Buchempfehlung: Geschichte des Kongo
Wo beginnt die Geschichte des Kongo, fragt sich David van Reybrouck im Vorwort seines 780-Seiten Werkes. Der ausgebildete Archäologe bedauert die Tendenz, die Historie des riesigen Landes im Zentrum Afrikas mit der Ankunft des so genannten Entdeckungsreisenden Henry Morton Stanley in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnen zu lassen. Schließlich habe sich doch in Afrika vor fünf bis sieben Millionen Jahren die Entwicklungslinie des Menschen von der des Menschenaffen getrennt.
Er schreibt: Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer?
„Ich habe versucht, die Geschichte möglichst aus einer afrikanischen Perspektive zu schreiben“, betont David van Reybrouck im Interview.
„Ich habe mit vielen Kongolesen gesprochen. Man glaubt ja oft, dass in Zentral-Afrika keine Entwicklung stattfand, dass alles statisch blieb. Und mir war es sehr wichtig, gleich zu Beginn zu zeigen, dass es dort in den letzten 90.000 Jahren sehr wohl eine soziale, politische und menschliche Evolution gegeben hat. Und das habe ich mit ein paar Schnappschüssen versucht darzustellen.“
David van Reybrouck imaginiert einen zwölfjährigen Jungen und beschreibt in fünf Momentaufnahmen dessen sich im Laufe der Zeit verändernden Lebensumstände vom ersten Faustkeil bis ins Jahr 1870.
Er schreibt:
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens. Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Von Stillstand konnte nie die Rede sein. Immer weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten 500 Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände.
Im Rahmen der Kongo-Konferenz Ende 1884, Anfang 1885 wurde Afrika unter den europäischen Mächten aufgeteilt. Das Territorium fiel in die Hände des belgischen Königs Leopold dem Zweiten. Er nannte es Etat Independent du Congo, im deutschen als Freistaat Kongo bekannt. Leopold, der selbst den Kongo nie bereist hatte, ließ das Gebiet aufs Blutigste ausbeuten. Zuerst ging es vor allem um Elfenbein und dann, als der Gummiboom einsetzte, um Kautschuk. Leopold der Zweite, so David van Reybrouck, war das Paradebeispiel eines rücksichtslosen, brutalen Erzkapitalisten, der zehntausende Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Initiator eines Genozids oder eine Art Nazi, wie zuweilen geschrieben wird, war er aber nicht, erklärt der Autor.
„Leopold brauchte zwar viele Menschen für die Arbeit, wollte diese aber nicht umbringen. Es war eine Art extremer Kollateralschaden seiner rücksichtslosen, kapitalistischen Ausbeutung. Verglichen mit der bewussten Auslöschung des Herero-Volkes in Namibia im Jahr 2004 war es kein Genozid. Es wurde keine Vernichtung bestimmter sozialer Gruppen angestrebt. In meinem Buch verwende ich den Ausdruck Hekatombe, also eine erschütternd große Zahl an Opfern als Folge des Mordens und Schlachtens von enormem Ausmaß, begangen von einem König, der nicht glaubte, dass die Berichte über das Massensterben wahr waren. Ein bisschen so wie in der katholischen Kirche, die zuerst nicht glauben wollte, dass die dort praktizierte Pädophilie so schlimm sei und später dann sich weigerte zu sehen, dass es so schlimm ist.“
1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen, bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land. Über den sehr charismatischen Freiheitskämpfer Patrice Lumumba hat David van Reybrouck viele Leute befragt, war in seinem Geburtsort und hat auch mit dessen damaliger Geliebten gesprochen. Lumumbas Märtyrertod nach wenigen Wochen im Amt überstrahle seinen mäßigen Erfolg als Kurzzeit-Politiker, so Van Reybroucks Resümee.
„Wäre der Kongo so anders, hätte Lumumba die Chance gehabt, länger als Premierminister zu regieren? Ich glaube nicht. Die Menge an Problemen des gerade unabhängig gewordenen Landes wäre für jeden zu viel gewesen.“
Zur Zeit der Unabhängigkeit 1960 gab es gerade einmal 16 Akademiker im Land, niemand hatte je in einer Demokratie gelebt und alle politischen Anweisungen kamen weiterhin aus Brüssel. Aus den folgenden chaotischen Kriegswirren ging Mobutu als Herrscher hervor - mit offensichtlicher Unterstützung der CIA, wie David van Reybrouck betont.
