Tschad: Was Hunger bedeutet

Drei Frauen beschreiben, wie sie die momentane Hungerkrise mithilfe von CARE zu überstehen versuchen.
„Wenn wir nichts zu essen haben, werden wir nach einer Weile sterben.“ Die 46-jährige Hasta Abdelkarim findet klare Worte. Ob sie Angst hat vor dem Tod, fragt eine Besucherin. „Ja. Dann ist alles vorbei – dann gibt es nichts mehr,“ antwortet sie.
Mehr als 18 Millionen Menschen in der Sahelzone leiden unter der aktuellen Hungerkrise. Hasta gehört zu den 3,6 Millionen Betroffenen im Tschad, die aufgrund von chronischer Armut, unregelmäßigen Regenfällen, hohen Nahrungsmittelpreisen und regionalen Konflikten nicht genug zu essen haben. Jemand, der chronischen Hunger nie erlebt hat, kann sich schwer vorstellen, was das für einen Menschen, für eine Familie konkret bedeutet – und dass es dabei um viel mehr geht als um fehlende Nahrung und Probleme auf der körperlichen Ebene. Drei Frauen aus dem im Osten des Tschad gelegenen Dorf Djiogi berichteten CARE über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Hunger und wie sie mit dieser schwierigen Situation umgehen:
„Wir haben nichts zu essen. Wir sind dabei zu sterben“, stellt die 30-jährige Makabahar Abdoulai fest. „Die Kinder fragen oft: „Warum passiert das?“, erzählt Zenaba Abderrahaman-Bahan (30). „Sie sind hungrig, aber ich kann ihnen nichts geben. Ich spiele dann ein wenig mit ihnen, bis sie den Hunger vergessen haben.“ „Früher konnte ich meine Kinder zumindest ein wenig stillen, aber das geht jetzt nicht mehr, jetzt muss ich eine andere Lösung finden“, sagt Makabahar und fügt hinzu „Wenn meine Kinder hungrig sind, mache ich einen dünnen Brei aus Hirse und Wasser.“ Unter diesen Umständen ist es unwichtig, dass die vorhandenen Nahrungsmittel langweilig schmecken. Auch ihr Nährstoffgehalt ist kein Thema. „Wenn man Hunger hat, ist ein gutes Essen ein Essen, das den Bauch füllt – der Geschmack ist egal“, erklärt Zenaba.
Es zählt nur der heutige Tag Menschen, deren Hauptsorge
es ist, ihren Bauch irgendwie zu füllen, können keine Pläne
für die Zukunft machen. Es fällt ihnen sogar schwer, Entscheidungen zu treffen, die über den Zeitraum der nächsten 24 Stunden hinausgehen. „Wir können uns nur
auf unsere aktuellen Probleme konzentrieren“, meint Zenaba. „Wir können an nichts anderes denken.“
Insbesondere für Mütter ist es schwierig, sich mit anderen Themen als dem Wohlergehen ihrer Kinder zu beschäftigen, solange der Hunger ihren Alltag dominiert. „Die Kinder haben nichts zu essen – das ist unser Hauptproblem“, klagt Makabahar. „Ich denke viel darüber nach und bin sehr traurig.“ Die drei Frauen wissen nicht, was sie tun werden, wenn die kommende Ernte wieder schlecht ausfällt.
„Wir haben keine Ahnung. Wir können nichts tun. Es liegt in Gottes Hand,“ sagt Hasta und die beiden anderen nicken.
