellem Missbrauch, zum anderen mit dem Thema Trennung, Scheidung, Besuchsrecht, Alimente €¦ Immer öfter hören wir auch: „Ich halte es zuhause nicht mehr aus.“ Wir beobachten, dass die Ressourcen in den Familien weniger werden, damit meine ich gemeinsame Zeit, Kommunikation, echtes, aufmerksames Zuhören und aufeinander Eingehen. Wichtig ist auch der Umgang mit Konflikten, da gibt es wenig eigene Lösungen. Generell gilt: Die Eltern sind unter Druck und geben den an die Kinder weiter.

CARE: Trotzdem kann man doch sagen, dass es Kinder und Jugendliche hierzulande weit besser haben als woanders.
Pinterits: Sicher, im Vergleich zu anderen Staaten steht Österreich gut da. Geschätzte 1,2 Millionen Kinder sind weltweit Opfer von Menschenhandel, rund zwei Millionen werden zur Prostitution gezwungen. Dennoch sind Kinderrechte auch bei uns ein wichtiges Thema und noch lange nicht zur Zufriedenheit erledigt. Österreich muss regelmäßig einen Bericht zur Situation der Kinderrechte an den UNO-Kinderrechtsausschuss in Genf abliefern. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft erstellt derweil gemeinsam mit anderen nichtstaatlichen Organisationen – den Pfadfindern etwa, den Kinderfreunden und anderen – einen so genannten „Schattenbericht“. Und da kommt es schon immer wieder zu Diskrepanzen, etwa bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die bei uns immer noch in Schubhaft landen. Im offiziellen Bericht liest man darüber nichts.

CARE: Woran liegt es, dass Kinderrechte immer noch so häufig missachtet werden?
Pinterits: Das hat mit Achtung und Wertschätzung zu tun. Wenn ich Kinder als gleichberechtigte Individuen wahrnehme, dann haue ich auch nicht so leicht hin. Es geht um ein anderes Bild im Kopf der Menschen.

7. November 2005

Mali: Verheißungsvolles Leben in der Stadt?

Dazu war Djenebas Realität zu hart.
Jeden Tag stand sie vor Sonnenaufgang auf, um noch vor der Schule die Gemüsefelder zu gießen. Das Wasser dazu holte sie Kübel für Kübel von einem Teich. Dann ging sie und holte Trinkwasser für den ganzen Tag. Sie half ihrer Mutter bei der Zubereitung von Frühstück und Abendessen für die Familie. Nach der Schule goss sie noch einmal die Felder, putzte das Haus und wusch Wäsche.

Djeneba wollte ein leichteres Leben.
Sie wollte nach Bamako. Sie stieg ins Buschtaxi und fuhr 450 km weit von ihrem Heimatdorf Sangha in die Hauptsstadt von Mali. „Alle meinten, es wäre eine gute Idee“, sagt Djeneba, „aber als ich dort ankam, war es nicht so, wie wir gedacht hatten.“ Mit Hilfe ihres Cousins fand sie einen Job als Dienstmädchen. Ein leichteres Leben hatte Djeneba dort nicht, im Gegenteil, die Arbeit war noch härter und in die Schule ging sie nun gar nicht mehr.

Nach zwei Monaten wollte sie zurück in ihr altes Leben nach Sangha.
Der Cousin hatte Verständnis, er gab ihr Geld für die Rückreise und die Schulgebühren. Jetzt, zwei Jahre später, besucht Djeneba die siebente Schulstufe und hofft, eines Tages Ärztin zu werden. Ihre Familie hat ihr tägliches Arbeitspensum verringert, damit sie mehr Zeit zum Studieren hat.

Djeneba hatte Glück.
Sie konnte ihre Schulausbildung wieder aufnehmen, sie war gesund und weder Opfer von Menschenhandel noch schwanger. Hunderte andere Kinder haben nicht so viel Glück, wenn sie vom Land in die Hauptstadt Bamako gehen. Gesprochen wird über die Gefahren und Schwierigkeiten nicht. In die Stadt zu gehen, hat enormes Prestige und wer zugibt, dass er es dort nicht geschafft hat, dass es gefährlich ist und eigentlich gar nicht so toll, verliert sein Gesicht.

