CARE-MitarbeiterInnen berichten über die Situation der Bevölkerung und die Fortschritte der Arbeit von CARE aus Port-au-Prince. CARE verteilt sauberes Wasser, Lebensmittel, Matratzen, Hygiene-Pakete und Mütterkits mit Windeln, Seife, Kleidung und Babypuder und vieles mehr und hilft damit etwa 250.000 Menschen in Haiti. CARE bittet dringend um Spenden für die Opfer!PSK 1.236.000 BLZ 60.000 „Haiti“
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Hygieneversorgung.
Eine Mutter wäscht ihre Tochter in einer Schüssel im Notlager am Place St. Pierre, Pétionville. Sauberes Wasser ist entscheidend für die Menschen in Haiti.
Wasserleitungen.
Ein Kind holt sauberes Wasser von einer Leitung, die CARE im Notlager am Place Saint Pierre eingerichtet hat.
Glücklicher Vater.
Der 2-jährige Jacques war 6 Stunden unter den Trümmern des Hauses verschüttet, seine Eltern gruben ihn mit bloßen Händen aus. Seine Großeltern starben. CARE half der Familie mit Zeltplanen, Decken, Hygiene- und Küchenutensilien.
Sicherheitsfragen.
Sapotille Pacot ist Krankenschwester und arbeitet für CARE. Sie leitet eine Frauengruppe, die Gesundheits- und Sicherheitsfragen in behelfsmäßigen Notlagern bespricht.
CARE-Verteilungen.
CARE verteilt Reis an 1.600 Frauen, die ihre Familien 2 Wochen damit versorgen können.
Lebensmittel für Frauen.
CARE verteilt Reis an Frauen und Mädchen als Repräsentantinnen ihrer Familien.
Leogane.
Dieses Mädchen stammt aus dem Bezirk Leogane, in dem 90 % aller Häuser zerstört wurden. CARE verteilt u.a. Matratzen und Hygiene-Pakete an die Bevölkerung.
Joane Kerez und ihr Baby Wadneica.
Joane brachte ihre Tochter vor 2 Tagen in einem Zelt am Place Saint Pierre zur Welt, wo derzeit etwa 6.000 Menschen untergebracht sind. Die Geburt fand auf einem Pappkarton statt, ihre Mutter durchtrennte die Nabelschnur mit einem Rasierer, es gab keine Seife und kein sauberes Wasser.
Jean Viergemene (29)
ist im achten Monat schwanger. Ihr Haus wurde beim Erdbeben völlig zerstört, sie lebt mit 10 anderen Personen in einem Zelt. Sie ist deprimiert und mutlos. "ich weiß nicht, was aus dem Baby und mir werden wird."
CARE-MitarbeiterInnen und PfadfinderInnen
entladen Hygiene-Pakete in Leogane, einer schwer beschädigten Stadt in der Erdbebenzone. Die CARE-Pakete beinhalten u.a. Seife, Zahnpasta, Moskitonetze und Damenbinden. Gemeinsam mit CARE werden auch Wassertanks für die Bevölkerung bereitgestellt.
CARE-MitarbeiterInnen registrieren
Familien am Place Saint Pierre, wo etwa 6.000 Menschen Zuflucht gefunden haben.
CARE Hygiene-Pakete.
CARE verteilt Hygiene-Pakete an Familien, die u.a. Seife, Toilettenpapier etc. beinhalten.
Seife.
Ohne sauberes Wasser und Hygieneartikel ist der Ausbruch von Seuchen nur eine Frage der Zeit. Die Menschen müssen neben Müllbergen in den Straßen leben.
Wäsche.
Menschen in Haiti waschen sich und ihre Wäsche an den geborstenen Wasserleitungen auf der Straße.
CARE-Mitarbeiter Rick Perera.
Koordiniert Medienanfragen an CARE aus aller Welt. Er spricht fließend englisch, deutsch und spanisch.
CARE-Pakete mit Wasserreinigunstabletten.
Am Flughafen von Port-au-Prince werden die Pakete in einen Transporter umgeladen.
Sauberes Wasser.
Transporter am Flughafen mit Wasserreinigungsmittel zur Verteilung.
Wasserreinigung.
Edline Cothiere, Krankenschwester und Mitarbeiterin einer CARE-Partnerorganisation erklärt die Anwendung des Wasserreinigungspulvers.
Ausmass der Verwüstung.
Blick auf die verheerenden Folgen des Erdbebens in Port-au-Prince, Haiti.
Überlebende.
Die 58-jährige Frau wurde lebend aus den Trümmern geborgen. Ihre drei Kinder sind noch verschüttet.
CARE-Mitarbeiter auf dem Weg nach Haiti.
CARE-Koordinator Rick Perera und andere MitarbeiterInnen der internationalen Hilfsorganisation im Bus von der Dominikanischen Republik nach Haiti.
Hunger.
Menschen warten auf die Verteilung von Protein-Keksen des World Food Programme.
Mittwoch, 24. Februar 2010 - Licht und Schatten
von CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke
Zwei Wochen in Haiti sind vorbei und die eintägige Rückreise nach Deutschland lang genug, um die Zeit Revue passieren zu lassen. Ich konnte die Arbeit von CARE begleiten und bin den verschiedensten Menschen begegnet. Was bleibt hängen?
Licht: Der fröhlichste Moment waren die morgendlichen Begrüßungsrituale am Eingang des CARE-Büros, wenn wir unter dem Gelächter der Sicherheitskräfte (zwei davon sogar Frauen!) unter der Schranke durchturnten, anstatt drum herum zu gehen. Dann einmal nach rechts winken, wo unter den Bäumen des Hofes schon die Teams sitzen, die morgens früh zu den Verteilungen von Hilfsgütern fahren. Und schließlich hinein ins Gebäude, wo Mika am Empfang schon lächelt und wieder alle überall verstreut sitzen mit ihren Laptops, Papieren, Telefonen und Kaffeetassen.
Schatten: Der schwierigste Moment kam, als mich ein von Sorgen gezeichneter Vater um eine Plastikplane bat, um seine fünf Kinder vor dem feuchten Regen und einer Bronchitis zu schützen. Doch die Verteilung war an diesem Tag schon beendet und die LKWs weggefahren. Ich hatte nicht einmal Geld in den Taschen, nur einen Fotoapparat um die Schulter. Mehr als aufmunternde Worte konnte ich ihm nicht geben.
Licht: Die größte Überraschung war das Feierabendgespräch mit dem CARE-Logistiker, der auf den ersten Blick so unnahbar und abgekämpft wirkt. Aber dann erzählt er mit Leidenschaft von seinem Job und dass sein Ansporn der Kampf gegen die Ungerechtigkeit ist. Er berichtet mit leuchtenden Augen davon, wie seine kleinen Töchter auf ihn warten, wenn er nach einem Katastropheneinsatz nach Hause kommt.
