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22. März 2016

Report: Die neue Rolle von Frauen aus Syrien

Beitrag von Simon Hadler/orf.at

Selbstbewusstsein als Überlebensstrategie
Ein aktueller Report der Hilfsorganisation Care beschäftigt sich mit der Rolle der syrischen Frauen – und wie sie sich in Kriegszeiten wandelt. Eine der Autorinnen, Beatrix Bücher, hat selbst eineinhalb Jahre lang in Jordanien gelebt und die Situation aus nächster Nähe studiert. Im Gespräch mit ORF.at gibt sie ihre Eindrücke wieder.

CARE-Helferin und Studienautorin Beatrix Bücher im Interview. Foto: Simon Hadler/orf.at

Es ist nicht neu, dass Frauen in Kriegszeiten Rollen übernehmen, die sie sonst nicht innehätten. Das war auch in Österreich während des Zweiten Weltkriegs so. In Syrien ist der Unterschied zwischen dem „Davor“ und dem „Danach“ jedoch besonders groß, wobei hier in der Folge immer von Gebieten die Rede ist, die nicht von Islamisten eingenommen wurden.

Vor 2011 gab es höchstens eine Handvoll Familien im Land, in denen die Frauen für das Haupteinkommen sorgten und die wichtigsten Entscheidungen trafen. Mittlerweile sind es zwischen zwölf und 17 Prozent – ein gewaltiger Anstieg in so kurzer Zeit. Dabei hat sich der prozentuelle Anteil der Frauen mit Jobs nicht verändert – es wurde nur umgeschichtet. Vor dem Krieg waren rund 22 Prozent der Frauen beschäftigt, ein Großteil von ihnen in der Landwirtschaft bzw. als Selbstversorger – man könnte sie als Nebenerwerbsbäuerinnen bezeichnen, deren Männer einer anderen Arbeit nachgingen.

Frauen waren aber auch stark in sogenannten White-Collar-Berufen vertreten. Damit sind ausbildungsintensive Stellen im technischen und administrativen Bereich gemeint (white collar heißt weißer Kragen – also „Schlipsträgerjobs“). Dieses Segment war in Syrien vor dem Krieg nicht sonderlich groß – aber Frauen besetzten gleich 40 Prozent dieser Stellen. Sprich: Einer emanzipierten urbanen Elite stand der Rest des Landes gegenüber.

Samia (37) aus dem syrischen Aleppo ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Hier lernt sie in einem Berufstraining von CARE in Jordanien, wie man Computer repariert. Foto: CARE

Die neuen Jobs
Die Landwirtschaft liegt momentan darnieder. Treibstoff ist exorbitant teuer, Strom und Wasser sind nur sporadisch vorhanden. Es fehlen die Grundlagen für bäuerliche Arbeit im großen Stil. Umso mehr Frauen sind jedoch in der Verwaltung, als Lehrerinnen, in der Betreuung von Kriegsversehrten und im Bereich der Erstversorgung nach Kämpfen und Bombenabwürfen tätig. Die Arbeit außer Haus verschafft ihnen neues Selbstbewusstsein, sagt Bücher.

Syrien hatte vor dem Krieg rund 21 Millionen Einwohner. Rund 250.000 sind bisher dem Konflikt zum Opfer gefallen, ein Großteil davon Männer. Während man normalerweise von zehn Prozent Menschen mit Behinderung ausgeht, sind es in Syrien aufgrund der Gefechte und des Bombardements laut WHO bis zu 25 Prozent, auch hier sind besonders Männer betroffen. Und unter den zahlreichen Inhaftierten bzw. „Verschwundenen“ sind ebenfalls Männer in der Überzahl, von Soldaten in der Armee und Rebellen ganz zu schweigen.

Zudem sind in den Nachbarländern Syriens, also der Türkei, Jordanien und dem Libanon, viele Familien von den Vätern getrennt. Die Männer sind als Kämpfer in Syrien geblieben oder beschützen dort ihre Eltern, andere wiederum sind nach Europa geflohen, um später auf legalem Weg ihre Familie nachholen zu können. Die Männer leiden darunter, für ihre Familien nicht greifbar zu sein – bzw. auch ganz explizit darunter, sagt Bücher, dass sie nun nicht mehr den Ton angeben.

