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Blog: CARE-Experte Andreas Zahner aus Kopenhagen

CARE-Klimaexperte Andreas Zahner berichtet aus Kopenhagen.

CARE International Secretary General Robert Glasser bei der Klimakonferenz in Kopenhagen

Der Klimawandel betrifft alle! Die Weltkugel als Symbol der Klimakonferenz.

CARE ist mit 30 MitarbeiterInnen auf der Klimakonferenz und vertritt die Position der Menschen aus Entwicklungsländern, die am meisten betroffen sind.

Der österreichische CARE-Klimaexperte Andreas Zahner nimmt an der Klimakonferenz in Kopenhagen teil. Er berichtet über Fortschritte und Rückschläge der Verhandlungen, über die Erfolgskriterien von CARE und warum Menschen, die in Entwicklungsländern leben, vom Klimawandel besonders betroffen sind.

 

19.12.2009

Zurück bleiben nur Verlierer
In der Nacht auf Samstag ein permanentes Brodeln der Gerüchte, viele Emotionen und Drama: Wer fühlt sich von wem gedemütigt, wer wäre angeblich bereits wutschnaubend auf dem Weg zum Flughafen, um die Verhandlungen endgültig zu verlassen, und wer lässt wieder die Muskeln spielen? Pressekonferenzen werden so plötzlich angekündigt wie sie wieder abgesagt werden. Da ertönt auf der Webseite des Weißen Hauses eine Ansprache von Barak Obama. Eine Einigung wäre erzielt worden, und wichtige Eckpunkte gemeinsam festgehalten. „Es ist nicht genug“, räumt Obama ein, „aber es ist ein erster Schritt“. Wenig später werden im Bella Center Livebilder des Präsidenten von einer Ansprache auf dem Flughafen von Kopenhagen auf eine große Leinwand projiziert. Der Präsident wirkt gelöst und entspannt, „the job is done“; wir sehen den Präsidenten winken, und er verschwindet im Flugzeug. 

Bald erfahren wir, dass in der allerletzten Verhandlungsrunde nur die Staatschefs von China, Indien, Südafrika, Brasilien und die USA beteiligt waren. Die Europäische Union stand in der entscheidenden Phase am Rand. Auch die anderen etwa 150 Staaten haben offenbar die Letztfassung dieser Einigung erst zu dem Zeitpunkt in die Hände bekommen zu der Obama seine Ansprache gehalten hat. Dieser Umstand führt in den darauffolgenden Stunden erneut fast zum gänzlichen Scheitern der Verhandlungen. 

Stundenlang wird hinter verschlossenen Türen darüber beraten, wie mit diesem Vorschlag nun umzugehen sei. Die Vertreter reicher Länder geben nach und nach ihre Unterstützung des Vorschlags bekannt: Kevin Rudd, Australiens Premier, Gordon Brown, Sarkozy und schließlich auch Jose Manuel Barroso, der Kommissionspräsident der EU. 

Im Bella Center meinen viele Beobachter aus Europa, es wäre besser gewesen, wenn die EU die Erklärung letztlich nicht mitgetragen und ein Scheitern der Konferenz in Kauf genommen hätte. Daraus hätte sich ein Neuanfang entwickeln können.

Die Entwicklungsländer wie Tuvalu, Bolivien oder der Sudan fühlen sich verschaukelt und protestieren lautstark gegen die Abschlusserklärung. Für die Menschen in diesen Ländern geht es angesichts des Klimawandels ums Überleben. Doch weder wurden ihre Vertreter mit in die Erstellung des Abschlussdokuments einbezogen, noch entsprechen die Vereinbarungen des "Copenhagen Accords" ihren Interessen. Es ist verständlich, dass sie lange überlegten, die Konferenz platzen zu lassen. Im frühmorgentlichen Plenum hagelt es herbe Vorwürfe an den Dänischen Vorsitz der Kopenhagener Verhandlungen. Man einigt sich schließlich darauf das Papier als Vorschlag der COP-Präsidentschaft „zur Kenntnis zu nehmen“, um zumindest irgendein Ergebnis vorlegen zu können und den Gesichtsverlust der Mächtigen einigermaßen zu begrenzen. Welche Bedeutung dieser Vorschlag nun wirklich für die nächsten Schritte zu einem Klimaabkommen hat, gibt den Delegierten noch viele Stunden hindurch Rätsel auf. Die Kopenhagen-Verhandlungen enden in allgemeiner Ermattung gegen vier Uhr Nachmittags. 

