Woher wird unsere zukünftige Nahrung kommen?
Ernährungsfragen gehören zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und der Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro. Die meisten TeilnehmerInnen konnten auf dem Konferenzgelände eigene Erfahrungen im Bereich Ernährungssicherheit und gesunde Ernährung machen. So habe ich beispielsweise in einigen Restaurants Preisschwankungen festgestellt, die mit dem Eintreffen der Staats- und Regierungschefs am Mittwoch ihren Höhepunkt erreicht haben. Zwar sollten die meisten TeilnehmerInnen wirtschaftlich in der Lage sein, diese teuren Mahlzeiten zu bezahlen. In der Geldtasche tut es jedoch weh. Aber ohne eine gesunde und ausgewogene Ernährung kann man 14-Stunden Arbeitstage nicht überleben.
Besonders die Delegierten der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen tun sich schwer damit, nicht hungrig ins Bett zu gehen. Zum Glück habe ich es geschafft, mich gesund und ausgewogen zu ernähren. Der Bio-Supermarkt und die Restaurants sind sehr beliebt hier, erfordern aber eine Menge Geduld und Ausdauer beim Anstellen. Natürlich ist mir klar, dass der Preis von Sushi während der Konferenz nicht mit dem Preis von Grundnahrungsmitteln in Entwicklungsländern vergleichbar ist. In keiner Weise. Aber die Erfahrungen während der Konferenz zeigen: Wenn die Marktpreise von Nahrungsmitteln schwanken und der Zugang zu gesunder und ausgewogener Ernährung schwieriger wird, betrifft uns das alle.
Die große Bedeutung einer nachhaltigen Landwirtschaft wird hier bei vielen Veranstaltungen und während den Verhandlungen selbst immer wieder betont. Trotz dieser eigentlich guten Voraussetzung wird mit dem Verhandlungsergebnis nicht der landwirtschaftliche Wandel eingeleitet, die notwendig wäre, um die erwarteten neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 sozial und ökologisch nachhaltig zu ernähren. Die juristischen Formulierungen, mit denen nachhaltige Landwirtschaft vorangebracht werden soll, sind sehr schwach. Es reicht einfach nicht, einmal mehr das „Recht auf Nahrung“ zu erwähnen und zu sagen, dass Frauen eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft spielen, um für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern langfristige Verbesserungen zu erreichen. Klare Ziele, Aktivitäten und Zeitpläne werden dringend gebraucht, um die gegenwärtige industrielle Produktion in eine agro-ökologische, klimaschonende und kleinteilige Landwirtschaft in allen Regionen der Welt zu verwandeln.
Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern produzieren derzeit zwischen 60 und 80 Prozent der gesamten Nahrungsmittel. Die Mehrheit dieser 1,2 Milliarden Menschen sind Kleinbäuerinnen. Trotzdem werden diese Frauen von der Politik und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oft ignoriert und von landwirtschaftlichen Beratungsleistungen ausgeschlossen. Wir wissen, dass die Wurzeln von Ausgrenzung und Armut zumeist in der ungerechten Verteilung von Rechten, Ressourcen und Macht liegen. Das vorläufige Abschlussdokument ist diesen Themen gegenüber jedoch völlig blind.
Rio+20 hat uns keine klare Vision und keine konkreten Maßnahmen geliefert, mit denen Ernährungssicherheit und eine gesunde Ernährung für alle möglich wird. Die Nachhaltigkeitskonferenz hat Kleinbäuerinnen und Kleinbauern nicht in das Zentrum der Aufmerksamkeit für eine agro-ökologische Revolution gestellt. Landwirtschaftliche Subventionen, die beispielsweise die industrielle Landwirtschaft stärken und kleinbäuerliche Betriebe benachteiligen sowie Nahrungsmittelspekulationen wurden nicht erwähnt.
Fehleln Wille und Ambitionen bei PolitikerInnen, ist die Zivilgesellschaft gefragt. Wir können nicht mehr auf Regierungen warten. CARE unterstützt schon jetzt die ärmsten und am meisten gefährdeten Menschen und ich habe das starke Gefühl, dass wir noch viel mehr Unterstützung bereitstellen werden müssen, auch weil Rio+20 den lokalen Gemeinden nicht helfen wird.
Rio+20: Visionen reichen nicht!
Ursprünglich wollte ich über die kleinen und großen Geschehnisse am Rande der Rio+20 Konferenz schreiben, damit Sie einen Einblick in die Abläufe solcher großen internationalen Konferenzen bekommen. Diese Absicht habe ich aufgegeben, weil die bisherigen Verhandlungen eine kritischere Auseinandersetzung erfordern. Kurz zusammengefasst sieht es so aus: Die Delegationen erkennen an, dass wir massive soziale, ökologische und ökonomische Probleme haben und schlagen als Lösung ein „weiter so“ mit grünem Anstrich vor.

Die Verhandlung über die Zukunft unseres Planeten wurde seit Mittwoch von einer Vielzahl von Staats- und Regierungschefs in Rio de Janeiro fortgeführt. Zwanzig Jahre nach dem Erdgipfel, der unter anderem Nachhaltigkeit als Entwicklungsmodell etablierte und die UN Konventionen zu Klima, Wüsten und Artenvielfalt verabschiedete, lassen die Delegationen bislang eine gemeinsame Vision für eine sozial gerechte und ressourcenschonende Entwicklung vermissen. Das aktuelle Abschlussdokument spiegelt dies auch im Titel wieder. Es ist nicht „Die Zukunft, die wir uns wünschen“. Selbst die Delegationen haben das erkannt und sprechen nur noch von „Unserer gemeinsamen Vision“. Die Verärgerung über den nicht vorhandenen politischen Willen und die niedrigen Ambitionen ist auf dem Konferenzgelände zu spüren, insbesondere bei den Nichtregierungsorganisationen.
Keine Resignation oder Frustration, einfach nur Wut über die unkonkreten Absichtserklärungen, die weder Armut bekämpfen, soziale Ungerechtigkeiten abbauen, hungernde Menschen ernähren oder Geld für die Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung stellen. Wut, dass Rio+20 hinter die damals ambitionierten Weichenstellungen des Erdgipfels zurückzufallen droht.
Viele Möglichkeiten zur Lösung unserer vielfältigen Krisen liegen auf dem Tisch. Die Zeit, mit Absichtserklärungen Politik zu machen, ist vorbei. CARE und viele andere Organisationen und Institutionen haben mit ihren Projekten und Programmen gezeigt, dass Armut wirkungsvoll reduziert werden kann, dass die Anpassungsfähigkeit von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern an den Klimawandels erhöht werden kann, dass Frauen und Kinder die Agenten dieses Wandels sind. Wir haben den Ernst der Lage erkannt und handeln.
Das Problem sind nicht die internationalen Konferenzen und der Verhandlungsprozess. Das Problem ist der fehlende politische Wille.
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