Verkaufte Kinder.
Und sie hat nichts Falsches gehört. Exakte Zahlen gibt es freilich keine, aber Schätzungen zufolge sollen schon bis zu 20.000 Kinder in die benachbarte Elfenbeinküste verkauft worden sein. Kinder, die freiwillig ihre Dörfer und Familien verlassen haben, die in der Hauptstadt aus Not aber zu leichten Opfern für die Menschenhändler wurden. Die Regierung von Mali hat mit der Elfenbeinküste ein Abkommen unterschrieben, das die Rückkehr der Opfer erleichtert, das gesetzliche Mindestalter für Arbeiten jeder Art liegt bei 14 Jahren, Schulpflicht herrscht – zumindest theoretisch – bis zur neunten Schulstufe. Doch bei allen guten Absichten fehlt es am üblichen: dem Geld und an der notwendigen Infrastruktur.

Bildung schützt.
CARE fördert Schulprojekte in den Regionen Ségou und Mopti, wo auch Djeneba lebt und wo viele Landflüchtige herkommen. Kinder, die in die Schule gehen, sind besser vor den Gefahren des Menschenhandels gewappnet. Es geht auch darum, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen und Perspektiven für die Jungen zu schaffen, die woanders liegen als in der verheißungsvollen Stadt. Bis 2007 will CARE mit seinen Projekten an die 16.000 SchulabbrecherInnen und rund 30.000 SchülerInnen erreichen. Ein ehrgeiziges Ziel? Sicher. Aber eines, für das es sich lohnt zu kämpfen.

7. November 2005

Darfur/Sudan: Die vergessene Katastrophe

Es ist der Zynismus unserer Mediengesellschaft: Sendeminuten sind knapp, genauso wie die Spalten und Zeilen in Zeitungen und Zeitschriften. Da haben nur die aktuellsten Meldungen Platz, alles andere fliegt raus. Der Sudan zum Beispiel.

Asaan ist 18 Monate alt. Sie ist zu schwach, um den Kopf zu heben, sechs Monate Flucht haben ihrem kleinen Körper schwer zugesetzt, dazu akute Unterernährung, Fieber und Infektionen.

Samia ist 5 Jahre alt. Sie ist Asaans Schwester und spricht nicht mehr. Das Mädchen musste mit ansehen, wie ihr Vater erschossen und die Mutter von Fremden vergewaltigt wurde.

Achmet ist zwölf Jahre alt. Er spricht ein bisschen Englisch. Als er vor einigen Wochen nach der Schule nach Hause kam, stand sein Dorf in Flammen – verlassen. Eine Gruppe vorbeiziehender Flüchtlinge brachte ihn mit in das Lager. Sein größter Stolz ist sein Schulheft – das hat keiner hier. Jede Seite im Heft zeigt Omnibusse. Nur mit dem Bus könne er sich auf die Suche nach seiner Familie machen – wenn sie noch lebt, fügt er leise hinzu.

Fatma ist 15 Jahre alt. Sie wurde stundenlang von Mitgliedern der Janjaweed-Milizen vergewaltigt, doch sie findet kein Mitleid, im Gegenteil. Als sie schwanger wurde, wollte ihr Vater sie aus dem Haus werfen, nur mit Mühe konnte sie bleiben. Jetzt reden die Nachbarn schlecht über sie, sagen, sie sei ein schlechtes Mädchen, weil sie dieses Janjaweed-Kind hat. Fatma schämt sich.

Asaan, Samia, Achmet und Fatma sind nur vier von über einer Million Menschen, die in Darfur auf der Flucht sind. 450.000 von ihnen suchen Schutz in nicht betroffenen Dörfern und größeren Städten. Der Rest ist in Flüchtlingslagern untergebracht oder noch unterwegs.

• CARE versorgt monatlich 400.000 Menschen mit Lebensmitteln, Decken, Seifen, Wasserkanistern und anderen überlebensnotwendigen Hilfsgütern.
• Im Flüchtlingslager El Sharif in Nyala werden 10.000 Menschen medizinisch betreut. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Gesundheitssicherung von schwangeren Frauen, HIV/AIDS-Kranken und auf dem Thema Familienplanung.
• Zwei mobile Kliniken aus Österreich versorgen rund um Nyala etwa 800 Menschen pro Woche.
• CARE betreibt in Nyala ein therapeutisches Ernährungszentrum für mehr als 100 unterernährte Kinder pro Tag.
• CARE versorgt 265.000 Flüchtlinge in fünf Flüchtlingslagern mit Trinkwasser, Sanitäreinrichtungen und Hygieneartikeln.
• Im benachbarten Tschad leitet CARE vier von zwölf Flüchtlingslagern und betreut dort 47 Prozent (75) aller Flüchtlinge.