Das „Fossil of the Day“ haben sich hier viele mehr als redlich verdient. Auch die EU hat es verabsäumt, mit neuen Vorschlägen und Angeboten Dynamik in die Verhandlungen zu bringen. Die Verhandlungstaktik, die CO2-Reduktion von 20 auf 30 Prozent nur dann zu erhöhen, wenn andere Länder mitziehen, ist ganz offensichtlich gescheitert. Ein umsichtiger Klima-Kompromiss mit substantiellen Entscheidungen ist einer halsbrecherischer Verhandlungstaktik vieler Akteure und einem harten Kampf um neue Machtverhältnisse zum Opfer gefallen. Zurück bleiben nur Verlierer. Wir haben wertvolle Zeit verloren, um die Erderwärmung in diesem Jahrhundert deutlich unter 2 Grad C zu halten. Und auf der Strecke bleiben Millionen von Menschen, deren Leben von den Folgen des Klimawandels bedroht ist.

 

18.12.2009

Bauchfleck in die Realität 
Den ganzen Vortag über waren von den zahlreichen Flachbildschirmen im Bella Center die Ansprachen von Staats- und Regierungschefs geflimmert, empathische Reden über die Gefahren des Klimawandels und die dringende Notwendigkeit endlich zu handeln. Den ganzen Vortag über waren schöne Worte als permantes Hintergrundrauschen über die Delegierten im Bella Center gerieselt. Heute, nach monatelangen zähen Verhandlungen ohne größere Fortschritte, müssen nun die Karten in Kopenhagen endlich auf den Tisch. 

Vor den Bildschirmen im Bella Center haben sich Trauben von Menschen versammelt. Duzende Staat- und Regierungschefs warten im streng abgeschirmten Großen Plenum. Der Start der Eröffnungszeremonie verzögert sich. „Obama verhandelt noch mit Wen Jiabao“, brodelt die Gerüchteküche. Die Staatschefs fühlen sich unbeobachtet, aber wir können sie auf den Bildschirmen etwa eine Stunde lang beobachten. Das „Who is Who“ der Weltpolitik hat sich im Großen Plenum im Bella Center versammelt: „Sieh nur hier ist der schwedische Premier, und hier kommt Mugabe“, sagt meine Kollegin. Merkel wechselt Worte mit Sarkozy. Das Mienenspiel der Staatschefs ist ernst und angespannt. Ein düsterer Ausblick auf das was die nächsten Stunden noch bringen werden. 

In seiner empathischen Rede der Eröffnungszeremonie beschwört der Brasilianische Staatschef Lula da Silva ein Wunder, das die Verhandlungen noch zu einem guten Ende bringen könnte. Er wünscht sich einen Engel, der von oben herabschwebt und eine Lösung für das Verhandlungspatt herbeibringen könnte. Gespannt und hoffnungsvoll erwarten wir den Auftritt Obamas und landen nach seiner Rede mit einem Bauchfleck in der enttäuschenden Realität. Obama hat kein Wunder im Koffer mitgebracht. „This guy is handcuffed by the Senate“, raunt eine Delegierte aus Südafrika neben mir. Die Menschenmengen vor den Bildschirmen im Bella Center lösen sich auf. Es ist still geworden im Bella Center. Verhandlungskollaps! Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. 

