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Als Nothelferin im Einsatz

In diesem Job habe ich alle nur erdenklichen Gefühle erlebt: Frustration, Wut und eine Aggression, von der ich nie gedacht hätte, dass ich sie in mir habe. Tiefe Traurigkeit, von der ich weiß, dass sie niemand nachvollziehen kann. Freude und Glück, wenn ich sehe, wie wir Menschen helfen und Kinder lachen können – trotz all der Trostlosigkeit und Verzweiflung. Angst, wenn ich daran denke, was jederzeit passieren kann, wenn ich in Krisengebieten unterwegs bin. Verwundbarkeit, wenn ich weiß, dass ich stark bleiben muss, obwohl ich mich überhaupt nicht so fühle. Und manchmal auch alles auf einmal.

Es ist wunderbar zu sehen, dass meine Arbeit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – wenn auch nur für eine Millisekunde – auf die Not so vieler Menschen lenken kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch eine Geschichte hat, die es wert ist, erzählt zu werden. Aber die Menschheit hat aufgehört, den wirklich wichtigen Dingen zuzuhören. Mein Job ist es, den Menschen, denen ich begegne, eine Stimme zu geben. Das ist es auch, was ich an diesem Beruf liebe. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, menschliches Leid zu verkaufen. Dabei konkurriere ich mit Reality-TV und der Politik, wobei die beiden nicht immer auseinanderzuhalten sind. Und ich verstehe die Menschen – niemand will nur traurige Geschichten hören. Aber ich denke mir das ja nicht aus. Das, worüber ich schreibe, passiert. Es ist die Realität. In den hunderten und tausenden Geschichten, die ich höre, bekommen Kriege, Konflikte und Katastrophen ein Gesicht. Und in gewisser Weise werden diese Geschichten auch Teil meiner eigenen Geschichte.

Solange ich noch vor Ort bin, vermeide ich es, über meine Begegnungen zu erzählen oder zu schreiben. Meine Distanz zu den Leuten, die ich treffe, überrascht mich manchmal. Aber sie bleibt nur, bis ich beginne, ihre Geschichten niederzuschreiben. Die härtesten Tage sind nicht die, wenn ich im Einsatz bin, sondern jene, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze. Wenn ich versuche, die Scherben der zerstörten Existenzen von realen Menschen in eine Geschichte zu verpacken. Oft trifft es mich erst dann so richtig. Das ist OK so, aber es trifft mich. Und manchmal tut es weh, weil ich weiß, dass das, was ich tue, nur ein Pflaster auf eine klaffende Fleischwunde ist. Wirkliche Veränderung kann es nur durch langfristige Entwicklung und vor allem Frieden geben.

Es ist schwer, zu beschreiben, was das mit mir macht. Wir alle haben unsere Gründe dafür, weshalb wir tun, was wir tun. Ich habe nie viel darüber nachgedacht, warum ich diesen Beruf ausüben wollte. Ich wollte es einfach. Wir verbringen mehr als die Hälfte unseres Lebens mit Arbeit, und ich wollte diese Zeit für etwas Sinnvolles nutzen.

Ich weiß noch, dass ich gefragt wurde, ob ich stark genug sei, diesen Job zu machen. Es ist nicht die physische Kraft, die dich weitermachen lässt, sondern die psychische. Stark zu bleiben, wenn eine Frau in Bangladesch dir in jedem kleinsten Detail beschreibt, wie sie von zehn bewaffneten Männern vergewaltigt wurde. Am Ende eines 19-Stunden-Tages noch freundlich zu lächeln, nachdem ein Wirbelsturm Mosambik getroffen hat. Einem unterernährten Kind in Somalia in die Augen zu sehen und zu wissen, dass sein Leid vielleicht kein Ende nehmen wird. Den Mann, der diese Situationen ohne Weiteres wegsteckt, muss ich erst noch treffen.

In diesem Beruf eine Frau zu sein, hat Vor- und Nachteile. Wenn es darum geht, dass Menschen – vor allem Frauen in konservativen Gesellschaften – sich öffnen und ihre Geschichte erzählen, habe ich das Gefühl, als Frau einen Vorteil zu haben. Ist es gefährlicher, als Frau in Krisengebieten zu arbeiten? In vielerlei Hinsicht sicherlich. Für mich entstanden die schwierigsten Situationen bisher allerdings aus der Arbeitskultur in diesem Sektor. Wir ermutigen mehr Frauen, diesen Job zu machen, aber am Ende des Tages ist die Welt der humanitären Helfer nach wie vor männlich. Hier als Frau zu arbeiten heißt oft auch, lauter sein zu müssen als es mir lieb ist, um überhaupt gehört zu werden, und härter arbeiten zu müssen als andere, um ernst genommen zu werden.

Das wird sich auch erst ändern, wenn Frauen einander unterstützen und Organisationen wie CARE Diversität leben. Und es bedeutet, dass wir verstehen, dass Emotionen ein Ausdruck von Stärke sind, und nicht von Schwäche.