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7. November 2005

Burundi: Missbraucht und verstoßen

Sexuelle Gewalt an Frauen ist nicht nur im ostafrikanischen Burundi ein Tabuthema. Doch gerade in einer Gesellschaft, in der missbrauchte Frauen von ihren Familien und Ehepartnern verstoßen werden, ist Aufklärungsarbeit und die medizinische und psychosoziale Betreuung vergewaltigter Frauen dringend von Nöten.

 

Vergewaltigung vor den Augen der Kinder
Für die 36jährige Christine Nahimana wurde ein Alptraum Realität. Eines Abends als sie gerade ihre drei Kinder ins Bett gebracht hatte und sich zu ihrem Mann ins Wohnzimmer setzen wollte, drangen mehrere bewaffnete Männer in ihr Haus ein. Ihr Mann wurde gefesselt, ihre Kinder geweckt, die ganze Familie wurde dazu gezwungen zuzusehen wie Christine wieder und wieder vergewaltigt wurde.

Sexuelle Gewalt: Tabu und Angst
Doch das ist erst der Anfang von Christines Leidensweg. In dem kleinen Ort Mutimbuzi im zentralafrikanischen Land Burundi, ist sexuelle Gewalt ein absolutes Tabuthema. Frauen erleiden ein psychisches wie physisches Trauma, während Männer die Konsequenzen fürchten. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Frau mit HIV infiziert wurde? Was, wenn sie vom Vergewaltiger schwanger wird? Angst und Scham treiben viele Männer dazu, ihre Frauen aus dem Haus zu werfen.
 

 

CARE: Medizinische und psychologische Betreuung
Christine hatte Glück und wurde von Nachbarn aufgenommen. Und diese Nachbarn hatten an einem von CARE organisierten Training teilgenommen. Folglich kannten sie die richtigen AnsprechpartnerInnen und Christine wurde sofort medizinisch und psychologisch betreut. Die von CARE nominierten Gemeindeführer organisierten ein Treffen mit Christines Ehemann, in dem sie ihn an ihrem Wissen teilhaben ließen. Dass seine Frau innerhalb von 72 Stunden getestet und behandelt wurde, dass sie weder HIV-infiziert noch schwanger sei.
 

 

Für die Zukunft unserer Kinder
Durch das Gespräch der Gemeindeführer konnte Christine nach Hause zurückkehren. Ihr Mann entschuldigte sich für seine Reaktion und setzt sich mittlerweile dafür ein, dass die CARE-Hilfe in Burundi noch bekannter wird. „Dieses Frauenprojekt hat Männer anfangs nicht interessiert.“ bestätigt er. „Mittlerweile haben wir aber verstanden, dass sexuelle Gewalt keine Frauenangelegenheit ist, sondern uns alle angeht. Für die Zukunft unserer Kinder.“

 

 

 

 

 

7. November 2005

Nach der Flutkatastrophe: Seelenpflaster

Eine Leiter für Lalitha
Die Menschen in Batticaloa, einem Ort an der Ostküste von Sri Lanka, laufen immer noch vor der Welle davon, auch jetzt noch, Monate nach der Katastrophe. Auch Lalitha hat Angst. Sie ist acht Jahre alt. Ihren Vater und mehrere Verwandte hat das Wasser genauso weggeschwemmt wie das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Um ihr die Angst zu nehmen, zumindest ein bisschen, haben Mutter und Tante eine Leiter für Lalitha gebaut. So kann sie schnell auf eine Palme klettern, wenn der Tsunami wieder kommt.

Sich wieder sicher fühlen
„Natürlich müssen erst einmal die physischen Grundbedürfnisse gedeckt sein,“ sagt CARE-Mitarbeiter Matthias Themel, „aber gleich nach Hunger, Durst und dem Bedürfnis nach Obdach kommt die Sicherheit.“ Denn solange die Menschen sich nicht sicher fühlen, dominiert die Angst und damit die Krise ihr Leben. Diesen Ausnahmezustand zu beenden ist das erste Ziel für Psychologen wie Matthias Themel. „Viele wissen nicht, woher der Tsunami kam und wie er entstanden ist, deshalb können sie die Gefahr nicht richtig einschätzen“, erzählt er. Mehr Sicherheit, das beginnt in Batticaloa – und nicht nur dort – also auch mit Information.