Schatten: Der größte Schrecken waren zwei Erdbeben in der Nacht vor meiner Abreise. Die Richterskala maß zwar „nur“ 4,7, aber seitdem habe ich eine Ahnung davon, was die Menschen am 12. Januar durchlitten haben. Es ist ein Gefühl der kompletten Ohnmacht, wenn auf einmal der Boden unter den Füßen wackelt und man sich innerhalb von Sekunden entscheiden muss, ob man das Gebäude verlässt, sich in den Türrahmen stellt oder gar nichts unternimmt. Und das mit dem Bewusstsein, dass diese Wahl im Zweifel über Leben und Tod entscheidet.
Licht: Die hilfreiche Routine des Miteinanders in unserem Apartment gegenüber vom CARE-Büro: Wie schnell aus Kolleginnen Mitbewohnerinnen und schließlich Freundinnen werden, wenn man sich morgens früh den Instant-Kaffee teilt und abends die oft schwer zu verdauenden Eindrücke des Tages.
Schatten: Die lähmende Routine zeigt sich jeden Tag in den Camps von Port-au-Prince. Je länger all die Menschen in den provisorischen Unterkünften leben müssen, desto schneller breitet sich Perspektivlosigkeit aus. Ich sah zwar Männer, die Karten spielen und Kinder, die herumtollten – alles Anzeichen eines normalen Alltages.
Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tage lang und heiß sind und die Ungewissheit über die Zukunft hier an jedem Menschen nagt. Nach der unmittelbaren Nothilfe wird es die wichtigste Aufgabe der haitianischen Regierung und der internationalen Helfer sein, die Menschen bei der Rückkehr in den Alltag zu unterstützen. Mit Schulen, Jobs und gerechten Chancen.
Licht: Die größte Hoffnung sind für mich Menschen wie Janice, die im CARE-Büro arbeitet. Ihr Mann ist beim Erdbeben ums Leben gekommen und ihr Sohn ist gerade einmal vier Monate alt. Obwohl sie ihre Liebe verloren hat, steht da jeden Tag dieses bezaubernde Lächeln in ihrem Gesicht. Woher diese Kraft kommt, verstehe ich nicht. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht. Hauptsache, sie ist und bleibt da.
Schatten: Die größte Furcht teilen alle Helfer vor Ort. Und sie beruht auf den Erfahrungen früherer Katastrophen: Wenn Haiti nicht mehr aktuell genug ist, um in der Öffentlichkeit Gehör zu finden, dann könnte auch die Unterstützung abnehmen. Dabei ist die Nothilfe erst der Anfang. Haiti kann es schaffen, sich aus den Ruinen neu und besser wieder aufzubauen. Aber dazu benötigt es viele starke Hände, die dieses Land und seine Menschen stützen.
Montag, 22. Februar 2010 - Das Ende der Fragen
von CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke
Ich kannte die Zahlen: über drei Millionen Menschen vom Erdbeben in Haiti betroffen. Ich habe versucht, mir das vorzustellen. Aber seit ich in Haiti bin, verstehe ich erst langsam, was es bedeutet. Jede Begegnung gibt den Zahlen ein Gesicht und eine Geschichte. Jeder hier ist betroffen.
Für CARE heißt das nicht nur, dass das bestehende Team am 12. Januar unvorstellbare Verluste hinnehmen musste. Seit dem Erdbeben sind mehr als 70 neue Mitarbeiter eingestellt worden, um die Nothilfe schnell umsetzen zu können. Und auch sie sind alle von der Katastrophe gezeichnet. So wie Caroline, die in einer Krankenschwesterschule arbeitete. Das Erdbeben traf sie auf dem Weg nach Hause. „Links und rechts von mir sind die Häuser eingebrochen. Ich musste an Bergen von Autos und Leichen vorbei, zwei Stunden zu Fuß nach Hause, und dann stand ich vor den Trümmern unseres Hauses.“ Jetzt ist sie am Sonntagmorgen im Büro und antwortet am Telefon auf die Frage, wie es ihr geht – „en forme“, ich bin in Form.
Am Vortag treffen wir eine Journalistin, die für lokale Radiostationen Beiträge produziert. Ziel ist es, die Menschen über die Hilfsmaßnahmen zu informieren und Tipps zu geben. Sie spricht mit meinen Kollegen am Place St. Pierre, wo CARE Plastikplanen als Übergangslösung für die Regenzeit verteilt hat. Jimmy und Theguerre müssen ihr genau erklären, wie man die Planen aufspannt, um eine wasserfeste Unterkunft zu haben. Sie wirkt sehr konzentriert und professionell. Aber als sie ihr Aufnahmegerät dann einpackt, fragt sie mich leise, ob wir auch Hilfsgüter für Journalisten übrig haben. Seit dem Erdbeben schläft sie in ihrem Auto.
Und dann treffe ich Guerda, die im Stadtteil Carrefour in einem Camp lebt, das den Namen „Mon repos“ trägt – mein Ruheort. Das überfüllte Camp liegt direkt am Meer und ist weit davon entfernt, ruhig zu sein. Guerda ist 29 und mit ihrem fünften Kind schwanger.
Trümmer haben sie am Rücken verletzt, aber sie hofft, dass die Geburt trotzdem gut verläuft. Sie ist eine der Menschen hier, in deren Gesicht kein Platz mehr scheint für ein Lächeln. Guerda ist nur knapp zwei Jahre älter als ich. Doch die Freiheit und Möglichkeiten, die ich genieße, wird sie in ihrem Leben nie haben. Caroline gibt ihr zwei Pakete, eins für die Geburt und eins für das Baby. Zumindest hat sie damit ein paar Gegenstände wie Seife, einen Strampelanzug und sterile Handschuhe, um die Gesundheit ihres Kindes und ihre eigene zu schützen.
Eine meiner Aufgaben hier ist es, mit den Leuten zu sprechen und ihre Geschichten zu erfahren. Aber es gibt Momente, in denen mir die Fragen ausgehen und ich nicht mehr weiter weiß. Was fragt man Menschen, die alles verloren haben? Wie sie das Erdbeben erlebt haben? Es war furchtbar, grausam, zerstörerisch. Was sie sich für die Zukunft wünschen? Essen, Wasser, ein trockenes Dach über dem Kopf. Die Antworten fallen überall gleich aus. Ich schließe mein Notizbuch und packe den Stift weg.