Der weitere Tag bringt fast unleserliche Kopien von einem 3-seitigen Textentwurf in Umlauf. Der Text ist der Entwurf einer politschen Übereinkunft, die hinter verschlossenen Türen seit den frühen Morgenstunden von einer Verhandlergruppe aus 25 Ländern erstellt wird. Ein Minimalkonsens, der das Desaster in Kopenhagen abwenden soll. „Fair, ambitioniert und bindend“ sollte das Kopenhagen-Abkommen sein. Die verschiedenen Versionen und Textentwürfe, die nun zirkulieren, lösen jedoch immer größere Unruhe aus: Der Anstieg der globalen Temperatur dürfe 2 Grad C nicht übersteigen, heißt es vage. Die Zusagen für die Reduzierung von Treibhausgas-Ausstoß bleiben so unverbindlich wie wenig ambitioniert. 30 Mrd. USD werden als Soforthilfe für Entwicklungsländer für die Jahre 2010 - 2012 zwar zugesagt, viele Details bleiben aber fraglich. Menschen die vom Klimawandel besonders betroffen sind in diesem Text nicht einmal ansatzweise erwähnt.

  

17.12.2009

COP out?
Über Nacht ist Schnee gefallen in Kopenhagen - offenbar ungewöhnlich genug für diese Stadt, um den öffentlichen Verkehr nahezu vollkommen lahmzulegen. Verstopfte U-Bahnen, lange Wartezeiten, kontrastiert mit einer weihnachtlichen, romantisch-verschneiten Szenerie. Dazu düstere Morgennachrichten, alle sprechen vom Kollaps der Verhandlungen und, dass böse Entwicklungsländer sie blockieren würden.

Gleich nach der Ankunft im Bella Center wird der Unterschied spürbar zum hektischen Treiben der letzten Tage. Es ist gespenstisch still, Konferenz-TeilnehmerInnen wandeln verschlafen durch die Hallen. NGOs sind ab heute nahezu völlig ausgeschlossen und haben keinen Zugang zum Bella Center!

Die Staats- und Regierungschefs beginnen mit ihren Reden, die großen positiven Überraschungen bleiben aber leider aus. Die Arbeitsgruppen der VerhandlerInnen haben ihre Arbeit wieder aufgenommen und werden versuchen in den Stunden soweit wie möglich Übereinstimmung zu erzielen. Offene Fragen werden morgen den Ministergremien übertragen. Die heikelsten Fragen zur Finanzierung für Entwicklungsländer sowie die Verpflichtungen Treibhausgasausstoß zu reduzieren, wird den Staatschefs überlassen bleiben.

Die bisher vorgelegten Reduktionsverpflichtungsangebote der Industriestaaten reichen gerade mal für 15 bis 20% weniger Treibhausgase bis 2020. Zahlen, die zu 3 bis 4 Grad Erderwärmung statt der maximal erträglichen 2 Grad führen. Auch die Finanzierungsangebote für Entwicklungsländer sind zu gering. So hat Angela Merkel in ihrer Rede eine Summe von 100 Milliarden Dollar ab 2020 erwähnt. Die Entwicklungsländer brauchen mindestens 195 Milliarden Dollar jährlich ab 2020, um sich gegen den Klimawandel zu wappnen.

Was leider so gut wie nie erwähnt wird, ist die Wirksamkeit dieser finanziellen Mittel. Es muss vertraglich festgehalten werden, dass gerade die ärmsten und verwundbarsten Menschen, die heute schon unter dem Klimawandel leiden, von den Anpassung-Maßnahmen profitieren!

Ein großer politischer Poker und Machtkampf mit ungewissem Ausgang steht jedenfalls für die letzten beiden Nächte in Kopenhagen bevor. Es ist alles offen. Die Gefahr bleibt bestehen, dass das Weltklima und die Ärmsten der Armen auf diesem Planeten auf der Strecke bleiben. 