Zurück zur Normalität des Alltags
„Das nächste ist eine Normalisierung des Alltags – soweit möglich“, fährt der Psychologe fort, „es ist wichtig, dass die Kinder wieder in die Schule gehen, die Erwachsenen ihren gewohnten Alltagstätigkeiten nachgehen – auch wenn die Situation insgesamt natürlich alles andere als alltäglich ist.“

Psychosoziale Hilfe: Balance wieder herstellen
„Hier ist alles aus der Balance gekommen“, berichtet Matthias Themel, der im Jänner in Sri Lanka eine Strategie für psychosoziale Hilfsmaßnahmen ausgearbeitet hat, „und es gilt, die Balance wieder herzustellen.“ Dazu gehört vor allem eines: Respekt. Respekt vor den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen, vor ihrer Trauer, ihrer ganz persönlichen Art, mit dem Schock umzugehen. „Ich habe nirgends vollkommene Verzweiflung erlebt“, sagt Matthias Themel, „es ist überraschend, wie gefasst die Menschen sind. Doch dass sie lächeln, heißt nicht, dass sie nicht traurig sind.“ Andere Völker, andere Sitten, auch – und gerade – was den Umgang mit starken Gefühlen anbelangt. „Es gilt als sicher, dass Reden in traumatischen Situationen gut tut, weil es einem das Herz erleichtert“, so Themel, „aber es ist nicht in allen Kulturen üblich. Deshalb müssen wir sensibel sein und abwarten, bis die Menschen von alleine kommen.“

CARE: Betroffene um ihre Meinung fragen
Und Gesprächsbedingungen schaffen, in denen es eigentlich um anderes geht als um Gefühle. Den Wiederaufbau des Dorfes etwa. „Uns ist aufgefallen, dass jetzt überall Entscheidungen getroffen werden, von der Regierung, von Hilfsorganisationen und anderen – aber dass niemand die Betroffenen um ihre Meinung fragt“, erzählt der Psychologe. CARE geht da anders vor. „Wir beziehen die Leute sowohl in die Bedarfsanalyse ein als auch in den Entscheidungsprozess und in die Umsetzung“, sagt Themel, „und das ist das beste psychosoziale Projekt überhaupt, weil die Menschen damit wieder eine Perspektive für die Zukunft und Eigenverantwortung entwickeln.“

Psychosoziale Angebote
Die Palette der geplanten Maßnahmen ist weit gefächert. Zum Beispiel klärt CARE die Leute über traumatische Symptome auf, damit sie „komisch“ anmutendes Verhalten ihrer Mitmenschen verstehen. Wichtig ist auch Prävention: Drogen- und Alkoholmissbrauch, Depression und häusliche Gewalt etwa kommen in Folge von großen Krisen und Katastrophen häufig vor. Es werden Anlässe geschaffen, zu denen Menschen zusammenkommen und – ganz nebenbei, wenn es sich ergibt – über das sprechen können, was sie durchgemacht haben. So können die seelischen Wunden langsam heilen. Auch bei Lalitha. Und irgendwann wird sie hoffentlich ihre Leiter beruhigt ins Eck stellen können.

6. November 2005

Kembang Seroja: Hoffnung und Stärke nach der Flut

Symbol der Hoffnung nach der ZerstörungIn Saree ist die Seroja ein Symbol für Hoffnung und Stärke einer kleinen Gruppe von Überlebenden, die sich zusammen geschlossen haben, um das wieder aufzubauen, was der Tsunami im vergangenen Jahr in Indonesiens Provinz Aceh zerstörte. Der Tsunami verwüstete ihre Dörfer vollständig, manche stehen heute noch unter Wasser, eine Rückkehr ist unmöglich.

Aufbau einer neuen Gemeinschaft
Während manche Überlebende nach Hause zurückkehren konnten, um ihre Häuser wieder aufzubauen, beginnen die Menschen in Saree ein neues Leben auf der Insel, hunderte Kilometer weit weg von ihrem zu Hause. Mehr als 50 Familien haben sich hier niedergelassen.

