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Ein Jahr nach der Flucht: „Ich würde lieber sterben als nach Myanmar zurückzukehren“

Im Flüchtlingscamp in Bangladesch fordern die Menschen ihre Recht auf ein besseres Leben ein. Foto: CARE

Familienmitglieder wurden getötet, Häuser wurden abgebrannt, komplette Gemeinden wurden vertrieben. Am 25. August 2017 flohen Hunderttausende Menschen vor Gewalt in Myanmar nach Bangladesch. Seitdem leben sie in völlig überfüllten Flüchtlingscamps. CARE-Mitarbeiterin Jennifer Bose war im letzten Jahr mehrfach vor Ort. Zum Jahrestag der Flucht schildert sie ihre Eindrücke aus Bangladesch und erklärt, was in Zukunft für die Menschen getan werden muss.

Von CARE-Helferin Jennifer Bose

Viele der Flüchtlinge, die ich Potibonia treffe, leben seit über einem Jahr in einem völlig überfüllten Camp. Als ich frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, antworten einige von ihnen: „Ich würde lieber sterben als nach Myanmar zurückzugehen.“ Andere hingegen geben die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht auf, vorausgesetzt es herrsche Frieden und ein sicheres Rechtssystem in ihrer Heimat. Die Menschen wünschen sich das Elementarste: die Anerkennung ihrer Grundrechte, so wie wir sie hier in Deutschland zu schätzen wissen. Dazu gehört, dass sie sich innerhalb der Landesgrenzen frei bewegen können, Arbeitnehmerrechte erhalten und das Recht haben, Land zu erwerben.

Zu wenig Platz für so viele Menschen

Das Megacamp Kutupalong in Bangladesch platzt aus allen Nähten. Internationale Standards geben mindestens 45 Quadratmeter Nutzfläche pro Person vor, in Kutupalong liegt sie bei gerade einmal bei 10,7 Quadratmetern. Die dichte Besiedlung schränkt die Lebensqualität der Menschen ein und erhöht das Risiko für den Ausbruch von Krankheiten wie Cholera. Immer wieder kommt es auch zu gewalttätigen Konflikten oder Sexualstraftaten. Es ist kaum denkbar, dass Flüchtlinge dort längerfristig leben können.

Das letzte Jahr hat auch gezeigt, dass selbst das weltweit größte Flüchtlingscamp nicht dazu geschaffen ist, über 700.000 Flüchtlinge eine sichere Unterkunft zu bieten. Während der Regenzeit kam es zu Überschwemmungen und Erdrutschen, die Tausende von Behausungen an den gerodeten Hügeln des Camps mit sich rissen und teilweise komplett zerstörten. Knapp 50.000 Menschen waren davon betroffen. Hilfsorganisationen wie CARE unterstützten die Menschen schon vor der Regenzeit mit Baumaterial und Trainings zum Aufbau stabiler Unterkünfte. Damit konnte in einigen Camps Schaden abgewendet werden. Doch es fehlten die finanziellen Mittel, dem großen Bedarf der Menschen in kürzester Zeit gerecht zu werden. Die Menschen umzusiedeln ist eine wesentlich nachhaltigere und längerfristige Lösung. Die Flüchtlinge brauchen einen Ortswechsel in weniger risikoanfällige Gebiete innerhalb Bangladeschs.

Rückkehr nur aus freien Stücken

Gerüchte über eine erzwungene Rückkehr lösten zu Beginn dieses Jahres Aufruhr und Panik bei den Menschen aus. Als ich im Februar vor Ort war, wollten sich viele Flüchtlinge aus Angst vor einer Abschiebung, nicht mit mir unterhalten. Heute, ein Jahr nach der Ankunft von hunderttausenden Flüchtlingen in Bangladesch gibt es Bestrebungen von den Regierungen in Myanmar und Bangladesch zusammen mit den Vereinten Nationen (UN) für bessere Lebensbedingungen in Rakhine-Staat zu sorgen. Die Rückkehr der Menschen sollte freiwillig und in Sicherheit und Würde geschehen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, zu dem auch die Einhaltung der Menschenrechte und die Erteilung einer Staatsbürgerschaft gehören.

Bei meinem letzten Besuch des Potibonia Camps im Süden von Bangladesch betrete, treffe ich auf eine Menschenmasse an Flüchtlingen. Mittendrin befinden sich Männer, die Zettel mit der Aufschrift „We want rights to return to our country“ in ihren Händen halten. (Wir fordern das Recht ein, in unsere Heimat zurückkehren zu können). Darunter sind neun Forderungen aufgelistet. Ganz oben: Die Forderung nach der Anerkennung ihrer Staatsbürgerschaft. Außer der freiwilligen Rückkehr gibt es kaum Alternativen. 

Ungewisse Zukunft

Einer ganzen Generation steht eine ungewisse Zukunft bevor, wenn wir nicht handeln. Die internationale Gemeinschaft darf die Flüchtlinge in Bangladesch nicht vergessen. Wir müssen die Menschen weiterhin mit humanitärer Hilfe unterstützen, bis eine dauerhafte Lösung für sie gefunden wird – eine, die es ihnen ermöglicht in Sicherheit, Frieden und Freiheit in ihrer Heimat leben zu können.

Laut eines Gesetzes von 1982 gibt es 135 einheimische Bevölkerungsgruppen in Myanmar, doch die Flüchtlinge zählen nicht dazu. Seit Jahrzehnten gehören sie zu einer Minderheit in Myanmar, die verfolgt und staatlich nicht anerkannt wird. Die Menschen mit den Zetteln in den Händen haben in ihrer Heimat keinen Anspruch auf die burmesische Staatsangehörigkeit – und damit auch keinen Zugang zu Bildung oder dem Arbeitsmarkt.