Donnerstag, 18. Februar 2010 - “La vie pas fasile”
von CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke
Alle haben mich vorgewarnt: In Léogâne, einer Stadt anderthalb Autostunden entfernt von Port-au-Prince, habe das Erdbeben eine schwere Spur der Verwüstung hinterlassen.
Nun sind wir auf dem Weg dorthin und ich frage mich, wie ich den Anblick wohl verkraften werde. Die Antwort ist einfach: schwer. Auch nach einer Woche in Haiti stockt mein Atem beim Anblick der riesigen Trümmerhaufen, die einst Häuser waren. Besonders schlimm ist es, wenn aus all dem Schutt Dinge hervorschauen, die vor einem Monat noch zum Hausrat einer Familie gehörten: Eine Stuhllehne, ein Kochtopf, eine Topfpflanze.
CARE konzentriert seine Arbeit unter anderem auf Léogâne, damit auch die Menschen außerhalb der Hauptstadt Hilfe bekommen. Heute werden Matratzen, Hygieneartikel und Wasserkanister an 400 Menschen verteilt. Wie immer holen die Frauen die Hilfsgüter ab, und ich lerne auch die lokalen Pfadfinder kennen, von denen mein Kollege Rick Perera schon berichtet hat.
Nach der Verteilung fahren wir zum Fußballstadion in Léogâne – hunderte Familien sind hier untergekommen. Es gab schon den ersten Regen und wir machen große Schritte über die Pfützen. Ich will mir nicht ausmalen, wie es hier aussieht, wenn im April dann die heftigen Regenfälle kommen. Deshalb müssen wir schnell Plastikplanen verteilen, damit die Menschen wenigstens vorübergehend geschützt sind. Unser Sanitärteam baut unterdessen Toiletten, denn mit dem Regen steigt auch die Gefahr von Seuchen.
Am Ausgang des Camps läuft mir ein kleines Mädchen über den Weg – barfuss und mit zwei Wasserkanistern in der Hand. Wenn sie Glück hat, wird sie die nächsten Monate ohne Durchfall und Erkältung überstehen.
Maurice, der Fahrer mit dem ich unterwegs bin, schläft derzeit mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Freien. Er braucht morgens anderthalb Stunden, um im Büro anzukommen. Trotzdem ist sein Hemd makellos gebügelt, während ich im zerknitterten T-Shirt ins Auto steige. Das fasziniert mich hier an jeder Ecke. Auf Französisch sagt man „Les gens se portent bien“ – die Menschen tragen sich gut. Und irgendwie passt diese Umschreibung. Die Haitianer tragen sich und die Last dieser Katastrophe mit einer unglaublichen Kraft und Geduld.
Auf den Stoßstangen der bunten Kleinbusse liest man fast immer einen Spruch auf Kreolisch – einige zum Lachen, andere zum Nachdenken, viele von ihnen handeln vom Glauben und von Gott. Auf dem Rückweg von Port-au-Prince überholen wir ein Auto und ich sehe aus dem Augenwinkel den Schriftzug „La vie pas fasile“ – Das Leben ist nicht einfach.
Hoffentlich hilft unsere Arbeit dabei, dass das Leben der Haitianer in Zukunft Schritt für Schritt einfacher und besser wird. Doch die Trümmer links und rechts am Straßenrand sprechen eine deutliche Sprache: Einfach wird der Wiederaufbau nicht. Dieses Land wird alle Hilfe benötigen, die es bekommen kann.
Montag, 15. Februar 2010 - Die Reisschlange und das Kuchenfest
von CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke
Im Morgengrauen reicht die Schlange bis ans Ende der Straße, um die Ecke, und noch viel weiter. Die Frauen stehen dicht gedrängt, viele halten sich an den Händen. In der anderen Hand tragen sie ein pinkes Ticket – das ist die Farbe der Essensmarke für den heutigen Tag. Hier in Delmas verteilt CARE seit 2 Wochen Reis an die vom Erdbeben betroffene Bevölkerung. Das ist Teil einer Kampagne des Welternährungsprogramms, insgesamt erhalten rund 2 Millionen Menschen Reis für die kommenden 4 Wochen. Die Zahlen, von denen hier in Haiti gesprochen wird, sind für mich immer noch kaum fassbar. Deshalb bin ich froh, bei der Verteilung in Delmas dabei sein zu können. Denn all die Frauen hier, die Reis erhalten und damit ihre Familie zumindest in den nächsten Wochen ernähren können – sie stehen vor mir und geben den Statistiken ein Gesicht.
Gegen 7 Uhr beginnt die Verteilung und plötzlich geht alles ganz schnell: Am Eingang zeigen die Frauen ihr Ticket, gehen dann zu dem Platz, wo die Reissäcke gestapelt sind und erhalten – immer zu zweit – einen Sack Reis. Die 50 Kilogramm teilen sie sich dann für ihre Familien. Am Ausgang warten ihre Ehemänner oder andere Verwandte, um beim Tragen zu helfen. Einige starke Damen schleppen den Sack Reis sogar alleine auf dem Kopf. 50 Kilo, das scheint beinahe so viel wie das Körpergewicht vieler Frauen, die an mir vorbeilaufen.
Dutzende CARE-Mitarbeiter arbeiten seit 2 Wochen unter Hochdruck für die Verteilung. Das Team war jeden Morgen um 4 Uhr auf den Beinen, verbrachte den Tag in der sengenden Hitze und kam abends erst spät nach Hause. Die Logistik muss organisiert werden, die Menschen informiert und die Verteilung betreut. Das zehrt an den Kraftreserven. Deshalb gibt es heute abend im CARE-Hof eine kleine Versammlung mit Kuchen und Getränken für alle. Nach so viel harter Arbeit finde ich, dass sich das Team eine kleine Pause zum Durchatmen mehr als verdient hat. Wir sitzen also zusammen und alle freuen sich darauf, am nächsten Morgen zum ersten Mal etwas länger schlafen zu können.
Manouche und Shirley sind zwei junge Frauen, mit denen ich morgens bei der Reisverteilung war. Sie bringen mir schließlich noch ein bisschen Kreolisch bei und lachen darüber, dass ich die zwei gelernten Sätze mit furchtbarem Akzent jedem entgegen rufe, der vorbeikommt. Sie hingegen bekommen das „Ich heiße …“ und „lecker“ schon ziemlich gut über die Lippen.
Freitag, 12. Februar 2010 - Nicht in Feierlaune
von CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke
Während in Deutschland derzeit der Karneval tobt, ist Haiti nach dem zerstörerischen Erdbeben vom 12. Januar natürlich weit davon entfernt in Feierlaune zu sein. Unter normalen Umständen wäre auch hier gefeiert worden. Stattdessen gibt es heute, am 12. Februar, im ganzen Land Schweigeminuten für die Menschen, die vor genau einem Monat in den Trümmern der Stadt ums Leben gekommen sind. Auch hier bei CARE haben wir uns im Hof versammelt und über die Ereignisse gesprochen, geschwiegen und gebetet.
