Datum: 02. August 2012

Die Angst flieht mit nach Jordanien

Blog von Thomas Schwarz 

 

2.8.2012:

Nadwa kommt aus Aleppo. Sie ist 62 Jahre alt und das Gehen fällt ihr schwer. Sie sitzt in einem CARE-Büro in Mafraq im Osten Jordaniens vor mir. Ihr Gesicht ist von der Flucht aus Syrien regelrecht gezeichnet. Sie schaut meist gedankenverloren irgendwohin, nur nicht jemanden an. Wer weiß, welcher Gedanke gerade durch ihren Kopf geht. Ihre kleinen Hände, die sie auf ihren Gehstock gelegt hat, passen nicht zu ihrem großen Körper. Äußerlich wirkt sie wie eine starke, selbstbewusste Frau. Doch wenn sie spricht, ist sie leise und wirkt unsicher. „Mein Sohn kam zuerst hierher. Vor einem Monat bin ich in einen Bus gestiegen und lebe seitdem ebenfalls in der Fremde.“ Zwischen diesen beiden Sätzen liegen gefühlte fünf Minuten. Es scheint, als ob sie die ganze Flucht zwischen diesen beiden Sätzen noch einmal in ihren Gedanken durchspielt.


Nadwa ist im CARE-Büro, das in einer kleinen Straße in Mafraq liegt. Wie viele andere Flüchtlinge war sie hierher gekommen, um eine finanzielle „Starthilfe“ für das Leben in der Fremde zu erhalten. CARE hat diese Unterstützung – „cash transfers“ genannt – an viele hundert Familien ausgegeben. Die Flüchtlinge haben schließlich nicht nur ihr Haus zurückgelassen. Die wenigsten waren in der Lage, mit dem eigenen Auto oder gar mit Möbeln zu fliehen.


Flucht vor dem Tod
Die 60-jährige Ghawa aus dem syrischen Homs ist schon lange Witwe. Sie ist im Gegensatz zu Nadwa klein und von zierlicher Gestalt. Sie zittert. Und man könnte meinen, ihre Stimme würde sehr leisen sein, wenn man sie sieht. Aber sie ist die Laute. Sie wehklagt über den Krieg in ihrem Heimatland. „Wir sind vor dem Krieg geflohen und vor dem Tod“, sagt sie. „Homs ist eine so schöne Stadt gewesen, bevor die Gewalt kam.“ Vor mehr als einem halben Jahr kam sie nach al Mafraq und lebt nun bei Verwandten. Was das angeht, hat sie „Glück“ gehabt.


Aber gilt solch ein Wort überhaupt unter Bedingungen wie denen in Syrien, die die Menschen zu Tausenden in die Fremde zwingen? „Ich habe einen Neffen verloren, er ist erschossen worden. Ich habe gesehen, wie auf offener Straße Menschen die Augen verbunden wurden und sie dann erschossen wurden.“ Mit dem Stoff der schwarzen Kopfbedeckung wischt sie sich ein paar Tränen weg. Ihre Stimme wird brüchiger, bleibt dabei dennoch laut. „Das dauert vielleicht noch drei Jahre. Womöglich vier oder fünf. Wie lange auch immer, ich werde zurückkehren nach Hause“, sagt sie bestimmt. Plötzlich schweigt sie. In dem Zimmer des Gebäudes, in dem wir das Gespräch führen, entsteht Stille. Sie kann über das alles einfach nicht mehr sprechen. „Ich bin müde, wissen Sie. Es ist einfach alles zuviel.“


Weder Nadwa noch Ghawa wollen sich fotografieren lassen. Auch nicht, als ich ihnen sage, sie könnten doch beide das Tuch vor ihr Gesicht halten und es bedecken, damit niemand sie erkennen könne. Nein, sie wollen nicht. Sie haben Angst. Angst davor, doch irgendwie erkannt zu werden von denen, die sie für den Krieg in ihrem Land verantwortlich machen. Wenn sie wieder nach Hause kämen und man sie auf einem Foto sähe, würden sie vielleicht… Sie wissen nicht genau wovor, aber sie haben Angst. Sie ist mit den beiden Frauen mit nach Jordanien gekommen. Sie werden sie auch hier nicht los.

