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7. November 2017

Blog: „Wie soll ich die nackten Kinder im Schlamm vergessen?“

CARE-Helferin Jennifer Bose im Flüchtlingslager in Bangladesch. Foto: CARE

Von CARE-Helferin Jennifer Bose

Die Geschichten brodeln noch immer tief in mir. Ich bin schon seit zwei Wochen zurück aus Bangladesch, aber ich fühle mich so, als wäre ich noch dort. Mittlerweile habe ich ziemlich vielen Menschen von meinen Eindrücken erzählt. Davon, wie mir Frauen berichtet haben, wie sie vergewaltigt wurden. Wie ich Kinder getroffen habe, deren Eltern vor ihren Augen erschossen wurden. Wie Flüchtlinge mir von ihren brennenden Häusern erzählt haben.

Meistens habe ich nicht einmal Zeit, um all diese Geschichten zu erzählen – für die meisten Radio- und TV-Interviews bekomme ich zwei bis drei Minuten an Sendezeit. Und noch immer frage ich mich, wie ich ein Leid von Jahrzehnten in zwei bis drei Minuten packen kann.

Wie genau soll ich die Misere zusammenfassen, die sich vor Ort in Bangladesch abspielt? Wie soll ich diese Bilder von nackten Kindern im Schlamm zeigen, die sich fest in mir verankert haben? Wie den Geruch von Müll und Fäkalien wiedergeben? Wie meine Angst vor Ausbrüchen von Krankheiten beschreiben?

Bitte unterstützen Sie die Katastrophenhilfe von CARE! Jeder Euro zählt!

Ich würde am liebsten gar nicht mehr darüber berichten. Jedes Mal, wenn ich über Bangladesch erzähle, schnüren mir die Gedanken mein Herz zusammen. Darüber hinaus ist es fast unmöglich, zusammenzufassen, wie es den Menschen vor Ort geht. Denn dazu müsste ich schreien. Vor Wut, da es nicht so weit hätte kommen sollen.

Anders als beispielsweise in Syrien sind die Flüchtlinge in Bangladesch nicht geflohen, weil in Myanmar Krieg ausgebrochen ist. Sie sind geflohen weil sie in Myanmar nicht existieren dürfen. Seit Jahrzehnten gehören die Flüchtlinge zu der meistverfolgten Minderheit der Welt. Sie haben in Myanmar in Camps gelebt, ohne Identität, abgeschottet von der übrigen Gesellschaft und unter miserablen Zuständen. Was hat sich also in den letzten zwei Monaten verändert? Nicht viel. Nun leben sie in Bangladesch in Camps, ohne Identität, abgeschottet von der restlichen Gesellschaft und unter miserablen Zuständen.

Ich möchte Krisen nicht vergleichen. Aber ich möchte die Reaktionen von Ländern vergleichen. Insgesamt sind fast eine Millionen Flüchtlinge aus Myanmar inzwischen in Bangladesch. Die meisten von ihnen sind innerhalb nur eines Monats  geflohen.

Ich erinnere mich an den großen Flüchtlingszustrom nach Deutschland und Österreich. Vor zwei Jahren sind eine Millionen Flüchtlinge über einen Zeitraum von einem Jahr angekommen. Und die Reaktion: Viele Menschen entscheiden sich für rechtspopulistische Parteien, die sagen, dass sie unsere Mauern wieder aufbauen.

Bangladesch hielt seine Grenzen dagegen weitestgehend offen. Und das, obwohl es zu den ärmsten Ländern der Welt gehört.

All die Hilfe, die CARE und weitere Hilfsorganisationen vor Ort leisten, fühlt sich an wie ein viel zu kleines Pflaster auf einer viel zu großen Wunde. Wir verteilen Essen, aber noch immer stehen Menschen Schlange, wenn nichts mehr da ist. Wir versorgen mangelernährte Kinder, aber noch immer hungern viele. Wir versuchen, Frauen psychologisch zu betreuen, aber was passiert mit denen, die sich nicht trauen,  etwas zu sagen?

Wir brauchen mehr Unterstützung, um mehr Flüchtlinge zu erreichen!

Aber gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, Druck aufzubauen, damit eine langfristige Lösung gefunden werden kann. Eine Lösung, bei der die Flüchtlinge in Freiheit leben können, mit einer Identität, als solider Teil einer Gesellschaft und unter humanen Bedingungen.

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