Es gibt viel zu verarbeiten. Die Häuser von 80 % der haitianischen CARE-Mitarbeiter sind beschädigt, zu viele unter ihnen haben Kinder und andere Familienmitglieder verloren. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sie es schaffen, in dieser Situation ihre Arbeit zu machen. Zu ihrer Unterstützung sind CARE-Nothelfer aus aller Welt kurz nach dem Erdbeben eingetroffen und arbeiten nun seit einem Monat rund um die Uhr unter Hochdruck. Sie kommen aus Simbabwe, Großbritannien, Madagaskar, Nepal, Kanada – es ist spannend, dabei zu sein und die verschiedenen Temperamente und Charaktere zu beobachten. Und es macht mir Hoffnung, zu sehen, dass so viele Menschen aus aller Welt hier sind, um zu helfen.
Und zu helfen gibt es mehr als genug. Gestern fuhren wir zu einem Camp, in dem inzwischen mehr als 100.000 Menschen leben. Im Gepäck hatten wir sogenannte Schwangeren- und Neugeborenen-Kits. Darin sind Handtücher, Seife, eine Rasierklinge zum Durchtrennen der Nabelschnur, sterile Handschuhe, eine Plastikunterlage, Babynahrung und weitere Dinge, die den Müttern und Babys die erste Zeit helfen, gesund zu bleiben. Eine Ärztin erzählt mir, dass hier viele, viele Frauen schwanger sind und einige von ihnen ihre Kinder buchstäblich auf der Straße bekommen.
Wir kommen zu einem Platz, wo dutzende Kinder spielen. Einige fragen mich nach Wasser oder etwas zu essen. Ein kleines Mädchen allerdings sagt gar nichts, sondern hält nur still einen meiner Finger. Ich streichele ihr über die Wange und muss mich doch irgendwann aus ihrem Griff befreien. Mein Kopf weiß, dass ich diesem Mädchen nicht besser helfen kann, als es CARE und alle anderen Hilfsorganisationen bereits tun. Aber mein Herz zerreißt ein kleines bisschen, als wir uns schließlich umdrehen und wieder den Berg hinauf Richtung Auto gehen.
Donnerstag, 11. Februar 2010 - Port-au-Prince, ein Monat nach dem Beben
von CARE-Mitarbeiterin Sabine Wilke
„Be prepared“ – Sei vorbereitet, warnt mich eine Mitreisende, als wir am Flughafen von Santo Domingo in eine kleine Propellermaschine steigen, um nach Port-au-Prince zu fliegen. Aber wie soll man sich auf so etwas vorbereiten? Ich bin auf dem Weg in das Land, das vor knapp einem Monat von einer der schlimmsten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte erschüttert worden ist.
Als wir dann durch die Straßen von Port-au-Prince fahren, verstehe ich, was meine Mitreisende meinte. Nichts hätte mich auf das vorbereiten können, was ich sehe: Schutt und Asche, wo vorher Krankenhäuser, Schulen und Polizeistationen standen. Riesige Lager unter freiem Himmel, in denen die Menschen sich notdürftig mit Decken und Plastikplanen eine Unterkunft bauen. Müllberge und Pfützen, in denen man die Seuchengefahr förmlich riechen kann. Eine Frau, die sich auf offener Straße mit nacktem Oberkörper wäscht, weil sie einfach keinen anderen Ort hat, um etwas Privatsphäre zu bekommen.
Viele Trümmer sind inzwischen beiseite geräumt, aber das ändert nichts an den apokalyptischen Ausmaßen der Zerstörung. Vor ein paar Wochen habe ich auf dem Weg nach Ruanda über die zwei Welten von CARE nachgedacht – Nothilfe und Armutsbekämpfung. Jetzt stecke ich hier mitten in einer der größten Nothilfeeinsätze seit dem Tsunami in Südostasien 2004. Bei der abendlichen Teamsitzung werden Neuigkeiten ausgetauscht: Wie viele Fahrzeuge haben wir inzwischen und brauchen wir noch mehr Personal für die Verteilungen? Wann kommen die Zelte und Planen an? Was gibt es Neues von den Koordinierungstreffen mit den Vereinten Nationen und anderen Hilfsorganisationen?
Über 180.000 Menschen hat CARE in den letzten Wochen erreicht – mit Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser, Hygiene-Kits und anderen Hilfsgütern. Bald beginnt die Regenzeit, und bis dahin brauchen die Menschen eine sichere Unterkunft und ein Minimum an sanitären Einrichtungen. Es bleibt viel zu tun für uns und die anderen Hilfsorganisationen hier in Haiti. Darauf sind wir zum Glück vorbereitet.
Freitag, 29. Januar 2010 - Verteilungen laufen reibungslos
von CARE-Mitarbeiter Rick Perera
Wenn ich die Nachrichten über Haiti sehe, die über Unruhen und Gewalt bei Verteilungen von Hilfsgütern berichten, kann ich mir manchmal nicht vorstellen, dass dies dasselbe Land ist, in dem CARE arbeitet. Weil jede Verteilung, bei der ich war, verlief völlig reibungslos. Natürlich sind die Menschen verzweifelt und manchmal verliert jemand die Beherrschung, aber CARE arbeitet so eng mit den Behörden und der Bevölkerung zusammen, mit den Pfadfindern, mit lokalen Gremien, dass wir ein Teil des Ganzen sind.
Wir hoffen, dass wir weiterhin so erfolgreich Hilfsgüter verteilen können. Wichtig ist, dass bald Zelte ins Land kommen. Natürlich bräuchten wir immer viel mehr Kapazitäten, aber zum ersten mal sehe ich so etwas wie Hoffnung, dass die Hilfe ankommt und dass die Bevölkerung in Sicherheit ist, wenn der Regen und die Hurrikan-Zeit kommt.
Montag, 25. Januar 2010 - In Bewegung bleiben
Rick Perera, CARE
Man kann viel schaffen, wenn man in Bewegung bleibt, aber Vorsicht vor dem Moment, in dem man innehält und nachzudenken beginnt. Auf einer Fahrt letzte Nacht habe ich mich lange mit dem erschöpften CARE-Fahrer unterhalten und wusste, wie es sich momentan anfühlen muss, Haitianer zu sein.
