Datum: 15. Februar 2006

Tschetschenien: Flüchtlinge ohne Chance

Kamal wartet auf ein besseres Morgen
In einem ehemaligen Kuhstall in Nasran in Inguschetien habe ich ihn getroffen. Den 16-jährigen Kamal, dessen rechte Gesichtshälfte durch Narben völlig entstellt war. Eine Mine hatte sein rechtes Auge und auch einen Teil seiner Zunge weggerissen. In dem Stall lebte er mit seiner Familie und zwanzig weiteren tschetschenischen Flüchtlingsfamilien. In mit Sperrholz abgeteilten kleinen Räumen wohnten sie – und warteten auf ein besseres Morgen.

Kamal will Englisch lernen
Kamal hatte keine Hoffnungen und nur einen kleinen leicht zu erfüllenden Wunsch – er wollte Englisch lernen. Ich habe damals über Kamal berichtet und eine Welle von Reaktionen ausgelöst – und trotzdem konnte ihm nicht geholfen werden. Denn für die Operationen, die ihm sein Gesicht zurückgeben hätte können, war es zu spät. Kurze Zeit später ließ Moskau die Unterkünfte in Inguschetien zum Teil friedlich, zum Teil mit Gewalt räumen und die Menschen nach Tschetschenien zurückschicken.

Zurück in Grosny: Ohne Perspektive
Auch Kamal und seine Familie. In Grosny, wo die meisten Flüchtlinge herkamen, leben sie jetzt unter kaum besseren Bedingungen. In so genannten provisorischen Auffangzentren ohne fließendes Wasser und mit Toiletten auf dem Hof, oder in halbzerstörten Wohnhäusern. Arbeit gibt es keine, Hilfe auch nicht.

Berichterstatter kämpfen gegen das Vergessen
Der Krieg in Tschetschenien geht unter der Oberfläche weiter – und zurzeit gibt es kaum Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage. Für uns Berichterstatter ist das eine offene Wunde. Jedes Mal, wenn wir in die Region reisen und mit den Betroffenen sprechen, hoffen wir, mit unseren Berichten etwas zu bewegen – die Lage dieser Menschen ohne Perspektive verbessern zu können. Und manchmal gelingt es auch. Sehr oft aber bleibt unser Wort ungehört – und wir fühlen uns schuldig, weil wir nicht direkt konkret helfen konnten. Trotzdem versuchen wir, gegen das Vergessen anzukämpfen. Manchmal mit großem, oft ohne jeden Erfolg. 
Susanne Scholl ist auch Autorin. Ihr neuestes Werk: „Nataschas Winter€

Tschetschenien: CARE gibt Hoffnung
Von den hunderttausenden Menschen, die in Tschetschenien auf der Flucht vor Gewalt, Elend und Armut sind, haben seit 2002 immerhin schon mehr als 15.000 eine Chance ergriffen. Mit der Unterstützung von ECHO, der Abteilung für Humanitäre Hilfe der Europäischn Union, bietet CARE Schul- und Berufsausbildungen für Jugendliche an. Auch Englischunterricht.


Zum CARE-Projekt Tschetschenien: Zukunftsperspektiven für Jugendliche