Für alle drei ist es nicht leicht, über ihre Sorgen und Zukunftsängste zu sprechen. Es wirkt so, als würden sie sich instinktiv in Resignation flüchten, um ihre tägliche Routine erträglicher zu machen und nicht zu verzweifeln. Wenn sie nach Hause kommen, muss sich jede der drei Mütter um fünf oder mehr Kinder kümmern, viele Stunden zu Fuß gehen, um Wasser zu holen und einen Weg finden, wie sie ihre Familien ernähren können. Zenaba zeigt auf die dünnen Ärmchen des kleinen Jungen, der auf ihrem Schoß sitzt: „Meine Kinder sind schwach, besonders die zwei kleinsten, die ein und zwei Jahre alt sind.“
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Hunger zu haben ist nicht nur ein schreckliches Gefühl, seine Auswirkungen gehen viel weiter, er beeinträchtigt die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern. „Wenn ein Kind nichts gegessen hat, kann es nicht laufen oder etwas unternehmen – es fühlt sich müde und möchte nur schlafen,“ beschreibt Makabahar. „Die Kinder wachsen nicht“, fügt sie hinzu. „Wenn sie nicht genug essen, entwickelt sich auch ihre Intelligenz nicht.“
Den Hunger austricksen
Es gibt verschiedene Methoden, um mit dem Hunger-Gefühl umzugehen bzw. mit ihm zu leben. „Wenn es ein großes Essen gibt, serviere ich es auf einem großen Tablett und jeder nimmt sich davon,“ erzählt Zenaba. „Wenn ich aber nur wenig Nahrungsmittel habe, teile ich sie auf und gebe jedem Kind nur eine kleine Portion, die ich einzeln am Rand des Tabletts serviere.“
Häufig werden die Portionen immer mehr verkleinert oder ganze Mahlzeiten ausgelassen. „Früher hatten wir drei Mahlzeiten, wir aßen am Morgen, zu Mittag und am Abend. Jetzt gibt es nur mehr zwei Essen am Tag,“ berichtet Hasta. „Wir lassen Mahlzeiten aus, aber die Mengen bleiben gleich“, sagt Makabahar.
Ein weiteres Indiz für eine schwierige Ernährungslage ist es, wenn Menschen Nahrungsmittel zu sich nehmen, die sie normalerweise nicht anrühren würden. In der Gegend, wo die drei Frauen leben, wird momentan die bittere Frucht eines Baumes als Nahrungsmittel verwendet, die die Leute „Wüstendattel“ nennen. Hasta erklärt den Prozess. „Zuerst fressen Esel die Früchte und die Samen, die sie nicht verdauen können. Wir sammeln ihre Exkremente und lösen die Samen heraus. Dann kochen wir sie vier Mal in heißem Wasser, so werden sie weich und verlieren ihren Geruch.“
Nutztiere gelten in diesen ländlichen Gemeinschaften als besonders wertvoller Besitz. Doch in Hungerzeiten wie jetzt verkaufen die Menschen sogar ihr Vieh als letzten Ausweg. „Ich habe noch ein paar Kühe, aber nicht mehr viele“, beklagt Makabahar. „Ich werde auch sie verkaufen müssen, um mit dem Geld ein wenig Nahrung zu kaufen.“
Hasta, die älteste Frau in der Gruppe, hat eine Hungerkrise wie die aktuelle schon lange nicht mehr erlebt. „Als ich klein war, passierte so etwas nicht. Mein Vater musste nur ein einziges Mal weggehen, um Arbeit und Weideland wo anders zu finden, das war 1984. Seitdem ist so etwas nie mehr wieder passiert. Wir hatten damals zuhause Tiere und sogar Kamele, die genug zu fressen fanden. Und wenn das Wetter gut war, legten wir einen Gemüsegarten an und ernteten Tomaten und Salat… Gemüse gibt es heute nicht einmal mehr auf dem Markt zu kaufen.“
Hilfe bis zur nächsten Ernte
Hasta, Makabahar und Zenaba haben von CARE Nahrungsmittel-Rationen erhalten, darunter 50 kg Sorghum, 15 kg Mais, mit Vitaminen angereichertes Soja und 8 Liter Speiseöl. So können die Familien die schwierige Zeit bis zur nächsten Ernte überbrücken, ohne ihren gesamten Viehbestand verkaufen zu müssen – ihren kostbarsten Besitz. „Wir haben Kinder und wir haben Hunger. Wir freuen uns sehr über diese Nahrungsmittel und die Unterstützung von CARE“, sagt Zenaba dankbar. „Meine Kinder warten. Ich gehe jetzt nach Hause und koche für sie Brei. Sie werden gut essen und sehr glücklich sein.“
Unterstützen Sie unsere Hungerhilfe in der Sahelzone!
Fotos: Brendan Brannon/CARE 2012
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