Er sprach mit gekränkten Gefühlen über sein Land, das gleichzeitig so schön und so tragisch ist. „Wir haben ein herrliches Klima. Wir haben kluge, hart arbeitende Menschen. Wir könnten genauso erfolgreich sein wie Amerika oder Frankreich.“ Der Mann unterbricht seine Sätze mit den Phrasen “Avant la Catastrophe” und “Après la Catastrophe” – vor der Katastrophe und nach der Katastrophe. Man hat das Gefühl, es ist eine neue Zeitrechnung: B.C. und A.C.
Seine Worte erinnern mich an meinen ersten Besuch zurück in den USA aus Deutschland, wo ich 2001 lebte. In jedem Restaurant in New York konnte man aus allen Gesprächen “Nine-eleven, nine-eleven, nine-eleven” heraushören. Ich erinnere mich an den Tag, als ich hilflos vor meinem Berliner Computer saß und die Twin Towers einstürzen sah. Ich ging zur Amerikanischen Botschaft, wo Deutsche am Ende der gesperrten Straße Blumen niederlegten. Dort sah ich auch einen Brief: „Amerika, Du warst für uns da, als wir Dich am meisten brauchten – jetzt sind wir für Dich da“, schrieb ein/e Berliner/in.
Wenn ich jetzt an den Ruinen des Präsidentenpalastes in Port-au-Prince, ähnlich dem Weißen Haus, vorbeifahre, bricht mein Herz erneut. Wenn ich die leidenschaftlichen Liebeslieder an Haiti im Radio höre, spüre ich die verletzten Gefühle dieses Volkes, und ich unterdrücke meine Tränen, um weiterzumachen zu können. Ich bleibe in Bewegung.
Freitag, 22. Januar 2010 - „Die jungen Menschen sind ein großer Trost“
Rick Perera, CARE
Man sollte erwarten, dass Wilner Ulysse gerade einer alten Dame über die Straße hilft. Das würde dem klassischen Bild eines pflichtbewussten Pfadfinders entsprechen. Aber der 23-jährige Wilner hat heute eine wichtigere Tat zu erledigen.
Er ist einer der Pfadfinder aus Léogane, einer Stadt die nahe am Epizentrum des Erdbebens lag und schwer betroffen ist. Die Stadt ist praktisch komplett zerstört, und die meisten Menschen haben ihre Häuser und Familienmitglieder verloren. Beerdigungen sind zu einer tragisch-regelmäßigen Alltäglichkeit geworden. Aber trotz ihrer eigenen Verluste und Traumata, stehen die jungen Menschen von Léogane bereit, um ihre Mitmenschen zu unterstützen.
Am Mittwoch haben Wilner und die anderen Pfadfinder CARE bei der Verteilung von Hilfsgütern im Zentrum von Léogane unterstützt. Das Gebäude des Telefonanbieters – es ist verlassen seitdem das Telefonnetz bei dem Beben zerstört wurde – dient als provisorische Stadthalle und Hilfszentrum. Hier hat sich CARE eingerichtet, um dringend nötige Hilfe an die traumatisierten Überlebenden des Bebens zu liefern, vor allem an Frauen.
Die Aufgabe der Pfadfinder ist es, Sicherheit und Trost zu spenden. Die Jungen, groß und mutig, bewachen den Eingang des Gebäudes. Die Mädchen gehen mit den Frauen, und leiten sie mit sanften Berührungen zu den Ausgabestellen der Hilfsgüter. Die Frauen sehen erschöpft aus, aber einige lächeln dankbar, als sie ein wertvolles Geschenk erhalten: Hygiene-Pakete mit Seife, Zahnpasta, Handtüchern und Desinfektionstüchern, alles eingepackt in 20-Liter Eimer, die zum sammeln und reinigen von Wasser verwendet werden können. Dennoch sind die Gesichter den Wartenden an der Ausgabestelle müde und verschwitzt. Die jungen Pfadfinder schauen ernst drein – die meisten haben selbst schlimme Verluste zu beklagen – aber ihre Gesichter sind voller Mitgefühl für die Mütter und Großmütter, die sie begleiten.
„Wir können nur vermuten, wie traumatisiert und untröstlich sich diese Frauen fühlen“, sagt Sophie Perez, die Länderdirektorin von CARE Haiti. „Genauso wie materielle Hilfe, brauchen sie jetzt auch das Wissen, dass die Welt sich um sie kümmert und das sie nicht allein sind. Diese netten jungen Menschen zu haben, die einem sprichwörtlich in dieser schweren Zeit zur Seite stehen, ist ein großer Trost.“
Viele der Frauen, die zur Hilfsgüterausgabe am Mittwoch kommen, haben ihre Häuser verloren und leben im Freien und in Zelten. Selbst jene, die noch ein Haus haben, sind wegen der vielen Nachbeben zu verängstigt, um in diese zurück zu kehren. „Das eigene Haus und Familienangehörige zu verlieren und dann noch ständig in Angst leben müssen – das ist mehr als man irgendjemanden zumuten sollte“, sagt Sophie. „Wir arbeiten sehr hart, damit hier niemand mehr unnötig leiden muss.“
Genau das macht auch Wilner. In seinen 7 Jahren als Pfadfinder, ist dies sicherlich die wichtigste gute Tat, die er vollbracht hat.
Mittwoch, 20. Januar 2010 - Verzweiflung in den Augen der Kinder
Rick Perera, CARE
Es ist offensichtlich, dass die Menschen hier unter Schock stehen. Die verbitterten Gesichter sind gezeichnet von Angst und Entbehrung. Wo auch immer wir hingehen, sehen wir handgemalte Schilder auf Leintüchern, die verzweifelt um Hilfe, um Medikamente für Kinder oder um die Abholung von Leichen bitten.
Man sieht die Verzweiflung in den Augen der Kinder, viele weinen und rufen nach ihren Eltern und niemand kann ihnen sagen, wo sie sind oder ob sie noch leben. Auf dem Platz vor dem CARE-Hauptbüro in Port-au-Prince, wo 5000 bis 6000 Menschen lagern, brauchen die schwangeren Frauen am dringendsten Hilfe. Letzte Nacht gab es eine Geburt hier auf offener Straße, leider habe ich auch von 2 Vergewaltigungen gehört.
Dennoch macht unser CARE-Team hier große Fortschritte bei der Verteilung von Gesundheits- und Hygieneartikel macht. Die Pakete kommen bei denjenigen an, die sie am dringendsten benötigen. Heute haben die Pfadfinder und Pfadfinderinnen geholfen, Hygiene-Pakete bei der Telecom Office verteilt, die in der schwer getroffenen Stadt Léogâne als behelfsmäßiges Rathaus dient.