„Der Grund, warum die USA starkes Interesse an der Kontrolle über den Kongo hatten, war der Zugang zu den Uranminen. Das Uran für die Atombomen auf Hiroshima und Nagasaki stammte aus dem Kongo. Da die Nachbarstaaten schon unter sowjetischer Kontrolle waren, hatten die Amerikaner Angs,t dieses wichtige Aufrüstungs-Asset zu verlieren und unterstützten daher Mobutus Staatsstreich im Jahr 1965. Mobutu löste unter dem Vorwand, Ordnung zu schaffen, das Parlament auf. Vorerst für fünf Jahre, daraus wurden dann letztendlich 32 Jahre. Sein Versuch einer Neuordnung des Landes wurde zu einer der schlimmsten afrikanischen Diktaturen überhaupt.“
Dennoch begegneten dem Autor im Laufe seiner jahrelangen Recherchen immer wieder Mobutu- Nostalgiker. Sie halten daran fest, dass der Staat bzw. dessen nationale Einheit unter der Führung des megalomanen Marshalls mit der Leopardenfellmütze besser funktioniert habe als nach dessen Sturz 1997. Seither, so die traurige Faktenlage, befindet sich die Region im chronischen Kriegszustand. Es ist ein außerordentlich komplexer Konflikt, an dem irgendwann neun afrikanische Länder und etwa dreißig lokale Milizen beteiligt waren, ein Kräftemessen in kontinentalem Maßstab mit dem Kongo als zentralem Kriegsschauplatz.
Was die Zahl der Opfer betraf, weitete sich der Große Afrikanische Krieg oder zweite Kongokrieg zum tödlichsten Konflikt seit dem zweiten Weltkrieg aus. Allein im Kongo sind seit 1998 mindestens drei Millionen und möglicherweise fünf Millionen durch den Krieg gestorben, mehr als in den medial so stark präsenten Konflikten in Bosnien, im Irak und in Afghanistan zusammen. Den größten Blutzoll zahlten Zivilisten. Sie starben nicht in den Kämpfen, sondern als Folge von Unterernährung, Durchfall, Malaria und Lungenentzündung, Krankheiten, die wegen des Krieges nicht mehr behandelt wurden.
„Ich weigere mich zu glauben, dass dieser Krieg ein atavistischer Konflikt unter Wilden ist, der nur durch irrationale Primitivität motiviert scheint. Es ist ein sehr moderner und globaler Krieg um einerseits Ressourcen. Die sind der Fluch des Kongo. Und zweitens ist der Osten des Landes eines der am dichtesten besiedelten Flecken dieser Erde. Es herrscht dort also ein erbitterter Kampf um Agrarland. Der Genozid in Ruanda 1994 war zum Teil durch Überbevölkerungsdruck motiviert."
Im letzten Kapitel seines gekonnten und vor allem auch stilistisch starken Mixes aus Reportage und historischer Analyse reist David van Reybrouck mit einer Gruppe von kongolesischen Geschäftsleuten nach China. Die vom ökonomisch aufstrebenden Osten begeisterten Händlerinnen und Händler decken sich dort mit Schuhen, Kleidern, Handy und I-Pod-Imitaten für den Wiederverkauf in der Heimat ein. Und auch der belgische Autor zeigt sich angetan von der fruchtbaren sino-afrikanischen Business-Beziehung in Fernost, auch wenn den chinesischen Geschäftsleuten im Kongo mitunter Misstrauen entgegenschlägt. Das dritte Millennium hat definitiv auch den Kongo erreicht. David van Reybroucks History from below, wie er sein Buch selbst nennt, zeigt das sehr eindrucksvoll. Nach der Lektüre glaubt man am afrikanischen Äquator förmlich mehr das Herz der Globalisierung denn jenes der Finsternis schlagen zu hören.
„Ich habe anhand von 500 Interviews mit Menschen aus dem Kongo versucht zu zeigen, dass, was im Kongo passiert, logische Gründe hat und nichts Irrationales und vom Rest der Welt Losgelöstes ist. Anhand der Interviews versteht man das Land und hört auf, es als Herz der Finsternis zu begreifen. Ich halte Joseph Conrads Roman für einer besten überhaupt, aber ich hasse es, wenn er als die Metapher für den zeitgenössischen Kongo verwendet wird. Die Dunkelheit liegt in den Augen der westlichen Welt und nicht so sehr in Zentralafrika.“
Buchempfehlung:
David van Reybrouck: Kongo. Eine Geschichte.
Übersetzt von Waltraud Hüsmert.
Suhrkamp
783 Seiten; 29,95 Euro.
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