 

16.12.2009

It's chaos out there
Die Verhandlungskrise ist ausgebrochen: Der bestehende Vertragsentwurf enthält immer noch jede Menge eckige Klammern und Diskussionsstoff für langwierige Verhandlungen. Jedenfalls können die bisherigen Entwürfe nur schwerlich zur Entscheidung an Minister und Staatschefs übergeben werden. Ein hartnäckiges Gerücht über einen neuen, geheimnisvollen dänischen Text schafft einmal mehr größere Unruhe.

"Das Gebäude wird angegegriffen" wird uns am Vormittag höflich von einem Sicherheitsbeamten mitgeteilt. Wir sollten jedenfalls momentan davon absehen, das Bella Center zu verlassen. Die Organisation "Climate Justice Action" hat ganz legal zu einer Demonstration und zu zivilem Ungehorsam mit friedlichen Mitteln aufgerufen. Wir können nur hoffen, dass die Polizei sich ebenso friedlich verhalten wird und die Situation nicht eskaliert. Kurze Zeit später erfolgt zum Glück wieder Entwarnung.

NGOs wird ab morgen kaum noch Zugang zum Bella Center gestattet. Hektisch werden Maßnahmen auf Schiene gebracht, um die Kommunikation mit den Verhandlungen aufrecht zu erhalten, gleichzeitig werden alternative Tagungsorte und "Gegengipfel" ins Leben gerufen.

Da wummert eine verwirrende Nachricht über die Displays der Mobiltelefone: "Connie Hedegaard ist zurückgetreten". Die Gerüchteküche brodelt, warum wohl die engagierte und beliebte Dänische Klimaministerin (und designierte EU-Kommissarin) ausgerechnet jetzt den Vorsitz der Klimaverhandlungen zurücklegt. "War alles so geplant", heißt es einige Zeit später in einer Presseaussendung. Der Dänische Premierminister Lars Løkke Rasmussen wird, da nun die Staats- und Regierungschefs einfliegen, nun offiziell den Vorsitz leiten, Frau Hedegaard weiterhin im Namen des Premiers die Verhandlungen leiten. 

 

15.12.2009

Fast trick finance? 
Der Vertragsentwurf zu Klimawandel-Anpassung wurde gestern Abend bis spät in die Nacht verhandelt. Heute morgen das böse Erwachen und lange Gesichter. "Im Text, der über Nacht entstanden ist, gibt es zahlreiche Optionen, die auf keine zusätzliche Finanzierung für Anpassung deuten!" sagt Christina Chan, vom Verhandlungsteam von CARE. "Die Priorisierung von besonders betroffenen Menschen bei der Umsetzung von Maßnahmen ist überhaupt gänzlich aus dem Text verschwunden!" Heute wird den ganzen Tag weiter verhandelt. Immerhin einige Stunden Zeit für Änderungen ...

In der Zwischenzeit klären sich die Wolken rund um sogenannte Anschubfinanzierung (im Jargon "fast track finance") für die ärmsten und am stärksten betroffenen Länder, die vom Rat der Europäischen Union letzten Freitag beschlossen wurde. Wieviel der zugesagten 2,4 Mrd. EUR bis 2012 sind zusätzliche Klimafinanzierung? Eine Schätzung des Climate Action Network ergibt ein düsteres Bild: Weniger als 5 % sind tatsächlich neue und zusätzliche Gelder für Entwicklungsländer. 

Die Konferenz geht langsam in die Entscheidungsphase, was man an der zunehmenden Dichte von MinisterInnen und bekannten Persönlichkeiten erkennen kann. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon bahnt sich nun seinen Weg durch das hektische Treiben im Bella Center genau so wie die FriedensnobelpreisträgerInnen Wangaari Maathai und Desmond Tutu. Selbst Arnie (Schwarzenegger) ist gesichtet worden ;-) 

Der Nachteil: NGO-VertreterInnen werden zunehmend aus dem Konferenzzentrum ausgeschlossen. Ab sofort wird auch unsere CARE-Delegation nur noch mit einem Drittel an Personal zur Konferenz eingelassen. Das ist leider mehr als fragwürdig für einen vermeintlich demokratischen Prozess. Am Freitag sollen nur noch 90 NGO-VertreterInnen Einlass bekommen! Wenn es ans Eingemachte geht, müssen NGOs und somit leider auch viele meiner KollegInnen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika draußen warten. Der Unmut ist riesig: Verschlossene Türen für diejenigen, die für die Menschen einstehen, die am schlimmsten vom Klimawandel betroffen sind.