Mittwoch, 20. Januar 2010 - Schweres Nachbeben der Stärke 6,1
Bogdan Dumitru, CARE-Sicherheitsexperte, sofort nach dem Nachbeben:
„Wenn solch ein Erdbeben bei bereits beschädigten Gebäuden passiert, weiß ich nicht, wie schlimm die Auswirkungen sein werden. Ich sitze auf dem Dach unseres Büros, weil wir hier Handyempfang haben. Ich muss bald wieder runter, weil es ein weiteres Nachbeben geben könnte. Wir versuchen die Mitarbeiter zu beruhigen. Ich habe das Beben gefühlt. Es war stärker als alle anderen Nachbeben. Ich war auf der anderen Straßenseite im Apartment. Manche haben es aus dem fünften Stock schneller nach unten geschafft als ich. Die Leute haben geschrien. Ich weiß nicht, welchen Schaden unsere Mitarbeiter genommen haben. Manche waren zu Hause und wir versuchen herauszufinden, ob es ihnen gut geht. Ich konnte kein Auseinanderbrechen des Gebäudes hören. Es gab ein tiefes Grollen und die Erde hat sich bewegt. Es hat nicht so lang gedauert, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich bin gelaufen. Es war näher an Jacmel und ich weiß nicht, was für Auswirkungen das Beben dort hatte. Wir haben nichts von Jacmel gehört und unsere Internetverbindung war nach dem Beben abgeschnitten. Wir sind direkt neben einem Camp für Obdachlose und als das Beben kam, konnte man Schreie aus dem Camp hören. Sie haben alles verloren, all ihre Häuser und sie sind verängstigt.“
Dienstag, 19. Januar 2010 - Ein Moment der Stille
von Rick Perera
Die Mitarbeiter und MitarbeiterInnen von CARE Haiti hielten am Dienstag einen Augenblick in ihrer Arbeit inne im Gedenken an ihre getöteten Familienangehörigen, Freunde und alle Opfer des schrecklichen Bebens auf Haiti.
Die Leiterin von CARE-Haiti, Sophie Perez, und CARE USA Chief Operating Officer Steve Hollingworth sprachen ihnen Mut zu und überbrachten Botschaften von CARE-MitarbeiterInnen aus aller Welt.
Dienstag, 19. Januar 2010 - Krankenhaus des Friedens
Rick Perera, CARE
Es heißt „Hôpital la Paix“ – Krankenhaus des Friedens. Aber dieses massiv überfüllte Krankenhaus ist im Moment alles andere als friedvoll. Es ist die größte medizinische Einrichtung, die im zerstörten Port-au-Prince noch steht – und es ist vollkommen überlastet mit den vielen schwer verwundeten Menschen.
Der Parkplatz vor dem zweistöckigen Betongebäude ist gefüllt mit den Verwundeten, die auf Matratzen oder den blanken Bettgestellen, auf Laken, dem spärlichen Gras oder sogar auf dem blanken Gehsteig unter der brutalen Sonne liegen. Manchmal ist jemand zu sehen, der sich über einen der Verwundeten beugt und ihm ein wenig Erleichterung verschafft, vielleicht sogar einen Infusionsbeutel in der Hand hält. Aber viele liegen allein. Praktisch jeder in dieser mitgenommenen Stadt hat Angehörige verloren – einige die gesamte Familie.
Diejenigen, die unversehrt sind und laufen können, haben sich am Hauptportal versammelt. Zwei Freiwillige halten einen Strick quer über den Eingang, um zu kontrollieren wer reinkommt. Sie gehen automatisch zur Seite, wenn sie ein ausländisches Gesicht sehen: Jeder, der helfen könnte, ist hier willkommen. Pfleger mit Tragen drängen sich durch die Menge, während sie „Excusez! Excusez!“ rufen. Zwei Männer tragen eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht und benutzen dabei einen Tisch als improvisierte Trage. Die Menge teilt sich, um einen Mann mit Leichensack durchzulassen.
Nothelfer, von kubanischen Ärzten bis zu katalonischen Rettungssanitätern ballen sich auf der Innenseite der Tür. Die meisten tun, was sie können, um das allgegenwärtige Leiden zu lindern, aber es gibt wenig Koordination. Nach einer ersten Diagnose warten die Patienten, gegen die Wände gelehnt, oder auf dem Boden liegend, auf ihre Behandlung. Einige haben Notizzettel mit einer kurzen, auf Spanisch geschriebenen Diagnose, auf ihrer Brust kleben.
Dr. Franck Geneus, der Leiter des Gesundheits-Programms von CARE, kämpft sich zum Verwaltungstrakt des Krankenhauses. Kurz spricht er mit einer Nonne, die ein wenig die Lage hier kennt – aber es gibt einfach keine Leitung. Unsere Aufgabe hier – Chemikalien zur Wasserreinigung zu verteilen – muss warten. Wenn wir die Hilfsgüter jetzt verteilen, werden sie im Chaos verloren gehen. Wir müssen unsere Arbeit auf die Orte konzentrieren, wo sie Erfolg haben.
Weiter innen in dem düsteren Krankenhaus stehen Betten in den Gängen. Die meisten Patienten, einige von ihnen halb nackt, liegen still. Sie sind zu erschöpft, um zu klagen. Der Gestank des Todes umgibt uns. „Den wirst du nie wieder aus den Kleidern kriegen. Du wirst sie wegschmeißen müssen“, sagt meine Kollegin Evelyn, eine Fotografin, die für CARE in vielen Ländern, von Dafur bis zum Kongo, gearbeitet hat. Sie zuckt mit den Schultern.
Aber Evelyn ist keine abgehärtete Zynikerin. Einige Minuten später kommt sie aus einer improvisierten Krankenstation, mit Tränen in den Augen. Sie hat zugesehen, wie eine spanische Nonne einem Mann, der nicht sprechen konnte, die letzte Ölung gegeben hat. Er kann ein Bein bewegen und als die gute Schwester in sanft fragt, ob er versteht, das er bald sterben wird, signalisiert er ein „ja“. Während Evelyn die Geschichte erzählt, schauen wir zurück auf den Ort, wo der Mann noch liegt. Jemand hat ihm ein blaues Laken über den Kopf gezogen. Er hatte schwere innere Verletzungen und viel Blut verloren, erzählt sie uns leise. Er hatte keine Chance. „Estaba listo. Estaba en paz.“ Er war bereit. Er war im Frieden mit sich selbst.
