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8. Juli 2015

Nepal nach dem Erdbeben: „Die Angst sitzt tief“

Die steirische Psychologin und Psychotherapeutin Barbara Preitler unterstützt CARE-MitarbeiterInnen und vom Erdbeben Betroffene in Workshops und mit Supervision dabei, mit dem Erlebten besser umzugehen. Wie es ihr dabei geht, berichtet sie aktuell aus Nepal:

„Das CARE-Büro in Kathmandu ist voller Menschen, die kommen und gehen. Allein heute haben 85 neue MitarbeiterInnen begonnen, die im ganzen Land zum Einsatz kommen. Alle sind furchtbar im Stress.

Dies zeigt sich dann auch bei unserem ersten Workshop. Langsam kommen die Leute, und immer wieder steht wer auf, um zu telefonieren. Einige gehen auch früher. Prajana, eine CARE-Mitarbeiterin, meint, das sei erst nach den Erdbeben so geworden und vielleicht eine Form der Vermeidung. Auch wenn sich der Alltag weitgehend normalisiert hat, ist das Arbeiten bis zur Erschöpfung und das Gefühl für nichts Zeit zu haben, vorherrschend.

Von der Furcht, nicht fliehen zu können

Für die MitarbeiterInnen wurde viel getan, um ihnen durch die erste Zeit zu helfen. Es gibt für schwer betroffene MitarbeiterInnen einen Hilfsfonds. Glücklicherweise haben alle das Beben überlebt, wenn auch viele ihre Häuser oder Wohnungen verloren haben. Einige sind auch von Todesfällen in ihren Familien oder unter FreundInnen betroffen.

Ursprünglich war das Treffen im Gruppenraum  im obersten Stockwerk geplant – aus Sicherheitsgründen wurde es aber in die „Garage“ verlegt: Ein Teil des Parkplatzes ist als provisorisches Sitzungszimmer eingerichtet. Die Angst vor Räumen, aus denen man nicht schnell weg kann, ist groß. Genährt wird das auch durch Nachbeben. Heute Früh gab es zwei, mit Stärken zwischen 4 und 5. In der Früh wurde im Büro darüber gesprochen: Einige sind sehr sensibilisiert und haben das Gefühl, dass die Erde die ganze Zeit bebt. Andere spüren die Nachbeben kaum noch.

Verunsicherung und Angst sitzen tief

Nachmittags erzählt Prajana von dem, was sie erlebt hat. Das erste Beben hat sich über eine sehr lange Zeit hin gezogen, schwere Erdstöße kamen dazu. Sie sah, wie Häuser schwankten und hatte große Angst – wenn auch in Kathmandu selbst nur sehr wenige Häuser eingestürzt sind. Das Problem der Mittelschicht in Nepal ist vielmehr, dass höhere Häuser, in denen viele Eigentumswohnungen sind, aus Sicherheitsgründen gesperrt und damit unbewohnbar sind.

 

Die Gerüchteküche brodelt

Das Gerücht, dass sich noch ein besonders großes Beben zusammenbrauen könnte, hält sich hartnäckig. Eine junge Mutter erzählt, dass sie sich etwas beruhigen konnte, seitdem sie die Notfalltasche für ihr Baby immer griffbereit hat. Katastrophenvorbereitung wurde gelernt: dass es  wichtig ist, Nahrung, Wasser und Kleidung so parat zu haben, dass man damit sofort aus dem Haus könnte. Auch an meiner ID-Karte hängt eine Trillerpfeife – falls man verschüttet wird, kann man so auf sich aufmerksam machen.

Es gibt aber auch andere Strategien. So erzählt ein Mitarbeiter: Nachdem in seinem Dorf alle Häuser zerstört worden sind, helfen nun alle zusammen und machen sich gegenseitig Mut. Andere berichten, dass sie den Kindern ermutigende Geschichten erzählt haben: Über das Erdbeben, das zurück in den Dschungel gegangen ist.

Es geht aber auch um eine generelle Lebenseinstellung: Es ist notwendig, sich das Leben von der Angst nicht beschneiden zu lassen. Wir sprechen über die Notwendigkeit mancher Menschen, wieder und wieder über das Geschehene zu reden. Es gibt andere, die sich davon abgrenzen müssen.

Morgen werden wir die erste Reise vorbereiten: In eine Gegend zwei Stunden östlich von Kathmandu, die  beim ersten Beben besonders schwer betroffen war.

Weitere Tagebucheinträge von Barbara Preitler:

Tagebuch Teil 2

Tagebuch Teil 3

Tagebuch Teil 4

Helfen Sie den Menschen in Nepal beim Wiederaufbau mit Ihrer Spende!

 

 

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