 

14.12.2009

Klimagerechtigkeit
Die langen Schlangen vor dem Eingang des Bella Center waren sicher das dominierende Bild des Tages. Manche TeilnehmerInnen mussten offenbar Wartzeiten von 6-8 Stunden in Kauf nehmen.

Und das große Rätsel des Tages bei den Verhandlungen im Bella Center war: „Haben sie tätsächlich die Verhandlungen verlassen?“ Gemeint war, ob die afrikanische Delegation tatsächlich ernst gemacht hat, um auf die dramatische Auswirkungen des Klimawandels in Afrika aufmerksam zu machen. „Sie haben die Verhandlungen nicht verlassen“, sagt mein Kollege David Sumbo von CARE in Ghana. "Es wird immer noch verhandelt." Seit den Klimaverhandlungen in November in Barcelona, zeigt auch die Gruppe afrikanischer Staaten bisweilen Muskeln und bringt ihre Interessen publikumswirksam zum Verhandlungstisch. Im Prinzip verständlich und gut so: Wir sind noch immer meilenweit entfernt von verbindlichen Finanzierungszusagen für Klimawandelanpassung für Menschen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

„Es ist erstaunlich, dass reiche Länder so große Angst haben vor Klimaflüchtlingen. Die Menschen in Entwicklungsländern sollten eigentlich viel mehr Angst haben vor reichen Ländern, die ungebremst Treibhausgase in die Atmosphäre blasen“, meint Koko Warner, Expertin für Klimaflüchtlinge vom UN University Institute bei einer nächtlichen Diskussionsrunde nach der Vorführung des Dokumentarfilms "Climate Refugee: The Human Face of Climate Change" von Michael P. Nash.

Auf die Frage was sich eigentlich geändert hat in den 15 Jahren Klimaverhandlungen, gab es große Einigkeit im Saal: Große Bewegungen in Europa und den USA haben das Thema "Klimagerechtigkeit" aufgegriffen. Das war vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar. „Es wird auch Bewegung von oben brauchen“, meint Hans Joachim Schellnhuber, deutscher Klimaforscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung. Die gesamte Menschheit darf in diesem Jahrhundert noch etwa 600 Mrd. Tonnen CO2 ausstoßen, um die Chancen einer Beschränkung der Erderwärmung unter 2°C intakt zu halten. Nach derzeitigen Berechnungen hätten wir Menschen in Europa dieses Kontingent in weniger als 10 Jahren ausgeschöpft. Es liegt an uns allen, Entscheidungen zu treffen. Und es liegt an der Politik endlich verbindliche Maßnahmen für eine drastische Reduzierung von Treibhausgasausstoßes zu beschließen.

 

10.12.2009

Kein Geld - Kein Weltklimaschutz-Abkommen
"Die Finanzierungshilfe, die Entwicklungsländer benötigen um die negativen Auswirkungen des Klimawandels abzufedern, ist die entscheidende Trumpfkarte in den Verhandlungen", erklärte gestern der Dänische Außenminister. Damit liegt er vollkommen richtig. Entwicklungsländer - allen voran die Gruppe der afrikanischen Staaten - haben bereits angekündigt, einem Klimaabkommen niemals zuzustimmen, wenn Kosten für notwendige Anpassungsmaßnahmen nicht verbindlich von reichen Ländern übernommen und getragen werden. An diesem Punkt könnten die Verhandlungen tatsächlich scheitern, wenn Industrieländer nicht bald ein entsprechendes Angebot auf den Tisch legen. 