Montag, 18. Januar 2010 - Macht es schnell, aber macht es richtig
Rick Perera, CARE
Ich höre immer wieder dieselbe Frage von den Reportern: Warum kommt die Hilfe nicht schneller bei denen an, die sie jetzt so dringend brauchen? Die Antwort: Die Helfer arbeiten so schnell sie können, aber die Bedingungen sind grauenvoll. Es ist die schlimmste Katastrophe in Haiti in jüngerer Zeit; das Land war schon vorher bitterarm; und nach den vielen Katastrophen der letzten Jahre waren die Menschen und die Infrastruktur nicht im Geringsten in der Lage, mit dem Erdbeben fertig zu werden.
„In den ersten paar Tagen ist es immer sehr schwer“, sagt die Landesdirektorin für CARE Haiti, Sophie Perez, die an mehreren Hilfsaktionen auf Haiti mitgearbeitet hat. Unter anderem nach Wirbelstürmen und politischen Unruhen. „Es ist nicht nur wichtig alles schnell zu machen, es muss auch richtig sein. Wenn wir anfangen einfach Hilfsgüter ohne gute Organisation rauszugeben, kann das zu Chaos, Gewalt und den Verlust von Leben führen.
Sophie ist zuversichtlich, dass CARE und andere Hilfsorganisationen mit genug Ressourcen und Koordination es schaffen werden, alle Hilfsbedürftigen zu erreichen. Aber sie ist besorgt, über das was danach passiert. „Was wird passieren, wenn die Medien sich abwenden?“ Die Haitianer werden Jahre brauchen, um sich zu erholen – und sie werden viel Unterstützung brauchen, wenn sie am Ende besser dastehen und nicht nur die alten Zustände wiederherstellen wollen.
Wiederaufbau, das ist nicht nur die Reparatur von Straßen - fügt sie hinzu – sondern die Lösung der grundlegenden Probleme, von schlechter Regierungsführung bis Bildung und Umweltzerstörung. CARE arbeitet seit 1954 in Haiti und wird bleiben, solange wir gebraucht werden.
„Die nächsten Jahre werden tausendmal mehr kosten als die Nothilfe“, sagt Sophie. „ich hoffe inständig, dass die Welt Haiti nicht nach kurzer Zeit vergisst.“
Sonntag, 17. Januar 2010 - Hygiene-Pakete
Rick Perera, CARE
.Wenn Nächstenliebe zu Hause beginnt, dann ist CARE am richtigen Ort. Gleich vor unserem Hauptbüro in Haiti haben viele hunderte, oder tausende – niemand hat sie gezählt – obdachlose Menschen ihr Lager auf dem Hauptplatz von Pétionville, einem Vorort von Port-au-Prince, aufgeschlagen. Sie warten geduldig in der heißen Sonne, aber ihre Verzweiflung wächst stündlich. In der Nacht kann man sie singen und klatschen hören. Einige haben Banner aus Bettüchern aufgehängt, auf denen in Englisch und Kreolisch Sprüche wie „Wir brauchen Hilfe!“ stehen.
Als die Länderdirektorin von CARE Haiti, Sophie Perez, und ich vorbei gehen, sehen wir viele Menschen, die sich gegen den unglaublichen Verwesungsgestank Taschentücher über Mund und Nase gebunden haben. Müll aller Art häuft sich in den Straßen rund um den Platz. Ein überquellender Müllwagen steht verlassen in der Gegend. Die Kanäle sind verstopft mit Plastiktüten, Flaschen und unbeschreiblichen Dingen. Als sie die immer weiter wachsenden Müllberge sieht, schüttelt Sophie den Kopf. „Wir müssen dringend dieses Müllproblem lösen“, sagt sie. „Wenn das so weiter geht, werden sich Krankheiten ausbreiten.“
In den letzten Tagen hat sich CARE darauf konzentriert, das Wasserreinigungsmittel „Pur“ zu verteilen. Es ist hoch wirksam und kann praktisch jede Art von Wasser trinkbar machen. Aber um es zu benutzen, benötigt man zwei 20-Liter Kanister – einen für dreckiges, den anderen für das saubere Wasser – und die Ärmsten hier haben noch nicht mal einen eigenen Trinkbecher. Für viele ist das Zauberpulver „Pur“ also bei weitem nicht genug.
„In den nächsten Tagen werden wir Pur mit den Hygiene-Paketen verteilen. Eingepackt in große Eimer, die die Menschen dann benutzen können“, sagt Sophie. Die Pakete werden auch andere entscheidende Dinge, von Seife bis Desinfektionstüchern, beinhalten, damit die Überlebenden unter diesen entsetzlichen Bedingungen gesund bleiben.
In der Zwischenzeit organisiert CARE einen Tankwagen, der Wasser auf den Platz vor unserem Hauptquartier bringt. Und eine große „Blase“, um das Wasser zu lagern. Es gibt so viel zu tun in der ganzen Stadt. Aber wir werden unsere Nachbarn vor unserer Bürotür darüber nicht vergessen.
Samstag, 16.1.2010 - Verteilung von Wasserreinigungsmitteln
Rick Perera, CARE
Ich war gestern in einem Konvoi aus drei CARE-Fahrzeugen unterwegs, die alle unsere Wasserreinigungsmittel geladen hatten. Diese sind am Freitag am Flughafen angekommen und wir haben sie zu drei Verteilungszentren in Port-au-Prince gebracht. Um uns vor Plünderungen einigermaßen zu schützen, sind wir in großen Geländewagen gefahren und haben die Boxen mit den Reinigungsmitteln so tief gestapelt, so dass man sie von der Straße aus nicht sah.
Viele der Wasserrohre sind zerstört und ich sehe Menschen, die ihre Kleidung in den Rinnsteinen waschen. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Menschen in ihrer Verzweiflung und ihrem unsäglichen Durst, auch dieses Wasser trinken.
Wir haben ausreichend Wasserreinigungsmittel mit uns, um insgesamt 75.000 Menschen versorgen. Dieses Mittel reicht aus für drei Liter sauberes Wasser pro Tag, für die nächsten zehn Tage. Eigentlich ist das Mittel eine Art Puder, und es ist in kleinen Tüten, wie Ketchup beim Imbiss, verpackt. Dieses Puder müssen die Menschen nun in einen Kübel Wasser schütten, es fünf Minuten umrühren und dann durch einem Filter abgießen, um die groben Reste zu entfernen. Dafür kann man aber auch ein Kleidungsstück verwenden.
Wir haben diese Wasserreinigungsmittel bei drei Krankenhäusern verteilt und es hat etwa drei Stunden gedauert. Andere Hilfsorganisationen haben dort auch ihre Notrationen verteilt. Zum Glück war es friedlich, die internationalen Truppen der UN haben die Standort gesichert.“
Freitag, 15.1.2010 - Auf dem Weg ins Unbekannte
Rick Perera, CARE
Wir fahren bei Jimení über die Grenze von der Dominkanischen Republik nach Haiti. Zumindest auf der dominikanischen Seite laufen die Dinge recht schnell. Wir sehen, dass viele Hilfsgüter über die Grenze kommen, darunter Suchteams mit Hunden, viele große Tankwagen mit Trinkwasser, Bagger und andere Räumgeräte, mobile Küchen aus der Dominikanischen Republik und viele Reporter.
