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31. Dezember 2014

2014 – Mein Jahr mit syrischen Flüchtlingen

Januar: Schneestürme, 2,2 Millionen syrische Flüchtlinge, gescheiterte Friedensgespräche und kein Platz für müde SpenderInnen

Kurz vor Neujahr 2014 ist der Winter im Nahen Osten eingebrochen. Stürme bringen sintflutartige Regen- und Schneefälle. Für die syrischen Flüchtlinge ist das katastrophal. Viele haben nichts als Sommerkleidung und schlafen in Zelten oder heruntergekommenen Apartments ohne Schutz vor der Kälte. Zur selben Zeit scheitert die zweite Runde von Friedensgesprächen in Genf und  Unterstützung von internationalen Spendern während der Kuwait II – Konferenz zu sammeln, bleibt eine Herausforderung.

Februar: UN Resolution zur grenzüberschreitenden Hilfsmaßnahmen und Bilder von Verzweiflung aus Yarmouk Camp.

Ein Bild von tausenden Menschen, die auf Lebensmittelverteilungen im Yarmouk Camp in Syrien warten, schockiert die Welt und fängt die Verzweiflung von Millionen Menschen ein. Ich erinnere mich daran, was mir Ali Sandeed, syrischer Flüchtling und Freiwilliger bei CAREs Partnerorganisation DPNA im Libanon, über seine Freunde und Familie, die immer noch in Yarmouk Camps leben, erzählt: „Das letzte Mal, dass ich mit ihnen sprach, waren sie eingekesselt und wurden ständig bombardiert. Sie können das Camp nicht verlassen, können kein Essen, kein Wasser oder Medizin kaufen.“

Eine andere Nachricht stimmt mich wiederum hoffnungsvoll: Die 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sind sich beschließen einstimmig eine Resolution, die einen schnellen, sicheren und ungehinderten humanitären Zugang nach Syrien fordert.

März: Dritter Jahrestag der Syrien-Krise und ein 242 Kilometer langer Lauf durch die Wüste

Zusammen mit KollegInnen aus Jordanien, dem Libanon, Kenia und syrischen Freiwilligen, die selbst Flüchtlinge sind, nehme ich am 17. „Dead to Red“ Marathon teil. Wir laufen 242 Kilometer vom Toten Meer zum Roten Meer, ohne zu schlafen, durch Dunkelheit, Sandstürme und die Wüste. Angetrieben waren wir von einem Ziel: Aufmerksamkeit auf die schlimmste humanitäre Krise der Welt lenken. Weil wir uns kaum professionelle Marathon-LäuferInnen nennen können, glaubte keiner von uns daran, dass wir es in 24 Stunden schaffen würden. Aber es wurden schließlich 22 Stunden und 23 Minuten und wir sammelten über 20.000 Euro für die Arbeit von CARE für syrische Flüchtlinge.

April: Eine Million Flüchtlinge im Libanon

Der April startete mit einem düsteren Meilenstein: Die Zahl der Flüchtlinge, die von Syrien in den benachbarten Libanon flohen, überschritt die Marke von einer Million. Das entspricht der Gesamtbevölkerung meiner Heimatstadt Köln. Ich habe mit vielen Flüchtlingen im Libanon gesprochen, jeder hat seine eigene Geschichte von Leid und Verzweiflung. Aber wenn ich die Nachrichten höre, denke ich an Basilah, die in einem Zelt in der Mount Libanon-Region lebt. Letzten Winter erzählte sie mir, dass sie nachts aufwacht, um nach ihren Enkelinnen zu schauen und wie sie Angst bekommt, wenn sie sich nicht bewegen. Sie fürchtet den Gedanken, dass sie erfroren sein könnten.

Mai: Ein neues Camp für syrische Flüchtlinge in Jordanien

Im Mai kommen hunderte Flüchtlinge im Flüchtlingscamp Azraq an. Das neue Camp hat Platz für bis zu 130.000 Flüchtlinge und soll den Druck vom Za’atari Camp nehmen. In Azraq treffe ich die junge Nada, einen Tag, nachdem sie mit ihren vier Kindern ankam. Das erste Mal seit drei Jahren konnte sie die Nacht durchschlafen und fühlt sich endlich wieder sicher. Nada verlor ihr Baby und ihren Ehemann, als ihr Haus von einer Bombe getroffen wurde. Sie erzählt mir, dass sie manchmal nicht atmen kann und Angst davor hat zu ersticken,  weil sie die beiden so sehr vermisst. Ihre Kinder gehen jetzt zu einer CARE-Spielgruppe. Ein paar Wochen später erzählen mir meine KollegInnen, dass Nada als Freiwillige bei CARE angefangen hat und ihren Kindern endlich ein wenig neue Kleidung kaufen konnte. Syrische Flüchtlinge hier im Azraq-Camp beginnen langsam, eine Gemeinschaft aufzubauen und viele engagieren sich freiwillig, um den Alltag lebenswerter zu machen.