VerhandlerInnen von Entwicklungsländern sind zur Zeit aber recht skeptisch - leider mit gutem Grund. Seit Jahrzehnten werden UN-Versammlungen von reichen Ländern dazu genutzt, öffentlich schöne Versprechen zu verkünden über Unterstützung und Finanzierungshilfe für die ärmsten und am stärksten benachteiligten Menschen auf diesem Planeten. Aber diese Versprechungen wurden niemals eingehalten. Und bis jetzt deutet leider rein gar nichts darauf hin, dass reiche Länder ihre Finanzierungsangebote diesmal bei den UN-Verhandlungen in Kopenhagen tatsächlich ernster meinen als bisher.

In einem internen Strategiepapier der EU, das vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit gelangt ist, werden klare Aussagen getroffen: Keine zusätzlichen Gelder für Klimawandel-Anpassung. Bestehende Gelder für Entwicklungszusammenarbeit sollen für klimarelevante Projekte einfach umgewidmet werden. Oder mit anderen Worten: Gelder die etwa für Spitäler, Bildung oder für den Kampf gegen HIV/Aids in den ärmsten Ländern dieser Welt vorgesehen waren, sollen nun für die Entschärfung der Klimamisere verwendet werden, die in erster Linie von reichen Ländern verursacht wurde.
 
Rechtlich verbindliche Finanzierungszusagen an Entwicklungsländer sind ein entscheidender Baustein für einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen in Kopenhagen. Diese große Frage ist aber immer noch völlig offen: Werden reiche Industrienationen ihre Verantwortung wahrnehmen und Menschen in extremer Armut dabei unterstützen, sich an den Klimawandel anzupassen?

 

9.12.2009

„Es ist sehr schwierig zur Zeit“, meint Christina Chan, Expertin bei CARE für Klimawandel-Anpassung bei den Verhandlungen in Kopenhagen. „Die Verhandlungsteams arbeiten abgeschirmt hinter verschlossenen Türen. Informationen werden zurückgehalten.“ Christinas Leben und das ihrer KollegInnen spielt sich gerade in den Gängen im Verhandlungsgebäude Bella Center ab. "Wir erstellen gemeinsam mit anderen Organisationen eine Liste von Punkten und Vorschlägen und versuchen dann diese Liste in den Verhandlungsraum zu schleusen. So möchten wir sicher stellen, dass der Vertrag zur Klimawandel-Anpassung auch explizit auf die Menschen Bezug nimmt, die vom Klimawandel am stärksten betroffen sind.“ Verhandlungstexte sind insgesamt nicht leicht verständlich und verdaulich. „Es braucht zirka 3 Klimakonferenzen bis man tatsächlich bei den Verhandlungen mitwirken kann“,  bringt es ein Verhandler aus Bangladesh auf den Punkt.

Ein geradezu wohltuender Kontrast zur Trockenheit juristischer Verhandlungssprache sind da die klaren Worte einer jungen Frau aus Mikronesien auf einem der vielen Side Events, die parallel zu den Verhandlungen laufen. Auf die Frage, was eigentlich ihre spezielle Zielsetzung bei den Verhandlungen wäre, meint sie nur lapidar: „Frühstück, Mittag- und Abendessen für meine Leute in Mikronesien. Und das auch in den nächsten hundert Jahren. Nicht mehr. Und auch nicht weniger."

 

8.12.2009

Einiges an Verwirrung hat es heute rund um den sog. Dänischen Entwurf für ein Weltklimaschutz-Abkommen gegeben. Ende November hat eine Gruppe von VerhandlerInnen (aus Großbritannien, den USA und Dänemark) an einem geheimen Vetragsentwurf gearbeitet: Dieser Entwurf war offenbar als Joker gedacht - sollten die Verhandlungen in der zweiten Woche ins Stocken geraten sein, könnte der Joker aus dem Hut gezaubert werden und eine neue Basis fuer eine Kompromissformel in Kopenhagen bieten. 

