Rio+20: Es geht nicht nur um Umweltthemen!
Auch für Hilfsorganisationen wie CARE ist die Konferenz für Umwelt und nachhaltige Entwicklung in Rio ein großes Thema und wir werden nicht müde zu betonen, dass es dabei nicht nur um Umweltthemen geht, sondern ebenso um gesellschaftliche Fragen wie Verteilungs- und Geschlechtergerechtigkeit, die dringend gelöst werden müssen, um das Überleben des Planeten und von Milliarden Menschen nachhaltig zu sichern.
Während in Rio die Paragraphen eines von vornherein wenig ambitionierten Abschlussdokuments verhandelt werden, sind in der Sahelzone mehr als 18 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. 925 Millionen Menschen, und somit 15 Prozent der Weltbevölkerung, sind unterernährt. Dagegen haben 1,5 Milliarden Menschen, also 20 Prozent der Menschheit, Übergewicht. Unser blind auf Wachstum konzentriertes Wirtschaftsmodell bringt lediglich einer globalen Minderheit Wohlstand, basiert auf Ausbeutung und Ungerechtigkeit und hat zunehmend zerstörerische Konsequenzen für unsere Umwelt.
Besondere Sorgen macht CARE der fortschreitende Klimawandel, dessen dramatische Auswirkungen – wie immer häufigere Dürreperioden und Überflutungen - schon heute insbesondere die Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern betreffen. Der WWF, CARE und andere Hilfsorganisationen haben Ende Mai einen Bericht herausgegeben, demzufolge die durch den Klimawandel ausgelösten Kosten bis zum Jahr 2060 mindestens zwei Billionen US-Dollar betragen werden, ganz abgesehen von riesigen Verlusten an Menschenleben, Ökosystemen und Biodiversität. Das Schlimmste daran ist – hier laufen Prozesse, die nicht mehr umkehrbar sind! Darum muss aus Sicht der Hilfsorganisationen schnellstens gehandelt werden. In Rio und bei den laufenden Klimaverhandlungen müssen verbindliche Zusagen gemacht werden, um die CO2 Emissionen der Industrieländer zu reduzieren und den Entwicklungsländern dabei zu helfen, in Klimawandelanpassung, Katastrophenvorsorge und nachhaltige, CO2-neutrale Entwicklung zu investieren.
CARE fordert zudem Investitionen in kleinbäuerliche, nachhaltige Landwirtschaft ein – und in die Stärkung von Frauen und Mädchen. In unserer Gesellschaft, wo Nahrung im Supermarkt scheinbar unendlich verfügbar ist und die Energie sauber aus der Steckdose kommt, vergisst man allzu leicht, dass Milliarden von Menschen von natürlichen Ressourcen existenziell abhängig sind. Sie brauchen fruchtbaren Boden, um Getreide anzubauen, Wasser, um sich und ihre Nutztiere zu versorgen und Brennholz, um zu kochen und ihre Wohnräume zu wärmen. Und die größte Arbeitslast wird dabei von Mädchen und Frauen getragen: Sie sind für 50 – 80 Prozent der Nahrungsmittelproduktion zuständig, besitzen aber nur 10 Prozent des weltweiten Ackerlandes. Die Ernten würden um 20 – 30 Prozent steigen und es gäbe schon jetzt um 100 – 150 Millionen weniger Hungernde, wenn Frauen endlich besseren Zugang zu Landrechten und landwirtschaftlichen Ressourcen und Krediten hätten.
Eine weitere soziale Frage, die im Zusammenhang mit der fortschreitenden Umweltzerstörung dringend gelöst werden müsste, ist die der Bevölkerungsexplosion in den vom Hunger am meisten bedrohten Weltgegenden. Im Niger, den ich vor kurzem besuchte, haben Frauen durchschnittlich 7 Kinder! Diese stellen zumeist die einzige Altersversorgung für die Eltern dar. Wenn soziale Absicherungssysteme vorhanden sind und Wohlstand und Bildung in einer Gesellschaft steigen, sinken die Geburtenzahlen automatisch. Doch noch immer haben über 200 Millionen Frauen und Mädchen noch nicht einmal Zugang zu Verhütungsmitteln.
Österreichs globale Verantwortung ist gefordert!
Unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme sind bis jetzt maßgeblich daran gescheitert, soziale Ungerechtigkeit zu beseitigen, Armut zu überwinden und Umweltzerstörung zu verhindern. Wir brauchen einen schnellen und radikalen Wandel hin zu einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung, die die Bedürfnisse der Armen in den Mittelpunkt stellt und unsere Umwelt bewahrt. Diesbezüglich ist selbstverständlich auch Österreich gefordert, das die Konferenz für Umwelt und nachhaltige Entwicklung zum Anlass nehmen sollte, um endlich die viel beschworene „Schubumkehr“ in Bezug auf sein beschämendes Budget für Entwicklungszusammenarbeit in Angriff zu nehmen und zusätzlich großzügig Gelder im Klimabereich zur Verfügung zu stellen.
Unsere Hausaufgaben gehen aber noch weiter: Wenn wir eine menschlichere „grünere“ Wirtschaft wollen, müssen wir das Bewusstsein für globale Verantwortung und das Wissen um weltweite Zusammenhänge auch in der eigenen Gesellschaft stärken. Woher sollen die ManagerInnen der viel beschworenen „Green Economy“ kommen, wenn Kinder und Jugendliche in der Schule mehr über die Steinzeit und das Alte Ägypten lernen als über die dringendsten Probleme der Jetztzeit und Studien wie Internationale Entwicklung abgeschafft werden? Österreich braucht eine Bildungsoffensive. Globales Lernen, Umweltschutz und Politische Bildung sollten Pflichtfächer an allen Schulen werden – ebenso wie Grundkenntnisse in Bereichen wie Ethik und gewaltfreie Kommunikation.
Dr. Andrea Wagner Hager ist Geschäftsführerin von CARE Österreich und Ethnologin
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