Husna leitet die neu gegründete Frauengruppe
„Ich vermisse mein zu Hause, aber ich bin froh hier zu sein“, sagte Husna, eine der Leiterinnen der neu gegründeten Kembang Seroja Frauengruppe. Sie kam im Jänner nach Saree, mit ihrem Mann und ihrer 7-jährigen Tochter, und zeigt auf ihren Armen die schmerzhaften Narben ihres Entkommens aus den tödlichen Wellen. „Unser Dorf wurde komplett zerstört. Wir können nicht zurückgehen. Hier müssen wir bleiben und in die Zukunft blicken.“

Das neue Zuhause wird geschmückt
Derzeit leben Husna und die anderen Familien in kleinen Holzhütten. Viele Frauen pflanzen Blumen vor ihren Hütten an, und Singvögel hängen in handgemachten Käfigen vor jeder Haustür. Die neue Frauengruppe will Geschichten, Gesundheitsinformationen über ihre Kinder, Fähigkeiten und Ideen für den Aufbau einer neuen Gemeinschaft austauschen.

CARE schafft ein neues Dorf
Saree ist eines der vielen Dörfer in Aceh, das von Grund auf neu wachsen muss. Das Land war bewachsen wie ein Dschungel, doch die CARE MitarbeiterInnen bahnten sich Wege durch das Gewirr von Bäumen und Pflanzen, um neue Straßen, Häuser und Wassersysteme zu bauen. Für viele der hier angesiedelten Menschen wird es das erste Mal sein, dass sie eine eigene Wohnung besitzen. Manche Fischer, deren Existenz zerstört wurde, erlernen hier die Grundlagen der Landwirtschaft.

Der Tsunami zerstörte auch die Gemeinschaft
„Der Tsunami hat nicht nur die Häuser zerstört. Er zerstörte auch die Traditionen, Hoffnungen und die Aktivitäten, die eine Gemeinschaft ausmachen“, sagte Liny Edyawati, CAREs Projektmanagerin des Psychosozialen Programms. „Traditionell formen die Frauen Gruppen und machten €šarisan‘ – eine Form von kommunalen Schulden. Sie vertrauen einander. Aber hier kennen sie sich untereinander nicht, also ist es schwer dieses Vertrauen aufzubauen. Doch sie müssen, da sie alle ein neues Leben beginnen möchten.“

CARE: Wiederaufbau und psychosoziale Hilfe
Während CAREs Bauteam weiter am Aufbau der Häuser arbeitet, versucht das psychosoziale Team, den Familien dabei zu helfen durch berufliche Fortbildung, Gemeinschaftsfeste, Sport und die die Gemeinschaftsaktivitäten wiederherzustellen.

Ein zweites Kind in der neuen Heimat
„Wir planen schon, was wir gerne machen würden. Wir wollen anfangen Kuchen zu backen und ihn am Markt verkaufen“, sagte Husna, als sie ihre Ideen mit den Fingern aufzählt und lächelt breit. „Wir hoffen, dass das Leben besser wird als letztes Jahr.“ Husna ist wieder schwanger und wird im Februar ihr Baby bekommen. Ihr zweites Kind wird in der neuen Heimat aufwachsen.

4. November 2005

„Angst war nicht Teil des Plans “

Man nennt sie „Mama Miti „,die Mutter der Bäume: Über 30 Millionen Bäume hat Wangari Maathai mit tausenden Mitstreiterinnen in ihrer Heimat Kenia gepflanzt, Bäume, die den Menschen im ganzen Land Lebensraum und Lebensgrundlage zurückgegeben haben. Dafür wurde Wangari Maathai im letzten Oktober mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – als erste Afrikanerin überhaupt. Erste war sie in ihrem Leben immer wieder: erste promovierte Frau in Ostafrika, erste Dekanin der Universität in Nairobi, Vorsitzende des National Council of Women in Kenia. 1977 gründet sie ihr Lebenswerk, das Green Belt Movement, von 1994 bis 2001 unterstützte CARE Österreich die Umwelt-und Frauenbewegung. Seit 2002 ist Wangari Maathai, die für ihr Engagement in den Neunzigern mehrmals hinter Gittern landete, Parlamentsabgeordnete der Grünen Partei, seit 2003 Vize-Umweltministerin.

insider: Warum bekommt eine Umweltaktivistin den Friedensnobelpreis?
Wangari Maathai: Die Frage ist berechtigt, denn das norwegische Nobel Komitee hat dem Umweltschutz bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dass es da ein Umdenken gab, finde ich enorm wichtig, denn schauen wir uns doch an, worum die Menschen auf dieser Welt kämpfen. Sie kämpfen um Wasser, um Weideland, um Bodenschätze, kurz: um natürliche Ressourcen. Insofern ist das faire und nachhaltige Management dieser knappen Ressourcen ein sehr, sehr wichtiger Beitrag zur Friedenssicherung -auf lokaler Ebene und weltweit. Das hat das Nobel-Komitee mit dem Preis bestätigt.