Soweit die Gerüchteküche. Dieser geheime Text hat bereits im Vorfeld der Verhandlungen viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und war auch von vielen mit großen Hoffnungen verknüpft. Heute hat die Zeitung Guardian den Text ins Internet gestellt. Entwicklungsländer haben prompt sehr wütend auf die Vorschläge im "Dänischen Entwurf" reagiert, der ihrer Meinung nach die Rolle der reichen Nationen stärken und die der UN schwächen würde. 

Muhammad Selim Hossain vom International Institute for Environment and Development (IIED) meinte heute, der Dänische Vorschlag käme völlig aus dem Blauen, Entwicklungsländer wären nie einbezogen worden. Würde man nun diesen Text als neue Verhandlungsgrundlage hernehmen, hieße das, alle Verhandlungen und Vorschläge der letzten 2 Jahre zu ignorieren.

"Das ist eine völlig neue Situation", sagt Selim Hussein. Bisher waren Entscheidungen in den Klimaverhandlungen bereits im Vorfeld weitgehend vorbereitet und einigermaßen detailliert ausgearbeitet. Bei der Conference of Parties (CoP) wurde eher um Details gefeilscht. In Kopenhagen ist die Situation anders, alles scheint "außer Kontrolle" geraten. Das schafft natürlich Unbehagen, gleichzeitig ist das aber auch ein große Chance: Die Zivilgesellschaft hat bis zuletzt die Möglichkeit den Ausgang der Verhandlungen zu beeinflussen.

[CARE Climate Change Information Center]

 

7.12.2009

"Der UN-Weltklimaschutzvertrag muss etwas bringen für Menschen in Armut". Das ist das Erfolgskriterium von CARE für die Verhandlungen in Kopenhagen. CARE ist mit 30 Delegierten aus aller Welt bei den Verhandlungen vertreten. Bei einem Besuch der Ausstellung "100 Hundred Places to Remember Before they Disappear" ist heute das gesamte CARE-Team erstmals in Kopenhagen zusammen getroffen. Die Austellung befindet sich im Zentrum der Stadt - mitten auf einem Platz namens "Kongens Nytorv", nur 10 U-Bahn Minuten vom Bella Center, in dem die Klimaverhandlungen statt finden, entfernt.

„Das Ziel der Ausstellung ist es, auf die Auswirkungen des Klimawandels hinzuweisen, ohne Katastrophenbilder zu zeigen,“ erklärt Soren Rud, der Organisator der Ausstellung. Es galt eher zu zeigen, welche wunderbaren Plätze wir aufgeben und verlieren werden, wenn wir es nicht schaffen den Klimawandel einzudämmen. Ein Geograph hat auf Grundlage der Berichte des UN-Klimarates die 100 Orte recherchiert, 2 Journalisten haben die Texte zu den Orten verfasst.

Das Hochland von Äthiopien, wo sich Malaria mit zunehmender Erwärmung ausbreitet, kommt hier genauso vor, wie Chicago, das immer mehr von Hitzewellen und extremen Unwettern betroffen sein wird. Zum Bild von Alexandria erklärt die CARE-Kollegin aus Ägypten den Ernst der Situation: Der Anstieg des Meerespiegels gefährde die Stadt, man befürchte, dass tausende Menschen abwandern müssen. Gleichzeitig führt zunehmende Erwärmung und die Versalzung von Böden zur Zerstörung von wertvollem Ackerland und Verminderung der landwirtschaftlichen Produktion.

Soren Rud hat mit meinem Kollegen Maksha dessen Heimatland Nepal besucht und die drastischen Auswirkungen der Flutkatastrophen für die Menschen im Tiefland des Terai mit eigenen Augen gesehen. Doch es gibt auch gute Neuigkeiten: In Nepal ist die Regierung gerade dabei, die Planung für Nationale Anpassungsmaßnahmen (NAPAs) abzuschließen. Dabei wurden nicht nur biophysikalische Aspekte des Klimawandels berücksichtigt (zum Beispiel wo in Zukunft extreme Regenfälle oder starke Dürren zu erwarten sind), sondern es wird auch erhoben, wer von den Klima Veränderungen besonders betroffen sein wird: Menschen in extremer Armut, die sozial benachteiligt sind. 