CARE bildet syrische Frauen in Amman in Jordanien in Kursen zu Schneiderinnen aus. Foto: CARE

Frauen „mit starkem Herzen“

Bücher berichtet von Gruppendiskussionen, die sie getrennt mit Männern und Frauen geführt hat. Die Männer waren dabei der Meinung, die neue Vormachtstellung der Frauen sei temporär. Die Frauen selbst jedoch sahen das anders. Ein Beispiel dafür ist die 46-jährige Nadia. Ihr Mann hatte ihr verboten zu studieren. Jetzt könne sie jedoch als Lehrerin arbeiten, wird sie in dem Report über syrische Frauen zitiert: „Ich liebe es zu unterrichten – und das ist genau der Job, den ich mache, um meiner Familie das Nötigste bieten zu können, seit mein Mann nicht mehr arbeiten geht.“ Schwer vorstellbar, dass Nadia nach dem Krieg wieder zu Hause bleibt.

Auch die 26-jährige Newroz ist Lehrerin. Sie studierte in Aleppo französische Literatur und unterrichtet seit ihrer Flucht in die Türkei Volksschulkinder, um ihre Familie zu unterstützen. Sie sagt: „Ich hatte schon immer eine starke Persönlichkeit. Früher wollte ich Polizistin werden. (…) Während der Luftangriffe bin ich immer auf das Flachdach gegangen. Wenn ich schon sterben muss, dann wenigstens nicht in einem Keller versteckt. In Aleppo bin ich aufrecht und langsam durch die von Heckenschützen beschossenen Gassen gegangen, wo andere nur rasch durchhuschten. Sie haben zu mir gesagt: ‚Du bist ein Mann.‘ Ich aber antwortete: ‚Nein, ich bin eine Frau mit starkem Herzen.‘“

Syrerinnen verkaufen auf einem Markt in Jordanien in Handarbeit hergestellte Textilien und Schmuck. Foto: CARE

Doppel- und Dreifachbelastung
Der Job ihrer Gatten, sagt eine andere Frau sinngemäß, sei es, zu Hause herumzuhängen, zu rauchen und nachzudenken. Im Haushalt helfen nur die wenigsten Männer. Für die Frauen kommt zur neuen Jobsituation die gesamte Hausarbeit samt Kindererziehung hinzu. Während sich die Männer im Haushalt sehr wohl einbringen könnten, ist es für sie tatsächlich gefährlicher als für Frauen, auf die Straße zu gehen. Viele werden als Wehrdienstverweigerer oder Deserteure oder, wahlweise, als Verräter gesucht. Bei Checkpoints sind sie größeren Gefahren ausgesetzt als Frauen.

Wobei auch für Frauen jeder Gang aus dem Haus Gefahren bedeutet. Die Fassbomben des Assad-Regimes machen auch vor Frauen und Kindern nicht halt. An Militär- und Rebellencheckpoints droht ihnen sexuelle Gewalt. Frauen sind zudem oft in Notsituationen als Schmugglerinnen tätig und müssen dabei unter Lebensgefahr Frontlinien überqueren. Auch in den eigenen vier Wänden sind Frauen weniger denn je vor Gewalt gefeit.

Es gibt immer wieder Männer, berichtet Bücher, die mit der neuen Rolle der Frauen nicht umgehen können. Aber in einem Land mit Krieg steht häusliche Gewalt als Thema nicht im Fokus, Zahlenmaterial gibt es dazu keines. Die Autorinnen des Reports können nur nach zahlreichen Gesprächen sagen: Das Problem existiert.

Frauen vor den Toren der „Festung Europa“
Es gibt aber auch Männer, die stolz sind auf ihre Frauen. Einer wird mit folgenden Worten zitiert: „Ich war vier Monate lang im Gefängnis. Während dieser Zeit hat meine Frau gezeigt, wie stark sie ist: Sie suchte einen Anwalt und ging vor Gericht. Sie hat wahrlich ihre Stärke demonstriert. Ich werde niemals vergessen, was sie für mich getan hat. Sie hat wirklich wie ein Mann gehandelt.“

Frauen und Kinder sind übrigens laut UNHCR seit Kurzem mit 60 Prozent klar in der Überzahl bei neu ankommenden Flüchtlingen in Europa. Eines der Hauptargumente vieler „Asylgegner“ war, dass nur „feige Männer“ kommen (ein oft gelesener Vorwurf auf Facebook). Nun treffen die starken Frauen ein – aber Europa macht seine Grenzen de facto dicht. Ob die „Asylgegner“ nun zu glühenden „Asylbefürwortern“ werden, damit Frauen in die „Festung Europa“ hereingelassen werden?

Simon Hadler, ORF.at

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