Auf der dominikanischen Seite haben wir noch Handy-Empfang, aber es wurde mir gesagt, dass in Haiti nur das Versenden von SMS möglich ist. Wir werden versuchen, das Satellitentelefon in Gang zu bekommen. Ständig erreichen mich Nachrichten von meiner Familie und Freunden, die ihrer großen Anteilnahme mit den Haitianern Ausdruck verleihen und ihre Hilfe anbieten. Aber mit dem schlechten Handynetz werden diese Nachrichten wohl bald stoppen.
Wir können niemanden sehen, der aus Haiti über die Grenze kommt, aber die Grenztruppen der Dominikanischen Republik stehen am Übergang und die Grenze ist offensichtlich in diese Richtung gesperrt. Die Straße war frei, bis wir zum Übergang selbst gelangten. Etwa 20 Lastwagen warten hier. Wir haben etwa zehn Stunden gebraucht, um zur Grenze zu kommen, viel länger als erwartet. Es wurde uns gesagt, dass es von hier nur noch 60 Kilometer bis Port-au-Prince sind. Unser Fahrer erzählt uns gerade, dass dies zwar keine weite Strecke ist, wir aufgrund der Zerstörung in der Stadt aber lange dafür brauchen werden.
In der letzten Nacht habe ich mich mit einer Gruppe Feuerwehrleute aus der Dominikanischen Republik unterhalten. Sie werden zur Bergung von Verletzen nach Port-au-Prince gehen. Sie sind jung, engagiert und wollen unbedingt helfen – ein Beispiel für die vielen Experten, die jetzt aus der ganzen Welt kommen, um zu helfen.
Freitag, 15.1.2010 - Wie vom Himmel in die Hölle
Rick Perera, CARE
CARE-Mitarbeiter Rick Perera ist unterwegs nach Haiti. Er berichtete uns per Satellitentelefon von den Eindrücken auf dem Weg nach Port-au-Prince.
Wir sind eine Gruppe von 12 Leuten – CARE-Mitarbeiter und Journalisten – die am Donnerstagnachmittag in der Stadt Puerto Plata im Norden der Dominikanischen Republik landen. Begrüßt wurden wir wie Touristen von einer Schlagzeugtruppe, spärlich bekleideten Tänzerinnen und Cocktails. Eine surreale Erfahrung – anders kann ich es nicht beschreiben.
Kurz darauf stiegen wir alle in einen Bus, der uns in einer 8-stündigen Überlandfahrt in die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince befördert. Einer meiner Mitreisenden sagt: “Sobald wir über die Grenze gefahren sind, kommen wir vom Himmel in die Hölle.” Die grünen Hügel und der sanfte Regen werden von der schroffen, gerodeten Landschaft Haitis abgelöst. Bereits vor dem Erdbeben lebten die Haitianer in verzweifelten Zuständen: 80 % müssen mit weniger als 2 US-Dollar am Tag auskommen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Lage jetzt ist.
Eine beinahe ironische Fügung des Schicksals ist es, dass das CARE-Büro in Gonaïves als Sammelstelle für Informationen dient, denn hier sind die Umstände wesentlich besser als in der Hauptstadt. Gonaïves selbst bot vor 6 Jahren allerdings ein Bild der Zerstörung (siehe Foto links), nachdem der Wirbelsturm Jeanne über die Stadt hinweg gefegt war. 2004 war auch das letzte Mal, das ich in Haiti war. Gonaives scheint mir heute wie eine Oase der Ruhe und Ordnung – ein Beweis dafür, dass Städte wieder zu Leben erwachen und Katastrophengebiete wieder zu einem Zuhause für Menschen werden können.
Die Kommunikation ist so schwierig, dass wir von unseren Kollegen in Port-au-Prince nur per SMS Neuigkeiten erhalten. Es ist überwältigend, wie viele Menschen Hilfe benötigen – jetzt vor allem erstmal sauberes Wasser, Essen und medizinische Versorgung. Unsere Kollegen auf Haiti arbeiten rund um die Uhr, um den Menschen zu helfen. Ich kann nur hoffen, dass ich dazu auch meinen Beitrag leisten kann.
„Ich bin heute früh kurz nach Mitternacht in Santo Domingo eingetroffen. Ich habe kein bisschen geschlafen. Ein paar Stunden habe ich in einem Hotel verbracht, dass komplett mit Katastrophenhelfern belegt war. Viele unterschiedliche Hilfsorganisationen kommen jetzt nach Santo Domingo, um von hier aus nach Port-au-Prince zu gelangen.
Der Flughafen in Santo Domingo ist gut organisiert und unter Kontrolle. Noch ist es ruhig, da wir zu den ersten Hilfskräften gehören, die über Santo Domingo einreisen. Aber sicher wird es noch viel geschäftiger, wenn mehr Helfer aus aller Welt ankommen. Die Regierung der Dominikanischen Republik gibt alles, um zu helfen. Das Land ist ein Touristenmagnet, die Infrastruktur, um mit den vielen Flügen und einreisenden Menschen fertig zu werden, ist also vorhanden.
Wir diskutieren, wie wir am besten Hilfsgüter nach Port-au-Prince bekommen. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, ich konnte konnte meine Kollegen in Haiti heute nicht erreichen. Es ist ein weiter Weg vom Flughafen zum Büro von CARE und es wird nicht leicht sein, ein Taxi zu finden. Die Straßen sind blockiert und Benzin ist Mangelware. Auch Elektrizität ist ein echtes Problem.
Ich habe eine Hängematte und einen Schlafsack dabei und werde wohl im Freien schlafen. Ich weiß nicht, wo ich übernachten werde, da die Hotels wohl zerstört sind. Auch die Häuser meiner Kollegen sind zerstört.
Berichten zufolge gibt es kein Wasser und kaum Essen in Port-au-Prince. Ich habe ein wenig Wasser und Nahrungsmittel dabei, aber das Gepäck ist stark limitiert. Das wird die erste Priorität von CARE sein. Ich arbeite mit anderen Organisationen an der Beschaffung von Essen und Wasser für die Betroffenen. Vielleicht aus Gonaives, vielleicht aus der Dominikanischen Republik. Ich werde mehr wissen, wenn ich ankomme und feststellen kann, was vor Ort zur Verfügung steht und was nicht.“