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Mein erster Tag in der Ukraine

Von CARE-Nothelferin Sarah Easter

Um 3:32 Uhr heult plötzlich eine laute Sirene in meinem Hotelzimmer in Krakau, Polen. Im Dunkeln versuche ich herauszufinden, woher der Alarm kommt. Mein Handy, das auf dem Nachttisch neben dem Bett liegt, ist die Ursache. Der Startbildschirm zeigt eine Warnung auf Ukrainisch. Es ist die App für Luftalarme, die ich gestern für meine Reise nach Lwiw installiert habe. Das ist mein erster Luftalarm. Im weitentfernten Krakau – mit dem Luxus in Sicherheit zu sein – stelle ich mir vor, wie die Ukrainer:innen mit diesem Alltag leben müssen. Eine halbe Stunde später gibt eine Stimme auf Ukrainisch Entwarnung. Ich kann für den Rest der Nacht nicht mehr schlafen.

Um 5:00 Uhr läutet der Wecker. Ich bin schon angezogen und packe meinen kleinen Reisekoffer. Unser vierköpfiges CARE-Team trifft sich bei den Autos, die wir mit dem CARE-Logo bekleben. Nach einem kurzen Briefing fahren wir im Schneesturm in Richtung Ukraine los. Eine Stunde später wird unser Ziel schon ausgeschildert: 198 km bis Lwiw. Auf einer mit Schlaglöchern übersäten Landstraße nähern wir uns dem Grenzübergang in Medyka. Uns kommen mehrere große, vollgepackte Reisebusse entgegen. Unter den Passagieren sind fast nur Frauen und Kinder.

Der Grenzübergang in Medyka ist für viele Ukrainer:innen der erste Zufluchtsort.

Gegen 10:30 Uhr erreichen wir den ukrainischen Grenzübergang. Links stehen weiße Zelte zwischen denen sich vereinzelt Frauen mit Koffern und Reiserucksäcken bewegen. Vor ein paar Wochen war das Aufnahmezentrum am Grenzübergang noch voll von Menschen, die gerade die Ukraine verlassen haben. Heute sind es nur noch eine Handvoll.
 
Als wir die ersten Kilometer auf der ukrainischen Seite zurücklegen, fallen uns sofort die Kirchen mit Zwiebelhauben auf. Wir passieren ein Fußballfeld mit Sitzen in Blau und Gelb – den Farben der ukrainischen Flagge. Hühner laufen frei am Straßenrand entlang. Im Slalom fahren wir um die Schlaglöcher. Nach zwei weiteren Autostunden erreichen wir Lwiw. Hier herrscht normaler Alltag. Menschen warten an Bushaltestellen, sitzen in Parks mit den Köpfen über ihren Handys gebeugt und stehen beim Bäcker an. Die Stadt ist belebt. Auf den Straßen sind sehr viele Menschen unterwegs. Cafés, Supermärkte, Imbissbuden und Geschäfte haben geöffnet und sind gut besucht. Ab und zu sehe ich etwas, das daran erinnert, dass sich das Land im Krieg befindet: Die untere Fensterreihe eines Gebäudes ist mit Sandsäcken geschützt. Die Fenster einer Kirche sind mit Stahlplatten gesichert. 

Wir fahren direkt zum Bürogebäude unseres CARE-Partners International Renaissance Foundation (IRF). Dort treffen wir Oleksandr Sushko, den Direktor der Organisation, und sprechen mit weiteren Mitarbeitenden. Inna, die stellvertretende Direktorin von IRF, erzählt uns mehr über ihre Arbeit: „Die Ukraine hat eine sehr starke Zivilgesellschaft. Wir kämpfen hier um unser Überleben. Wir kämpfen darum, die Menschen zu schützen und zu ernähren. Wir arbeiten sehr eng mit der ukrainischen Bevölkerung zusammen. Ich bin sehr stolz auf die Ukrainerinnen und Ukrainer, die zusammengekommen sind, sich organisiert haben, um den Menschen zu helfen.“

Zusammen mit Inna starten wir unsere Programmpunkte für den Tag. Um 14:30 Uhr fahren wir zu einer lokalen Registrierungsstelle für Vertriebene, die aus anderen Regionen der Ukraine nach Lwiw geflohen sind. Eine lange Schlange hat sich vor dem Gebäude gebildet. Direkt gegenüber verteilen Freiwillige Windeln, Babynahrung und Hygieneprodukte wie Shampoo.