Die Regierung von Nepal, sagt Maksha, hat das Problem erkannt. Der Premierminister von Nepal wird persönlich in Kopenhagen sein, gemeinsam mit ihm weitere 600 Nepalis. Diese große Gruppe wird sich auch an den friedlichen Demonstrationen am 12. Dezember, die durch ganz Kopenhagen ziehen werden, beteiligen.
CARE ist Partner der Allianz Klimagerechtigkeit

 

6.12.2009

Nun ist es tatsächlich soweit - die große Konferenz hat begonnen. Der Andrang ist unglaublich, am Eingang haben sich riesige Schlangen gebildet, mache TeilnehmerInnen erzählen von stundenlangen Wartezeiten und Security Checks.

Man spürt die Spannung in der Luft, die Erwartungen sind sehr hoch. Die wichtigste Konferenz seit dem 2. Weltkrieg hat begonnen. Aber meine KollegInnen aus Nepal und Kenia (Maksha Ram Maharjam and Cynthia Awuor) können auch eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen. Das Video, das bei der Eröffnungszeremonie gezeigt wird, ist zwar sehr gut gemacht und berührend - aber man sieht in einer teuer gemachten Animation ein Mädchen mit weisser Hautfarbe, das mit einer düsteren Zukunft von Wirbelstürmen und Überschwemmungen konfrontiert ist. "Warum sieht man keine Bilder von Menschen aus Afrika?", fragt sich Cynthia. Der Klimawandel findet bereits jetzt statt. Der Alptraum ist Realität.

Aber die Konferenz bringt auch sehr viel Postives, meint Cynthia. Ich treffe mich mit Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika die selbst Anpassungsprojekte umsetzen. Es ist wirklich JEDE/R hier, der/die in diesem Bereich arbeitet! Das ist wirklich wunderbar. Es ist sehr wertvoll, sich hier auszutauschen: Was funktioniert, was hat sich weniger gut bewährt, was sind die nächsten Pläne. Die Konferenz bietet einen Think Tank von unschätzbarem Wert.

Am ersten Tag gibt es gleich einen Riesenwirbel und eine böse Überraschung aus Österreichischer Sicht: Gemeinsam mit Finnland und Schweden bekommt Österreich den "Fossil of the Day", den Preis für die stärkste Blockadepolitik in den Verhandlungen. Verliehen wird der Preis vom Climate Action Network (CAN). Auch CARE ist eines der über 500 Mitglieder dieses größten internationalen NGO-Netzwerks für Klimapolitik. Die üblichen Verdächtigen für den Preis sind normalerweise die USA, Kanada und andere große Klimasünder. Dass nun Österreich international so massiv an den Pranger gestellt wird, überrascht meine KollegInnen aus Afrika und Asien.

"Sorry, Andreas: der Preis ist leider begründet " meint Raja Jarah, CARE-Experte aus Großbritannien. Österreich hat gemeinsam mit Schweden und Finnland schlechte Regeln für die CO2 Bilanzierung von Wäldern vorgeschlagen. Die "Österreichische Lösung" erlaubt viele Schlupflöcher für Berechnungen von Emisionen, lautet die Kritik. Und dieses Beispiel könnte Schule machen in den Verhandlungen für den weltweiten Schutz der Regenwälder. Warum sollten Entwicklungsländer strenge Regeln für CO2-Bilanzierung akzeptieren, wenn nicht einmal reiche Industrieländer eine solche Regelung für sich vorsehen?! Mit ihrer Position gefährden Länder wie Finnland, Schweden und Österreich eine zentrale Säule des Klimaschutzes für das künftige umfassenden internationale Abkommen.


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