Juni: Nachrichten der Hoffnung und eine virtuelle Pressekonferenz mit Flüchtlingen aus Syrien und Somalia

Am 20. Juni ist der Weltflüchtlingstag. Während fast drei Millionen SyrerInnen auf der Flucht sind, leben tausende Kilometer entfernt von Syrien fast 400.000 überwiegend somalische Flüchtlinge in einem Camp namens Dadaab in Kenia. Ihre Kultur, ihr Aussehen und ihre Sprache sind vielleicht anders, aber sie alle teilen eine traurige Realität: Sie haben ihr Zuhause verloren. CARE veranstaltete eine virtuelle Pressekonferenz mit Flüchtlingen aus Syrien in Jordanien und im Libanon sowie Flüchtlingen aus Somalia in Dadaab. Sie diskutierten, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein und in einem Flüchtlingscamp aufzuwachsen. Wir produzierten außerdem ein kurzes Video zum Weltflüchtlingstag, „Message of Hope“. Somalische und syrische Flüchtlinge tauschen warme Worte aus. Sie ermutigen sich, geben Ratschläge, Hoffnung und das Gefühl von Zusammenhalt. Ein Schullehrer in Dadaab, der seit 23 Jahren dort lebt, fasst es perfekt zusammen: „Ich wünsche mir, dass es eines Tages keinen Weltflüchtlingstag mehr geben muss.“

Juli: Die Weltmeisterschaft im Azraq-Camp

Die Fußball-WM 2014 war für mich ein bisschen anders als sonst. Ich feuerte die deutsche Nationalmannschaft zusammen mit syrischen Flüchtlingen im Azraq-Camp an. CARE zeigte hier die meisten der Spiele in unsrem Gemeindezentrum. Und was für ein Jubel es war!

August: Die Zahl der registrierten Flüchtlinge erreicht erschütternde drei Millionen und die Ereignisse im Irak strapazieren das humanitäre System weiter

Im August erreicht die Rekordzahl syrischer Flüchtlinge ein neues Hoch: Drei Millionen. Zur selben Zeit gibt es bei dieser erschütternden Zahl nicht annähernd genügend Finanzierung und Unterstützung. Der Aufruf der Vereinten Nationen für die Syrien-Krise, mit benötigten 3,4 Milliarden Euro, ist bisher nur zu 27 Prozent finanziert. Für mich sind das nicht nur Zahlen, es sind Menschen: Frauen wie die 24-jährige Sahab, die ein einem Zelt außerhalb von Jordaniens Hauptstadt Amman lebt und ihr zweites Kind erwartet. Sie wünscht sich nichts mehr, als ihr Kind an einem Ort aufzuziehen, den sie ihre Heimat nennen kann. Ich denke an Jungen wie Hani, die arbeiten müssen, anstatt zur Schule zu gehen und an Väter wie Zyad, die 20 Jahre lang arbeiteten, um ein Haus zu besitzen und die Kinder zur Schule schicken zu können. An einem einzigen Tag hat er alles verloren.

Ende August nehme ich an einer CARE-Erkundungsmission in der kurdischen Provinz im Nordirak teil, wo über 700.000 Menschen vertrieben wurden. Ich spreche mit Menschen, die in Schulen, Kirchen, unfertigen Gebäuden, in Parks und in städtischen Gebäuden wohnen. Viele von ihnen mussten sich tagelang in den Bergen verstecken; Kinder sind verdurstet und Töchter und Ehefrauen wurden vergewaltigt und gekidnappt. Die örtlichen Gemeinden, Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen leisten Hilfe, aber der unerwartete Flüchtlingsstrom ist eine große humanitäre Herausforderung.