CARE-Helferin Sarah im Gespräch mit Violetta in Lwiw.

Im Stau geht es weiter zu einer temporären Unterkunft für Frauen und Kinder. Es wird deutlich, dass Lwiw voller ist als gewöhnlich. Die Unterkunft ist in der Nähe eines Bahnhofs, damit die ankommenden Frauen ohne Umwege an einem sicheren Ort unterkommen können, bevor sie die Ukraine in andere Länder verlassen. Als ich an der offenen Tür eines der Zimmer vorbeigehe, höre ich ein fröhliches „Hello!“. Ich sehe wie Varvara, 8, von einer Matratze zur anderen hüpft. Ihre Mutter Violetta kommt herein. Ihre Haare sind noch nass von einer Dusche. Sie erzählt mir, dass sie letzte Woche mit ihrer Tochter und Mutter aus der Region Donezk nach Lwiw geflohen ist. 35 Stunden sind sie in dicht gepackten Zügen unterwegs gewesen. Freiwillige haben Wasser verteilt und es gab nur eine Toilette für hunderte Menschen. Sie mussten den ersten Zug aufgrund einer Explosion fluchtartig verlassen. „Aber das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir überlebt haben“, so Violetta. Auf die Frage, wie es ihr hier in der Unterkunft geht, antwortet sie: „Wie man sehen kann, habe ich gerade geduscht. Allein diese Möglichkeit zu haben, ist schon großartig.“

Violetta mit ihrer Tochter Varvara: „Wichtig ist, dass wir überlebt haben."

Unser nächster Halt ist in einem alten Fabrikgelände. Die Koordinatorin einer Unterkunft für unabhängige Journalist:innen steigt bei uns ein und navigiert uns  zum richtigen Gebäude. In dieser Unterkunft können Journalist:innen, die fliehen mussten, für eine Weile unterkommen. Sie bekommen einen Schlafplatz und werden mit Dingen des alltäglichen Lebens versorgt. „Ich fühle mich sicher hier. In Kiew habe ich die Nächte in Luftschutzkellern verbracht. Hier in der Unterkunft kann ich meine Arbeit ohne Angst fortführen“, erzählt ein TV-Journalist aus Kiew. Die Journalist:innen können auch an Sicherheitstrainings teilnehmen, wenn sie für ihre Arbeit wieder in Gebiete gehen müssen, wo Kampfhandlungen stattfinden. Die Ausstattung dafür kriegen sie ebenfalls hier. Die schusssichere Weste wiegt so viel, dass ich sie kaum vom Tisch heben kann.

Wieder im Stau fahren wir zurück zum Hotel. Wir müssen uns beeilen, damit wir noch etwas zu essen bekommen. Um 19 Uhr schließen alle Geschäfte und Restaurants, damit die Menschen zur Ausgangssperre um 22 Uhr pünktlich zu Hause sein können. Um Punkt 19 Uhr wird die leise Hintergrundmusik in unserem Restaurant ausgestellt und wir gehen zurück ins Hotel. Den Abend verbringe ich noch damit, die Gespräche und Informationen des Tages Revue passieren zu lassen und zu verarbeiten. Um 23:15 Uhr gehe ich noch unter die Dusche und muss daran denken, wie sehr sich Violetta über die Dusche in ihrer Unterkunft gefreut hat. Mein Handy lege ich vor die Badezimmertür, für den Fall der Fälle. In dem Moment, wo ich das Shampoo aus den Haaren gewaschen habe, geht die Sirene los. Luftalarm! Ich springe aus der Dusche und ziehe mir rasch etwas an, schnappe meine Jacke und den Zimmerschlüssel. Aus dem 6. Stock nehme ich die Treppe runter in die Tiefgarage und treffe das Team bei unseren Autos. Zusammen warten wir auf die Entwarnung, ich mit meinem nassen Haaren. Ich bin sehr froh, dass ich in Krakau schon einmal erlebt habe, wie der Alarm funktioniert, sonst stünde ich hier in einer anderen Gemütsfassung. Um 0:12 Uhr kommt die Entwarnung und wir gehen für heute schlafen.

CARE unterstützt gemeinsam mit Partnerorganisationen geflüchtete Frauen und Kinder in der Ukraine und in den Nachbarländern. Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende!