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14. Februar 2018

Bangladesch: Das Leid der Frauen in den Flüchtlingscamps

CARE-Helferin Jennifer Bose berichtet aus Cox’s Bazar

Auf den ersten Blick sieht alles besser aus. Die Wege sind nicht mehr voller Schlamm. Dort, wo einst Fäkalien lagen, stehen nun Toiletten und Hunderte von Kinder spielen und lachen um mich herum. Wenn ich nicht wüsste, dass die 900.000 Flüchtlinge hier in Bangladesch dem absoluten Horror in Myanmar entkommen sind, würde ich denken, dass das Schlimmste überstanden ist.

Vor vier Monaten bin ich schon einmal nach Cox’s Bazar gereist, um über die Flüchtlingskrise zu berichten, die seit letzten August hunderttausende Menschen von Myanmar nach Bangladesch vertrieben hat. Damals traf ich Menschen, die mir berichteten, wie ihre Häuser verbrannt wurden und wie sie sich tagelang im Dschungel versteckt hatten, um zu überleben.

Einige Monate später hat sich die Lage etwas verbessert, durch Hilfsorganisationen wie CARE erhalten die Menschen Lebensmittel, sauberes Trinkwasser und Materialien für Notunterkünfte.

Doch plötzlich, in den engen Gassen zwischen dem dicht besiedelten Flüchtlingscamp bemerke ich, dass ich kaum Frauen begegne. Als ich im Camp die junge Hasina* treffe, weiß ich auch warum: sie ist eine der unzähligen Frauen, die 23 Stunden am Tag in einem kleinen, dunklen Zelt eingesperrt ist. Die 17jährige ist im neunten Monat schwanger und mit ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern nach Bangladesch geflohen, als ihr Dorf niedergebrannt wurde. Seitdem sie vor fünf Monaten in Bangladesch angekommen ist, war sie in noch keiner der Gesundheitskliniken, die CARE und andere Organisationen für junge Frauen errichtet haben. „Mein Mann möchte nicht, dass ich draußen bin, wo andere Männer mich sehen können. Frauen sollten drinnen bleiben“, sagt Hasina zu mir. „Ich darf ungefähr eine Stunde am Abend raus, um bis zum Ende unserer Gasse zu gehen und Wasser zu holen“, fügt sie hinzu. Die Tradition, die Hasina mir beschreibt, wird umgangssprachlich „Parda“ (übersetzt „Vorhang“) genannt.

Das Potibonia Camp, wo auch CARE Hilfe leistet. Hier leben 22,000 Flüchtlinge, darunter sind mehr als die Hälfte Kinder (Foto: CARE)

Die Isolierung der Frauen in den Camps hat gravierende Folgen. Viele von ihnen essen und trinken tagsüber kaum und warten bis spät in den Abend, um ihre Notdurft zu verrichten. Das ist besonders gesundheitsschädigend für schwangere Frauen wie Hasina. Manche von ihnen nutzen die Toiletten, die CARE und andere Hilfsorganisationen in den Flüchtlingscamps aufgebaut haben, erst gar nicht, was zum erhöhten Risiko von Krankheitsausbrüchen wie Cholera führen kann. Auch wissen viele von ihnen nicht, wo Hilfsleistungen und Güterverteilungen stattfinden oder suchen sie nicht auf; gleichzeitig finden sie in ihrer Abschottung keine Möglichkeit, ihre Bedürfnisse mitzuteilen.

Die Frauen, die ich in den Camps außerhalb ihrer Zelte getroffen hatte, waren im Gegensatz zu meinem letzten Besuch komplett verschleiert, es herrscht eine strikte Geschlechtertrennung aus religiösen und kulturellen Gründen. Aber auch aus Angst vor sexuellen Übergriffen und Frauenhandel, steigt die Nachfrage nach Burkas und Kopftüchern. Die zunehmende Verschleierung verändert nicht nur das Bild innerhalb der überfüllten Camps, sondern schränkt Frauen und Mädchen auch verstärkt in ihrer schon begrenzten Freiheit ein. Das beunruhigt mich am meisten.

Potibonia Camp in Bangladesch: Fatema mit ihrem jüngsten Sohn (Foto: CARE)

Um den Frauen entgegenzukommen und unsere Hilfsmaßnahmen anzupassen, bieten wir Aufklärungsgespräche zu Hygienemaßnahmen und Gewaltpräventionen mittlerweile in geschlossenen Räumen an. CARE hat auch spezielle Zentren in den Camps aufgebaut, in denen Frauen sich austauschen können und in einem sicheren Raum über ihre Traumata und ihre Sorgen sprechen können.

Eines ist klar: Solange die Weltgemeinschaft nicht bald eine langfristige Lösung findet, bleiben wir Zeugen des stillen Leidens Tausender von Frauen und Mädchen.

*Name verändert

 

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