Sahelkrise: Frauen und Mädchen tragen die schwerste Last
CARE fordert spezifische Hilfsprogramme / Sahel-Nothilfe insgesamt massiv unterfinanziert
Wien, 24.8.2012 - Die Hilfsorganisation CARE weist auf die verzweifelte Lage von Frauen und Mädchen in der Sahelzone hin, die unter der aktuellen Hungerkrise besonders leiden und spezifische Hilfe bräuchten, um z.B. die Zwangsverheiratung junger Mädchen zu verhindern. Doch die Sahel-Nothilfe ist massiv unterfinanziert, es fehlen an die 650 Millionen Euro.
Über 18 Millionen Menschen leiden derzeit im Sahel Hunger. Frauen und Mädchen sind von den Auswirkungen der Krise vielfach betroffen: So lassen sich z.B. in der Maradi-Region im Niger viele Männer angesichts der schwierigen Ernährungslage von ihren Frauen scheiden, um weniger Familienmitglieder ernähren zu müssen. Aus dem gleichen Grund verheiraten Familien ihre Töchter noch früher als traditionell üblich - auch ohne Hungerkrise wird im Niger eines von drei Mädchen vor dem 15. Lebensjahr verheiratet.
Viele Mädchen werden frühzeitig und ungewollt schwanger – im Tschad haben nur 1,7 Prozent der Frauen Zugang zu Verhütungsmitteln. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt bei 5 Kindern, wobei 20 Prozent aller Kinder vor ihrem 5. Lebensjahr sterben. Zahlreiche Frauen treiben unter lebensgefährlichen Umständen ab, die Mütter- und Kindersterblichkeitsraten sind dramatisch hoch. Wie gern Frauen die Anzahl ihrer Kinder selbst bestimmen würden, zeigt ein von CARE in zwei Regionen des Tschad durchgeführtes Projekt: Frauen, die abgetrieben haben, erhalten lebensrettende medizinische Versorgung sowie Aufklärung über Verhütungsmethoden. Mythen, denen zufolge Familienplanung zu Unfruchtbarkeit oder Impotenz führt, werden dabei ebenso hinterfragt wie traditionelle Geschlechterrollen, nach denen Frauen nur verhüten dürfen, wenn ihre Ehemänner dazu die Erlaubnis geben. Das Projekt konnte die Anzahl derjenigen, die in Zukunft nicht mehr auf Abtreibung, sondern auf Verhütungsmittel setzen, auf das Achtfache steigern.
Nahrung finden in Ameisenbaus und Eselkot
Frauen und Mädchen gelten als hauptzuständig für die Versorgung ihrer Familien mit Nahrung und Wasser und verbringen viele Stunden mit der verzweifelten Suche danach. Wie die dreißigjährige Khadija Ibrahim, die in einem kleinen Dorf im Tschad wohnt und derzeit täglich elf Stunden mit Wasserholen beschäftigt ist: Je 4 Stunden dauert der Fußweg zum Brunnen und drei Stunden das Füllen der Wasserkanister inkl. Schlange stehen. Um den Frauen und Mädchen derart lange Wege künftig zu ersparen, repariert CARE in der Region Brunnen.
Damit sie ihren hungernden Familien überhaupt etwas Essbares anbieten können, greifen Frauen auf alles Verfügbare zurück. So wird die bittere Frucht eines Baumes als Nahrungsmittel verwendet, die die Leute „Wüstendattel“ nennen. Die 46-jährige Hasta Abdelkarim erklärt den Prozess. „Zuerst fressen Esel die Früchte und die Samen, die sie nicht verdauen können. Wir sammeln ihre Exkremente und lösen die Samen heraus. Dann kochen wir sie vier Mal in heißem Wasser, so werden sie weich und verlieren ihren Geruch.“ Eine andere Notmaßnahme besteht darin, in Ameisenbaus nach dort vergrabenen Samen und Körnern zu suchen.
Um Frauen und Mädchen solche extremen Methoden zu ersparen, verteilen Hilfsorganisationen wie CARE in Notzeiten Nahrungsmittel, Wasser und stärkende Aufbaunahrung insbesondere für unter zweijährige Kinder. Denn bei ihnen führt Unterernährung zu schweren körperlichen und geistigen Entwicklungsstörungen. Doch die Hilfsorganisation fordert Investitionen, die weit über die akute Nothilfe hinausgehen.
„Wir brauchen viel mehr langfristige Vorsorgeprogramme, um Hungerkrisen zu verhindern,“ so Andrea Wagner-Hager, Geschäftsführerin von CARE Österreich. „Programme, bei denen gezielt Frauen eingebunden und gestärkt werden, sind nachweislich besonders effizient.“ So hat CARE im Jahr 2011 mehr als 6.500 Frauen durch 472 Kleinspargruppen im Niger Zugang zu Krediten und Darlehen verschafft und sie mit entsprechenden Schulungen in die Lage versetzt, ihre Familien wesentlich besser durch die Hungerkrise zu bringen – heute sind sie Kleinunternehmerinnen, besitzen kleine Gemüsegärten oder betreiben Kleinviehzucht. Die Frauengruppen bieten auch einen guten Rahmen, um schädliche Praktiken und Traditionen wie Kinderheiraten oder häusliche Gewalt zu thematisieren und Maßnahmen dagegen zu planen.
Laut Angaben der UN-Welternährungsorganisation FAO würde die Anzahl der weltweit Hungernden um 12 – 17 Prozent sinken, wenn in der Landwirtschaft tätige Frauen gleichen Zugang zu produktiven Ressourcen wie Dünger und landwirtschaftlichen Geräten hätten wie Männer.
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Helfen auch Sie mit: CARE-Spendenkonto PSK 1.236.000, BLZ 60.000
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www.care.at
TIPPS:
• Fotos zum Gratis-download finden Sie hier: http://www.flickr.com/photos/careoesterreich/sets/ .
• CARE-Geschäftsführerin Andrea Wagner-Hager hat die Krisenregion in den letzten Monaten mehrfach besucht und steht gern für Interviews zur Verfügung.