 

insider: Ihr Kampf für die Umwelt war bald auch ein Kampf für Demokratie, Menschen- und Frauenrechte. Wie hängt das zusammen?
Wangari Maathai: Jeder Mensch hat das Recht auf eine gesunde Umwelt, sauberes Trinkwasser, Luft und Nahrung. Doch um diese Rechte durchzusetzen, braucht es zweierlei: zum einen eine Regierung, die diese und auch alle anderen Menschenrechte anerkennt. Zum anderen Bürgerinnen und Bürger, die ihre Rechte kennen, einfordern und dabei auch Eigenverantwortung zeigen. Die Menschen müssen verstehen, dass ihre täglichen Probleme -Mangel an Brennholz, Nahrung und sauberem Trinkwasser -direkt mit der zerstörten Natur zusammenhängen. Und mit einer Regierung, die diesen Zustand nicht nur duldet, sondern sogar fördert.

insider: Sie hatten unter der Regierung von Daniel Arap Moi kein leichtes Leben. Wieso hat er Sie verfolgt?
Wangari Maathai: Wir haben die Menschen nicht nur über Umweltschutz, sondern auch über Bürgerrechte informiert. Dadurch haben sie verstanden, dass sie eine diktatorische, verantwortungslose Regierung haben, eine Regierung, die ihre Wälder privatisiert, ihre Umwelt zerstört, Steuergelder hinterzieht. Natürlich war diese Aufklärungsarbeit nicht im Sinne der Regierung. Außerdem haben wir immer wieder in bedrohten Wäldern gegen kommerzielle Abholzung protestiert, da kam es dann auch zu physischer Gewalt gegen uns.

insider: Hatten Sie keine Angst?
Wangari Maathai: Ich kann es am besten so erklären: Angst war nicht Teil des Plans. Wenn wir uns die Frage stellen, was passieren könnte wenn €¦, dann kann da natürlich auch Angst sein, etwa davor zu sterben, Privilegien oder den Job zu verlieren. Aber diese Ängste hindern uns am Fortkommen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Ziele richten, dann schreiten wir mutig voran. Es ist nicht so, dass ich besonders tapfer wäre oder mich vor den Auswirkungen meiner Handlungen drücke – ich lasse mich nur nicht davon einnehmen.

 

 

 

 

 

4. November 2005

Bäume pflanzen, Frauen stärken

Green Belt Movement
Das Green Belt Movement (dt.: Grüner Gürtel-Bewegung) ist eine klassische Bürgerinitiative. Etwa 600, Frauengruppen im ganzen Land betreuen 6000 Baumschulen. Dort werden Setzlinge gezogen und verkauft, die Frauen verfügen über ein regelmäßiges Einkommen. Über 30 Millionen Bäume sind seit der Gründung des GBM im Jahr 1977 schon gepflanzt worden, in privaten Gärten und in öffentlichen Parks, in Schulhöfen und auf Kirchenplätzen, vor kulturellen Sehenswürdigkeiten und in Nationalparks, in der Stadt und am Land.

Bäume sind nur der Anfang
Die Vision der GBM-Gründerin Wangari Maathai ist eine mündige und eigenverantwortliche Zivilgesellschaft. Das GBM bietet seinen Mitgliedern deshalb Schulungen an, die sie über Umweltschutz genauso aufklären wie über Bürgerrechte. Dabei wird den Frauen klar, wie sie durch den Schutz der Umwelt ihre eigene Lebensgrundlage verbessern können und auch, dass sie ein Recht auf diese Lebensgrundlage haben, ein Recht, das sie auch einfordern können.

Bäume in ganz Afrika.
Die Bewegung ist – trotz jahrelanger Unterdrückung durch den 2002 entmachteten Präsidenten Daniel Arap Moi -so erfolgreich, dass die UNO Wangari Maathai ermutigte, ein länderübergreifendes Netzwerk aufzubauen. So entstand 1986 das Pan African Green Belt Network, das sich über 15 afrikanische Länder erstreckt und nicht nur dem Erfahrungsaustausch dient, sondern auch der Weiterbildung.