September: Schulanfang im Azraq-Camp und der Beginn der Kobane-Krise

Zehntausende Flüchtlinge überqueren die Grenze von Syrien in die Türkei und flüchten aus der Stadt Kobane. Meine KollegInnen im türkischen CARE-Team verteilen Matratzen, Decken, Heizkörper und andere Dinge, die benötigt werden. Zur selben Zeit fängt das erste Schuljahr im Azraq-Camp in Jordanien an. Einige Kinder kehren das erste Mal seit Jahren zurück in die Schule. Ahmad, 10, erzählt mir: „Ich bin wegen des Krieges seit drei Jahren nicht in der Schule gewesen. Es gab immer Bomben und die Schule, in die ich gehen sollte, wurde zerstört. Ich möchte lernen zu schreiben und neue Freunde finden. Wenn ich älter bin, will ich Arzt werden und die Verwundeten heilen.“

Oktober: Eine starke  junge Frau und zu frühe Bräute

Während des ersten Quartals 2014 ist die Quote der Kinderheiraten unter syrischen Flüchtlingen in Jordanien auf 32 Prozent gestiegen. Im Oktober lerne ich die beeindruckendste junge Frau kennen, die mir je in meinen Leben begegnet ist. Muzoon, 16, lebt im Azraq Camp und ist Verfechterin von Bildung gegen Kinderheirat. Sie erzählt mir von dem Moment, als sie realisierte, dass es nicht Wichtigeres gibt als Bildung: „Als wir Syrien verlassen mussten, konnte ich nur einen kleinen Rucksack mitnehmen. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich einpacken sollte. Mein Vater kam in mein Zimmer, als ich all meine Dinge vor mir auf dem Boden ausbreitete und verzweifelt versuchte, mich zu entscheiden. Er legte seinen Arm um mich und sagte mir, es spiele keine Rolle, was ich mitnehmen würde. ‚Alles was du brauchst, ist hier drin‘, sagte er und zeigte auf meine Stirn. ‚Egal was im Leben passiert, das einzige, was dir niemand nehmen kann ist, was du in deinem Kopf hast. ‘“

November: Ein Traum für Syrien

Zum Weltkindertag, dem 20. November, organisierten wir im Azraq Flüchtlingscamp den Wettbewerb „Mein Traum für Syrien“. Mehr als 90 syrische Kinder reichten ihre eigenen Geschichten und Bilder ein und stellten ihre Träume für ihr Heimatland und ihre individuelle Fluchtgeschichten dar. Die Geschichten und Bilder sind für mich starke Erinnerungen daran, dass wir niemals die Hoffnung verlieren dürfen und, dass unsere Unterstützung für syrische Flüchtlinge niemals enden darf. Seadra, 12, malte einen Wasserfall. Sie benutzte helle Farben für ihr Bild und zeigte, wie schön Syrien ist. Ich wünsche mir, dass der Tag kommt, an dem die Krise in Syrien endet und ich dieses schöne Land, das diese Kinder so sehr lieben, mit eigenen Augen sehen kann.

Dezember: Eine traurige Bilanz

Der letzte Monat dieses Jahres begann mit schockierenden Nachrichten. Das Welternährungsprogramm war dazu gezwungen, die wichtigen Lebensmittelausgaben für über 1,6 Millionen syrische Flüchtlinge zu unterbrechen, da es einfach nicht genügend Geld gab. Schon zuvor hatten mir viele Flüchtlingsmütter erzählt, dass sie sich nicht mehr als eine Mahlzeit für ihre Kinder leisten konnten. CAREs Notfallhilfe in der Region wurde bislang ebenfalls nur zu 34 Prozent für die nächsten zwei Jahre finanziert.

Letzten Dezember schrieb ich eine Wunschliste für syrische Flüchtlinge und dokumentierte deren eigenen Wünsche fürs neue Jahr. Die meisten dieser Wünsche sind leider nicht in Erfüllung gegangen. Im Gegenteil, wir müssen eine traurige Bilanz ziehen: Die Situation für syrische Flüchtlinge hat sich verschlechtert und ihre Not ist jetzt größer als zuvor. Wenn ich kurz vor Weihnachten Jordanien verlasse, hoffe ich, dass meine KollegInnen in der Region und weltweit nicht aufgeben werden, trotz all der Herausforderungen. Ich hoffe, dass sie weiterhin so laut wie möglich trommeln. Wir sind es den Millionen SyrerInnen schuldig, die in verzweifelter Not sind und Unterstützung brauchen, um es zum nächsten Tag zu schaffen. Und so unrealistisch wie es klingen mag, meine Wunschliste dieses Jahr bleibt dieselbe: Endlich Frieden für Syrien…

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