 

31.7.2012:

Gestern im Flugzeug, auf dem Weg von Frankfurt nach Amman: Ich lese die aktuellen Zahlen von SyrerInnen, die aus ihrem Land flüchten. Sie sind unterwegs in die Türkei, in den Irak, den Libanon oder Jordanien, wo ich hinfahre. Ich lese viele verschiedene Zahlen, aber alle sind hoch. Zum Beispiel befinden sich in den benachbarten Ländern zur Zeit bis zu 120.000 Menschen in einer Notlage. Laut UNO werden jeden einzelnen Tag um die 450 Personen registriert, die ihr Zuhause verlassen und flüchten mussten. Allein in Amman lebt beinahe ein Viertel der Betroffenen. In den kommenden Tagen werde ich einige von ihnen treffen und ihre Geschichte hören.
Bevor ich damit anfange wird mir das CARE Landesbüro zeigen, was man bereits für die Flüchtlinge in der Grenzregion tut. Sie helfen den Menschen dort mit Bargeld-Auszahlungen. Es handelt sich nur um eine geringe finanzielle Unterstützung, um zu überleben. Es ist nicht viel, aber gleichzeitig entscheidend für die Leute, die neu in ein fremdes Land kommen und fast alles zurücklassen mussten. Seit Beginn des Jahres hat CARE ihnen rund 60.000 Euro zur Verfügung gestellt. Es gibt ein Lager in Bashabsha, aber was bedeutet „Lager“ hier? Es ist nur für den Übergang gedacht, die Zeit zum Umstellen von der Ankunft aufs tägliche Überleben. Hinter den ganzen Zahlen, die mich während des Fluges beschäftigt haben, kommen Menschen zum Vorschein – wenn Anis von ihnen erzählt. 


Anis ist der Vertreter des CARE-Landesdirektors in Jordanien. Er erklärt mir, dass er gestern in einem neuen großen Lager in der Grenzregion war, das vom UNHCR eingerichtet worden ist. Es war im Fernsehen und in allen Zeitungen weltweit. Was wir daraus lernen, ist, dass die sogenannte „Internationale Gemeinschaft“ sich langsam der notwenigen Hilfe und Unterstützung annimmt, zumindest einige der reichen Staaten.
Der Staat Jordanien stößt an seine Grenzen. Die Regierung reagierte sofort, als die ersten syrischen Flüchtlinge über die Grenze nach Jordanien flohen. Aber es ist unmöglich, mit einem derartigen Ansturm fertig zu werden. Ich möchte gerne wissen, wie ein industrialisiertes Land verfahren würde, wenn jeden Tag und jede Nacht bis zu 1200 oder mehr Flüchtlinge in ihr Land kämen. Das ist für mich fast unvorstellbar! Die bislang geleistete Hilfe ist gut, aber bei weitem nicht ausreichend. Heute Morgen habe ich ein Mail von einem Freund bekommen, der mich fragte: „Was ich zuhause gefährlich finde: wir werden hier von den immer gleichen Geschichten erdrückt. Es geht um Erschießungen, um Grausamkeiten, um Flüchtlinge. Es scheint jeden Tag dasselbe zu sein. Werden die Leute wegschauen und nicht mehr zuhören oder hinschauen, wenn es so weitergeht? Und werden sie helfen?“


Angesichts all der Zahlen und des enormen Leids wird dies nicht geschehen. Ich habe auf dieses Mail nicht geantwortet, das werde ich morgen machen, nach meiner Rückkehr nach Amman, nachdem ich die Lager und die Menschen gesehen habe. Und wenn ich ihnen zugehört habe. Trotz allem bin ich ein Optimist. Bis jetzt haben Menschen, die es sich leisten konnten, andere Menschen in einer verzweifelten Notlage immer unterstützt. Sie haben auch CARE unterstützt, sodass wir unsere Arbeit vor Ort aufnehmen konnten. Moslems haben einen schönen Ausdruck für diese Hoffnung. Sie sagen „Insh’Allah!“

 

Fotos: CARE/Schwarz 2012