Terra incognita – in einem irgendwie fremden Land
Blog von Thomas Schwarz
Es ist ja unmöglich, über zwei Wochen in Jordanien zu sein und so zu tun, als ob es außer den Flüchtlingen kein anderes Thema gäbe. Gewiss, es ist das Wichtigste, mit dem ich mich hier beschäftige. Die Flüchtlinge sind der Grund, weshalb ich hier bin und nicht an meinem Schreibtisch in Bonn sitze. Ganz selbstverständlich lese ich hier aber auch die englischen Zeitungen, die es gibt. Ich sehe fern: BBC oder das englische Programm von Al Jazeera. Online gibt es eine Fülle von Nachrichten, Berichten, Interviews, Einschätzungen und ganz viele Zahlen und Daten. Auch die sind für meine Arbeit hier von Bedeutung: ohne sie könnte ich die humanitäre Lage nicht realistisch einordnen.

Schmelztiegel Amman
Ich spreche mit vielen Jordaniern oder Menschen aus anderen Ländern, die hier leben und arbeiten. Die Offenheit in diesem Land gegenüber Ausländern ist großartig. Wer will, kommt in jedem Restaurant, im kleinsten Café oder sogar am Straßenrand beim Warten auf den Bus mit Einheimischen ins Gespräch. Selbst ohne Kenntnisse des Arabischen, die mir fehlen, gibt es einen Austausch. Gestern Abend war ich in einer Buchhandlung, in deren Gebäude es auch ein Café gibt. Man kann dort essen, lesen, Leute treffen. Es gibt WLAN, Magazine oder ganz einfach einen frisch gepressten Obstsaft. Das books@café ist eine Art Schmelztiegel für lokale, regionale und internationale Besucher.
Hier, wo die Straßen keine Ebene zu kennen scheinen, glaubt man, dass die Hill Street in San Francisco eine flache Straße wäre. All das, die vibrierenden Restaurants, Cafés und das Durch- und Miteinander von Kulturen, Nationalitäten und Sprachen, das ständige Hupen von Taxis um Kundschaft, die Ethnien und Religionen – all das lässt mich glauben, ich sei in einem Terra incognita, in einem irgendwie fremden Land. Vom Flüchtlingsdrama in den jordanischen Städten, Dörfern oder an der Grenze zu Syrien ist hier nichts zu sehen.
Aber ich höre, wie in all den Cafés und öffentlichen Orten darüber gesprochen wird. Sicher, sagen die Leute hier, müsse man den Syrern helfen. Wie wäre es wohl umgekehrt? „Sie würden uns auch helfen“. Murad erzählt mir, wie er mit Freunden Geld gesammelt hat, davon Lebensmittel gekauft und sie dann an Flüchtlinge gegeben hat. Das war am Ende des Ramadan, im August. „Es gehört zu den Pflichten jedes Muslims, zu helfen und zu teilen, was man hat. Egal wie viel man geben kann.“ So stehe es im Koran. Der eine studiere gerade, sagt er und ein anderer arbeite in einer Bäckerei. Er habe keine reichen Freunde. Aber jeder habe seinen Beitrag geleistet. „Koran“ betonen sie immer auf eine besondere Weise, bedeutend. Nicht, wie wir das Wort „Bibel“ aussprechen würden, wenn wir Christen sind. Der Koran ist heilig, und so klingt es auch.

Vom Miteinander der Religionen
Und dann die Ereignisse der vergangenen Tage, die Angriffe auf US-amerikanische und deutsche Diplomaten und ihre Vertretungen. Wegen eines Videos, das irgendwo im weltweiten Netz aufgetaucht ist. Von einem gedreht, der den Koran und den Propheten Mohamed nicht akzeptiert, nicht einmal respektiert. Solche Reaktionen sind hier in Jordanien weder zu sehen noch zu hören. In einem winzigen Restaurant, wo es traditionelle Speisen gibt, spricht mich ein Jordanier von sich aus an. Er sitzt am Tisch, während ich an der Theke Falafel bestelle. „Man darf den Propheten nicht beleidigen oder herabsetzen. Das ist nicht erlaubt“, sagt er. „Aber diese Gewalt ist auch nicht gut.“ Er lächelt und schüttelt mir mit festem Druck die Hand. Er drückt aus, was in Jordanien weithin gedacht wird. Der Islam ist hier Staatsreligion, über 90 Prozent sind Muslime. Es gibt nur etwa 50.000 Katholiken hier. Sie werden respektiert und akzeptiert.
All diese unterschiedlichen Eindrücke, die Gespräche und Begegnungen malen ein Gesamtbild wie von selbst. Es ist nicht möglich, sich diesen Eindrücken zu entziehen. Es gehört alles zusammen. Ein Mosaik ergibt nur ein Bild, wenn alle Teile eingefügt wurden. So ist es auch für mich hier, in diesem für einen Westeuropäer unbekannten Land. Es kennenzulernen ist möglich. Es zu verstehen, schwierig. Aber es lohnt sich, es zu versuchen. Nur so kann man den viel beschworenen „Kampf der Kulturen“ in ein friedliches Miteinander führen.
Weitere Artikel:







